Das Steildach führt die Dachlandschaft des Blockrands weiter. Die Fassade besteht aus rohem Aluminiumblech, das Fallrohr aus Reststücken.
Das Steildach führt die Dachlandschaft des Blockrands weiter. Die Fassade besteht aus rohem Aluminiumblech, das Fallrohr aus Reststücken.

Zirkuläres Experiment

Im Kleinbasel hat Architekt Lukas Raeber vier Wohngeschosse auf ein altes Werkstattgebäude gesetzt und dabei das klimagerechte Bauen erprobt.

Text: Lukas Gruntz
Fotos: Rasmus Norlander
04.03.2023 08:00

Architekt Lukas Raeber spricht von einem Experiment. Und tatsächlich: Mehrfamilienhäuser, die sich konsequent einer zirkulären Bauweise verpflichten, kann man hierzulande an einer Hand abzählen. Mit seinem ‹Haus für die Kreislaufwirtschaft› sucht Raeber neue Lösungsansätze. An der Efringerstrasse im Kleinbasel erfahren wir mehr: Die Fassade der viergeschossigen Aufstockung einer Werkstatt von 1920 übt sich in Zurückhaltung. Sie ist mit unbehandeltem Aluminiumblech bekleidet, das sich einfach wiederverwenden lässt. Ein Schrägdach mit PV-Anlage krönt das Haus und führt die Traufhöhe der Nachbarhäuser weiter. Ins Auge sticht das mittige Fallrohr, das sich aus Reststücken, bestehend aus Kupfer, Chromnickelstahl und Messing, zusammenfügt. Über eine unscheinbare Tür im Sockel betritt man das Treppenhaus, das pro Geschoss zwei Kleinwohnungen erschliesst. Der Grundriss ist schnell erklärt: Zwischen Brand- und Wohnungstrennwand organisieren sich die Wohnungen um einen Kern, der Bad, Küche, Technikschrank und Garderobe umfasst – und den Wohnraum so vom Schlafzimmer trennt.

Die Aufstockung ist zum Hinterhof abgetreppt. Die Balkongeländer bestehen aus verzinkten Industriebodengittern.
Beim Betreten der Wohnung fällt das leise Knarren des Bodens auf. Die Massivholzriemen sind nicht wie bei Neubauten üblich geklebt, sondern liegen unsichtbar geschraubt auf einer Schüttung. Der Schallschutz ist «low tech» gelöst: In den Boden eingelegte Granitplatten sorgen für die notwendige Masse, die den Trittschall zwischen den Wohnungen absorbiert. Die Decke lebt von der Sichtbarkeit der gedübelten Holzbrettstapel. Eine besondere Erfindung entdeckt man im Bad: Wände und Boden sind mit grossformatigen hinterlüfteten Chromstahlplatten belegt – eine Sonderanfertigung der Spenglerei im Besitz der Bauherrschaft. Allgemein ist Aufputz beim zirkulären Bauen Trumpf, sei es bei Elektro-installationen oder Heizungen. «Aufputz gibt einen gestalterischen Rhythmus vor», sagt Raeber. Als Einschränkung empfinde er das nicht.

Rohes Holz und sichtbare Haustechnik prägen die Wohnungen. Blick von der Küche in den Gang und weiter ins Treppenhaus.

Badezimmer mit grossformatigen Chromstahlplatten.
Das Experiment stiess hie und da an Grenzen: Die Fenster sind luftdicht abgeklebt, die Fermacellplatten aus Brandschutzgründen verspachtelt. Normen und Gesetze stehen dem zirkulären Bauen hin und wieder im Weg. Umso wichtiger ist das Experiment. Es bietet Anschauungsunterricht für klimagerechtes Bauen: Geschraubt statt geklebt, unbehandelt statt beschichtet, sortenrein statt gemischt, gefalzt statt gefugt. Die gute Nachricht zum Schluss: Die architektonische Ambition leidet darunter keinesfalls.

Mehrfamilienhaus Efringerstrasse, 2022
Efringersrasse 107, 4057 Basel
Bauherrschaft: Sonja und Felix Jäggi
Architektur: Lukas Raeber Architekten, Basel
Bauingenieur: Haller & Partner, Oberwil
Fassaden- und Spenglerarbeiten: Jäggi Vollmer, Basel
Auftragsart: Direktauftrag, 2018