Kühle Kathedrale: Swiss Re Lake
Die Planer*innen des Bürohauses ‹Swiss Re Lake› haben Architektur und Raumklima zusammen gedacht. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das mit wenig Technik auskommt und aus dem Klimakonzept architektonische Qualität gewinnt.
Kühle und Wärme mögen wir, Kälte und Hitze nicht. Das ist eine Erkenntnis im Schatten der Dachterrasse mit Blick auf den Zürichsee. Es ist erst Ende Mai, doch die Sonne brennt bereits auf den Neubau namens ‹Swiss Re Lake› am Mythenquai in Zürich. Der See beschert dem Haus nicht nur eine schöne Adresse, sondern auch einen Teil seines Komforts im Innern, nämlich kühle Räume. Dank des Sees und einer schlanken Klimatechnik hat die Dachterrasse neben viel Photovoltaik überhaupt Platz auf dem Dach, denn voluminöse Lüftungszentralen oder Kühltürme braucht das Gebäude nicht. Das kluge Klimakonzept sei zusammen mit der Architektur entstanden, sagt der Architekt Detlef Schulz im Schatten der Pergola auf dem Dach. Ja, es sei sogar ein «zentraler Motor» gewesen.
Eine überraschende Aussage, beeindruckt das Gebäude doch mit klassischer Architektur im besten Sinne: eine komplexe städtebauliche Figur, schön proportionierte Fassaden, eine räumlich raffinierte Halle und viel Beton. Wo spielt das Raumklima eine architektonisch zentrale Rolle? Detlef Schulz, Partner der GFA, Gruppe für Architektur, die das Gebäude gemeinsam mit Meili & Peter entworfen hat, führt in einen der Büroräume. Auch hier viel Beton, jedoch nicht leuchtend rot eingefärbt wie auf der Dachterrasse und an den Fassaden. Schulz zeigt nach oben. Die Decke hat keine glatte Untersicht, sondern kräftige Rippen, die sich kreuzen und eine Art Kassettendecke bilden. Sie wird unverkleidet bleiben, wie die bündig eingelegten Akustikplatten, die sorgfältig verlegten Sprinklerleitungen und die abgehängten Rundleuchten zeigen. Die Decke ist ausdrucksstark und wohltuend arm an technischen Installationen. Die Räume sind höher als diejenigen von ‹Swiss Re Next› nebenan mit abgehängter Decke. Ihr Unterhalt ist einfacher, weil alle Leitungen und Geräte zugänglich sind. Die vergrösserte Oberfläche der Rippendecke schafft zudem viel Speichermasse für die Auskühlung des Gebäudes.

Das Gebäude ‹Swiss Re Lake› im Bau, hier die vom See abgewandte Seite. Foto: Georg Aerni
Swiss Re Lake, 2026
Mythenquai 20 / 28, Zürich
Bauherrschaft: Swiss Re Investments AG, Zürich
Architektur: Arge Meili & Peter und GFA, Gruppe für Architektur, Zürich
Baumanagement: Konstrukt, Zürich
Elektroplanung: Boess Sytek, Basel
Tragwerksplanung: Basler & Hofmann, Zürich
Auftragsart: Studienauftrag, 2016
Bruttogeschossfläche: 50 005 m2 (nach SIA 416)
Label: Minergie-P-ECO; LEED Platinum
Komponenten der Erich Keller AG: Riotherm Convec Brüstungs- und Wandgeräte; Riotherm Strata passive Überströmer; Riotherm X Top-Cooler
Zwei Kühlarten
Architektur und Klimakonzept gehören bei diesem Projekt untrennbar zusammen. Das sagt auch Simon Hess, Leiter des Geschäftsbereichs Energie und Technik bei EBP Schweiz. Er habe ‹Lake› von Anfang an zusammen mit den Architekt*innen entwickelt – eine Konstellation, die bei einer solchen Bauaufgabe zwingend sei. Der Klimaingenieur beschreibt seine Grundhaltung so: Ein Gebäude solle gutmütig sein und die Hauptarbeit beim Kühlen selbst übernehmen. Die Technik habe das zu leisten, was übrig bleibe. Es gehe um einfache Lösungen mit Systemtemperaturen nahe der Temperatur der Raumluft. Hess nennt das «Lesstech, aber mit hochwertigen Komponenten». Am Mythenquai stammen diese Komponenten zu einem grossen Teil von der Firma Erich Keller. Die Klimageräte stecken vor allem in den Fensterbrüstungen und werden über die Gebäudekerne sowie über Leitungen im Doppelboden mit Frischluft, Wärme- und Kälteenergie versorgt. «Die Zuluft wird peripher entlang der Fassade über die Klimageräte eingebracht, die Abluft zentral über die Kerne gefasst», beschreibt Simon Hess den Vorgang. Teilt eine Mietpartei ihren grossen Raum in Kleinbüros auf, sorgen Verbundlüfter in der Wandverkleidung für eine aktive Zirkulation.
Bei einer Standard-Büronutzung würde dieses einfache System vollends ausreichen, um das Gebäude zu temperieren, sagt Hess. Doch da die Bauherrschaft sehr hohe Anforderungen erfüllen möchte und der See nun mal vor der Tür liegt, liess sie noch eine zweite Kühltechnik einbauen: Beim Thermoaktiven Bauteilsystem (TABS) fliesst Wasser durch in die Betondecken eingelegte Rohre und kühlt mit der Kälte des Sees die Speichermasse der Decken. Das geschieht vorwiegend nachts, um im Sommer die Bedarfsspitzen bei der Wasserentnahme aus dem See zu brechen. Tagsüber strahlt die Kühle dann in den Raum, bei Bedarf unterstützt durch die Klimageräte unter den Fenstern. Ist der Bedarf noch grösser, etwa in den Besprechungsräumen oder bei einer Nutzung, die viel Abwärme produziert, können weitere Klimageräte mitwirken, beispielsweise in Wandschränken, als Sideboard oder direkt an den Arbeitstischen. Auch bei der Lüftung steht die bedarfsgerechte, energieeffiziente Regulierung im Vordergrund. CO2-Sensoren in den Räumen melden verbrauchte Luft und schicken gezielt frische herein. Heisst: weniger Luftumwälzung, weniger Stromverbrauch, weniger trockene Luft.
Zielkonflikte und Koinzidenzen
Wie Optimismus und Zukunftsglaube gehören auch Zielkonflikte zur Nachhaltigkeit. Bei ‹Lake› scheint der Fall klar: Viel Beton heisst viel Speichermasse, heisst aber auch viele Treibhausgasemissionen. Klimabilanz schlägt Ökobilanz? Ganz so einfach ist es nicht. Das einstige ‹Mythenschloss› wurde geschliffen, und übrig blieb sein Untergeschoss: eine grosse Wanne mit zwei Parketagen, viel bestehendem Beton und darin gebundenem CO2. Durch das hohe Grundwasser hat diese Riesenwanne Auftrieb. Damit sie im Boden bleibt, brauchte es viel Gewicht darauf: 90 000 Tonnen. Das ist der Grund, warum Holz in diesem Haus lediglich der Veredlung dient und nicht der Konstruktion, warum Decken, Fassaden und sogar die Pergola auf der Dachterrasse aus Beton gegossen wurden. Simon Hess freut das, denn eine Holzkonstruktion bestehe zwar aus einem nachwachsenden Rohstoff, sei als Speichermasse aber weniger geeignet: «Das war Wasser auf unsere Mühlen.» Wolle man ein gutmütiges Gebäude bauen, das die Hauptarbeit beim Kühlen selbst übernehmen könne, habe ein mineralisches Gebäude einen thermodynamischen Vorteil, sagt Hess.
Er wünsche sich eine Kathedrale statt einer Baracke, hatte der Klimaingenieur gesagt und meinte damit sein Metier: das Raumklima. Steht man nun in der Eingangshalle von ‹Swiss Re Lake› und blickt hinauf in den kaskadenartigen Raum, bekommt das Bild auch eine architektonische Bedeutung. Es ist ein Gebäude, bei dem sich Architekturentwurf und Klimaplanung die Hand gereicht haben. So sollte es immer sein. Übrigens: 90 000 Tonnen Beton reichten nicht. Es brauchte 500 zusätzliche Anker in der Bodenplatte, damit die Wanne bleibt, wo sie ist.

Durch ihre grössere Oberfläche sorgt die Rippendecke für viel Speichermasse. Foto: Georg Aerni


Swiss Re Campus Mythenquai
Den Grundstein für den ‹Campus Mythenquai› legten die Architekten Emil Faesch und Alexander von Senger 1913 mit dem langjährigen Hauptsitz der Schweizer Rückversicherung, der 1929 von den Gebrüdern Pfister erweitert wurde. 1958 steuerte Hans Hofmann das flache, weisse Klubhaus bei. Von Werner Stücheli kam 1969 der zurückgestuft turmartige Neubau dazu, der 2017 dem gläsernen Kubus von Diener & Diener weichen musste. Das Gebäude ‹Swiss Re Lake› ist der vorerst letzte Baustein des ‹Campus Mythenquai›.
An seiner Stelle stand bis 1982 das ‹Mythenschloss›, das Arminio Cristofari 1927 als stattliches Wohnhaus erstellt hatte. 1986 bezog die Schweizer Rück dort ein janusköpfiges Gebäude: An der rückseitigen Alfred-Escher-Strasse zeigte es sich als modernes Bürohaus, zum See hin rekonstruierte man die steinverkleidete Schaufront des abgebrochenen Mythenschlosses und gönnte der Kulisse eine schmale Schicht mit Wohnungen.
‹Swiss Re Lake› klärt nunmehr den Ort. An der Alfred-Escher-Strasse nimmt der H-förmige Grundriss des Baukörpers die Staffelung der vorhandenen Bauten auf. Am Mythenquai zitiert das neue Gebäude den Ehrenhof des Mythenschlosses, gewichtet die seitlichen Kopfbauten jedoch unterschiedlich. Der schmalere rückt ausserdem von der Strasse weg und öffnet den Eingangshof Richtung ‹Next›, das nun als Hauptadresse der Swiss Re fungiert. So schafft ‹Lake› einen baumbestandenen Platz, der sich auf den grösseren öffentlichen Raum auf der anderen Seite der Strasse bezieht. Dort löst die Stadt Zürich den Parkplatz zugunsten eines Seeparks auf. Die Autostellplätze finden sich nun in den öffentlichen Parkgeschossen des ‹Lake›. Die eindrucksvolle Eingangshalle des neuen Gebäudes ist ein halböffentlicher Raum mit Café, Co-working und sogar Bäumen.

Raumklimageräte warten auf der Baustelle auf die Abdeckungen aus Holz und auf ihren Einsatz.

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