Stefan Wülser auf seiner Baustelle in Bassersdorf. (Foto: Monika Truong)

Prinzipien entwerfen

Stefan Wülser untersucht eine Garage und ein Industriequartier. Der Zürcher Architekt spricht über Prinzipien und Systeme. Sein Hybridbau in Bassersdorf zeigt: Damit meint er keineswegs Einfachheit.

«Rechnen? Nein, das interessiert mich nicht», sagt Stefan Wülser, «aber das Denken in Systemen.» In den ersten fünf Minuten fällt das Wort Mathematik gleich zwei Mal. Beinahe hätte er sie studiert, dachte auch über Kunst und Musik nach, und entschied sich dann fürs Bauen von der Pike auf: Der Lehre zum Hochbauzeichner im Aargau folgte das Architekturstudium in Luzern. Als er dann auf Rat seines Mathematikprofessors an der Londoner AA ein Jahr lang gasthörte, war er fasziniert. Die AA ist bekannt für parametrisches Design, philosophische Konzepte und Querbezüge zur Kunst – ein Kontrastprogramm zur bodenständigen Ausbildung in der Innerschweiz. Wülser sagt: «Diese andere Art, Architektur zu denken, nicht vom Resultat her, das hatte ich gesucht.»

Seit Jahren untersucht Wülser die ›Garage Gambetta‹, einen anonymen Industriebau in Südfrankreich. Aus baugeschichtlichen Zeichnungen und Fotos soll bald ein Buch werden.

Mit der eigeninitiativen Potenzialstudie ›Superbinz‹ will er eine Debatte über die Zukunft des Zürcher Industriequartiers Binz anstossen. Die Chancen, dass die angedacht-provisorische Brücke einst steht, schätzt er realistisch ein: »Knapp über Null.«

Zurück in der Schweiz entwarf und baute Wülser erst als Angestellter, dann selbständig zu zweit und seit 2019 auf eigene Faust. »Nun arbeite ich rund achtzig Prozent für das Büro und baue«, sagt er, »der Rest ist Idealismus.« Kein kleiner Rest: Im Mai startet eine Diskussionsreihe statt im Büro im Zürcher Kreis 4 auf Zoom. Für eine politische Interessengemeinschaft untersucht er, ob sich der Selbst- und Fertigbau des ›tiny house movement‹ auf urbanere Typologien übertragen lässt. Seit einer Velotour in Frankreich arbeitet er die Geschichte eines anonymen Industriebaus an den Hügeln oberhalb von Cannes auf. Ein Buch ist in Arbeit, und vor Ort engagiert sich Wülser dagegen, dass die wilde Mischung aus Mühle, Parkhaus, Autogarage und Tankstelle einem Multiplexkino weicht. Und schliesslich arbeitet er auf eigene Initiative an einer Potenzialstudie über das Zürcher Industriequartier Binz. Ihm schwebt eine temporäre Brücke vor, die über den LKW-Lieferrouten Raum bietet für Sport oder einen Markt. Die Chance, dass diese einst steht, schätzt er auf knapp über Null. Aber darum gehe es nicht: »Ich will eine Debatte anstossen. Die Binz ist ein ungewöhnlicher Ort. Hier liessen sich Dinge tun, die andernorts nicht gingen.«

Das Haus in Bassersdorf: Mauerwerk trägt das hölzerne Schmetterlingsdach, Beton verankert es gegen den Wind. Zum Wald hin faltet es sich auf, hangabwärts sitzen schlanke Stahlstützen in der strukturell geöffneten Fassade.

Wülser denkt Architektur additiv, entwirft nicht Bilder, sondern Prinzipien und Systeme.

Derzeit baut Wülser an einem Ort wie vielen. In Bassersdorf baut er um, was man ein Einfamilienhaus nennen würde, wäre es nicht hangabwärts mit einem anderen verwachsen. Weil sich beide die Heizung und eine Wand teilen, bleiben die unteren Geschosse stehen. Im Wohngeschoss reicht ein Küchen- und Schrankmöbel der Seitenfassade entlang. Ein quer in den Raum gedrehter Kamin gliedert den Wohnraum. Das Schlafgeschoss darüber kehrt das verschwundene Satteldach um. «Das Schmetterlingsdach hat eine mittige Traufe und zwei Firste», sagt Wülser mit einem Lächeln. «In dieser baurechtlichen Interpretation steckt viel Überzeugungsarbeit.» Über den Zimmern und dem introvertierten Raum mit Oblicht bilden hölzerne Hohlkastenelemente das Dach. In die Mauern betonierte Streifen verankern sie. In der Fassade hangabwärts werden drei Stahlstützen hinter einem grossen Fensterelement aus Aluminium sitzen. Der hybride Bau habe sich situativ ergeben, sagt Wülser, und das sei richtig: «Wir sollten nicht Bilder entwerfen und ihnen im Kostendruck hinterherrennen, sondern die Zwänge des Bauens akzeptieren. Entwerfen wir Prinzipien statt Bilder, führt die Schönheit der Gedanken zur Schönheit der Häuser.»

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