Sie nahmen gestern Abend die Wilde Karte mit nach Hause: Lilian Demuth, Sandra Hagenmüller und Andreas Lamprecht. Fotos: Jürg Zimmermann

Eine Wildcard und vier Flaschen Gin

Gestern Abend wetteiferten vier Architekturbüros im proppenvollen ZAZ Bellerive um die Wilde Karte, die Hochparterre und Velux organisiert hatten. Das Rennen machten Demuth Hagenmüller & Lamprecht.

So rammelvoll sieht man das ZAZ Bellerive in Zürich nicht jeden Abend: 140 Personen drängten sich in den grossen Saal, um den vier Architekturbüros zu lauschen, die Hochparterre und Velux für die erste «Wilde Karte» ausgewählt hatten. Bei der Präsentation hatten die Architekten frei Hand. Roman Tschachtli von Verve Architekten setzte am Schluss seines Vortrags eine Sonnenbrille auf und proklamierte: «Wir brauchen Alternativen, einen anderen Blick.» Camponovo Baumgartner erklärten ihre Karriere entlang ihrer Bürostandorte. «Nächste Woche ziehen wir das nächste Mal um.» Jaeger Koechlin führten klassisch von Projekt zu Projekt und stellten einen Umbau, einen Anbau und einen Kindergarten vor. Mit einem Gemälde von Gerhard Richter starteten schliesslich Demuth Hagenmüller & Lamprecht ihre Präsentation, die sie mit einem Kurzfilm über städtebauliche Varianten abschlossen.

Roman Tschachtli von Verve Architekten eröffnete den Abend.

Im Anschluss fragten die Jury und die Zuschauer jeweils kritisch nach: Ist Holz euer Lieblingsmaterial? Was macht ihr in fünf Jahren? Wo bleibt das Licht in der Architektur? Während sich das Publikum beim Velux-Apéro mit Wein, Bier und Hotdogs verköstigte, zog sich die Jury zurück, um einen Gewinner auszumachen. Nach kurzer Beratung verkündete sie das Ergebnis: Demuth Hagenmüller & Lamprecht erhalten die Wilde Karte, weil sie erfrischend präsentierten, weil sie schlagfertig antworteten und weil sie sich viel mit Wohnungsbau beschäftigt haben. Das Büro kann nun an einem Studienauftrag über einen halben Blockrand im Kreis 3 in Zürich mitmachen, den die Bauherren Pensimo und Zobrist + Räbsamen mit Wohnungen und Gewerbe überbauen. Als Trost und als Stärkung erhielten die anderen Büros je eine Flasche Gin. Auch wer sich im Januar beworben hat und leer ausgegangen ist, muss nicht verzagen. Nächstes Jahr findet die Wilde Karte wieder statt und gibt vier neuen jungen Büros eine Chance auf einen Wettbewerbsplatz.

Wilde Karte
– Jury: Christine Dietrich (Velux), Dani Ménard (ZAZ Bellerive), Andres Herzog (Hochparterre), Jörg Koch (Pensimo) und Urs Räbsamen (Zobrist + Räbsamen)
– Moderation: Palle Petersen (Hochparterre)
– Gewinner: Demuth Hagenmüller & Lamprecht, Zürich
– Teilnahme am Studienauftrag: Überbauung mit Wohnungen und Gewerbe im Kreis 3 in Zürich

Kommentare

Volker Bienert 26.10.2018 16:38
(Teil_1) "Die Wilde Karte ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Wilde Karte ist das als Event getarnte Feigenblatt des unter Druck geratenen Wettbewerbswesens. Die Wilde Karte ist leider völlig wirkungslos, gemessen an den Möglichkeiten eines auf hohem Niveau organisierten Berufstandes. Die Wilde Karte ist im Grunde genommen kontraproduktiv, und taugt schon gar nicht als Vorbild für den Architekturwettbewerb." Gestern: Was für ein eitles Getöse um die Teilnahme eines einzigen Nachwuchsbüros an einem beschränkten Wettbewerb. Nichts gegen einen geselligen Abend im ZAZ mit belebenden Kurz-Vorträgen junger Talente. Mir fallen jedoch sofort eine ganze Reihe wirkungsvollere Stossrichtungen ein, um jungen Architekturbüros die Teilnahme an Wettbewerben zu ermöglichen. Erlebniskultur, Sponsoring mit Händchenhalten zum Trotz. In Relation zur Anzahl an Absolventen allein im Kanton Zürich oder der erfreulich grossen Zahl Jungbüros in der Stadt, ist das hier gezeigte Auswahlverfahren der Wilden Karte kaum mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heissen Stein. (Teil_2) siehe vorherigen/nächsten Kommentar
Volker Bienert 26.10.2018 16:39
(Teil_2) Man sollte aus der oft völlig unnötigen Zugangsbeschränkung zu Wettbewerben keine Abendunterhaltung machen, sondern politische und fachliche Überzeugungsarbeit leisten: Jede Architektin und jeder Architekt bei jeder Gelegenheit. Sei es als Bauherrenberater bei der Vorbereitung, sei es in den Gremien der organisierten Berufsgruppen, als Jurymitglied oder als Teilnehmer an Wettbewerben, an der Vernissage der Ausstellung im Gespräch mit den Preisrichtern und Auslobern und bei der Auskunft gegenüber der Fach- und Lokalpresse. Ich bin klar gegen die Institutionalisierung der Wilden Karte, dem fadenscheinigen Feigenblatt für ein zunehmend nachwuchsfeindliches Wettbewerbswesen. Man denke nur: Die Wilde Karte stellt ein nicht anonymes Auswahlverfahren an den Anfang ihrer Nachwuchsförderung, und das Gremium zieht sich nach den Vorträgen zur Beratung zurück, obwohl der Saal im ZAZ brechend voll mit kompetentem Stimmvolk ist. Es wird also weder chancengleich noch transparent verfahren. Wer auch immer diese Idee mit der Wilden Karte hatte, hat wohl leider den Kern und das Wesen des Architekturwettbewerbs nicht verstanden. Daher auch mein dringlicher Wunsch: Am Ende eine solchen Abends sollte es nicht einen Gewinner geben, sondern möglichst viele offene und anonyme Wettbewerb. Über die eigene Teilnahme soll dann doch lieber jeder selbst entscheiden. Das wäre dann ein Gewinn für alle. Mit kollegialem Gruss an den begabten Nachwuchs, Volker Bienert (Teil_1) siehe vorherigen/nächsten Kommentar
Philip Loskant Architekt 28.10.2018 11:40
So löblich das Engagement ist, in der Wahl von Büros für selektive Verfahren neue Wege zu gehen, in der genaueren Betrachtung schliesse ich mich der Kritik von Volker Bienert an. Unsere Architekturszene brauchen keine Wildcards, wir wünschen uns generell offenere, buntere selektive Verfahren in denen nicht die scheinbar immer selben Büros von den selben Juroren eingeladen werden: ein breiteres Spektrum an jungen, aber auch älteren Büros - ohne Star- und Jugendkult - etwas das selbstverständlich zu unserer hohen Baukultur gehören könnte und nicht als Besonderheit auf der Bühne gefeiert werden muss.
Palle Petersen 28.10.2018 20:45
Lieber Philip, lieber Volker. Richtet ihr nicht allzu ernst und streng über eine gute Tat und einen heiteren Abend? Wohl ist die Wilde Karte ein Nachwuchsplatz, von denen viele leiser vergeben werden. Allerdings trägt sie dadurch das Auftragsproblem der Jungen laut in der Öffentlichkeit. Sie ist ein Fähnchen für die gute Sache und bietet ausserdem vier Büros online und gedruckt eine Plattform. Letztlich hat Hochparterre das Wettbewerbswesen leider nicht in der Hand. Mehr offene und anonyme Verfahren fordern wir immer wieder und vielleicht erinnert ihr euch an unser «Jahr des offenen Wettbewerbs»? Aber kommt doch mal in die Redaktion und wir besprechen, wie sich die Wilde Karte noch besser machen liesse. Falls ihr ausserdem konstruktive Ideen mitbringt, was Hochparterre zur Rettung der Wettbewerbswelt tun kann, werden sie kaum auf taube Ohren stossen. LG Palle
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