Marianne Baumgartner und Luca Camponovo freuen sich über ihren Erfolg. Fotos: José Hevia

Formwillig in allen Massstäben

Camponovo Baumgartner Architekten aus Zürich meistern alle Grössen, vom Möbel bis zur Stadt. Ausgehend vom Ort suchen sie nach einer Architektur, die Material und Form virtuos kombiniert.




«Achtung Kopf», warnt Marianne Baumgartner. Die Architektin steigt im Büro in Zürich die Treppe hinauf ins Obergeschoss, das nur zwei Meter hoch ist. Draussen fallen die Blüten auf den Betonboden, drinnen arbeiten die zwölf Mitarbeiter von Camponovo Baumgartner Architekten auf engem Raum an mehreren Projekten und Abgaben. Überall hängen Pläne und Skizzen, jeder Quadratmeter Boden- und Tischfläche wird genutzt. Vor drei Jahren haben die Architekten die Räume bezogen, nun sind sie schon fast zu klein. Das Atelier liegt in einem Hinterhof, nur einen Katzensprung vom Hauptbahnhof entfernt. «Das ist praktisch», sagt Luca Camponovo. «Wir reisen zu allen unseren Projekten mit dem Zug.» Und Projekte haben sie einige: Die Architekten entwerfen unter anderem eine Wohnsiedlung in Thun, erweitern ein Behindertenheim in Muri, restaurieren einen Jugendstilbau in Bern. Dazu kommen Wettbewerbe in allen Landesteilen und Massstäben. «Ob es um einen Tisch oder um die Stadt geht: Wir sind Gestalter», sagt Camponovo. Und wo möglich, übernehmen die Architekten auch gleich die Bauleitung. Wie kriegen sie alles aneinander vorbei, noch dazu mit der gemeinsamen Tochter? «Indem wir uns gut organisieren und breit abstützen», sagt Baumgartner. Am Freitag ist Familientag, dann sind die beiden Chefs nicht im Büro.

Viele Architekturbüros beginnen mit Umbauten. Bei Camponovo Baumgartner sind sie auch nach sechs Jahren ein wichtiger Fokus geblieben, aus Überzeugung. «In der Schweiz ist alles da», sagt Camponovo. «Es geht darum, weniger abzureissen und mehr umzunutzen.» In Tägerwilen konnten die Architekten die Bauherren überzeugen. Sie sanierten ein altes Einfamilienhaus und bauten zwei Wohnungen ein. Aussen haben sie das Gebäude kaum verändert, im Gartengeschoss aber zogen sie eine Enfilade ein, gerahmt von roten Holzeinbauten. Umbauten erlauben Spielräume. «Bei kleinen Projekten können wir Dinge ausprobieren, Materialen erforschen, Konstruktionen testen», sagt Baumgartner. Am Anfang steht aber immer das, was da ist. «Uns interessiert der Ort, das Vorhandene, die Atmosphäre.»

Während viele Architekten dreidimensional am Computer zeichnen, bleibt das Modell das zentrale Arbeitsmittel bei Camponovo Baumgartner. Sogar die Bilder bauen sie mit Kulissenmodellen und nicht mit Software. Im Keller stapeln sie die Miniaturbauten kistenweise bis unter die Decke. Camponovo zieht eines hervor und erklärt: «Die Räume wirken greifbarer, die Materialien sind besser spürbar, die Stimmung unmittelbarer in einem Modell.» – «Und es ist einfacher, dem Bauherrn das Projekt zu erklären», ergänzt Baumgartner.

Vielfältige Villa
Ihr bisher grösstes Projekt stellen die Architekten dieses Jahr in Zürich fertig. Sie ergänzen das Aemtler-Schulhaus, von Gustav Gull 1908 erbaut, um einen Tageshort mit Kindergarten. Wie baut man für Kinder, wenn sie nicht die Schulbank drücken? «Um den Unterschied zu betonen, entwarfen wir eine Villa», erklärt Baumgartner. Der dreigeschossige Bau steht in einem Vorgarten an der Strasse. Erker und Vordächer machen das Haus kleiner, als es ist. Unten steht es auf einem Betonsockel, oben faltet sich das Dach an den Ecken keck nach oben.

Im Inneren kombinieren die Architekten die Materialien virtuos. Der rezyklierte Sichtbeton enthält Überreste vom letzten Bau, am Boden liegt ein genoppter Kautschukbelag, das Atrium ist mit Glasbausteinen eingefasst. Die Architekten vermischen die Epochen – und die Bauweisen. Zuoberst setzen sie dem Massivbau ein Dachgeschoss aus Holz auf. Die Balken drehen über den Köpfen der Kinder und vermitteln: So vielfältig, so heiter kann Architektur sein.
 

In der Rubrik «Wilde Karte» präsentieren Hochparterre und Velux jedes Jahr vier ausgewählte Architekturbüros, deren Gründer unter 40 sind. Am 25. Oktober wetteifern die vier Büros im Zürcher Architekturzentrum um einen Platz bei einem eingeladenen Architekturwettbewerb.
 

Kommentare

Cristina Zanini Barzaghi 20.06.2018 07:09
Es freut mich sehr dass die neuen Generationen von Architekten mehr Selbstbewusst auf Erhalten, Bewerten, erneuerbaren Ressourcen haben.
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Ich kann das Bild nicht lesen