Romina Grillo arbeitet von Zürich aus an Projekten von Italien bis Rumänien. (Foto: Gerber Loesch)

Architekturwille und verschmutzte Ideen

Mit dem Kollektiv ‹Unulaunu› hat Romina Grillo europaweit Ausstellungen und Pavillons gebaut. Nachdem sie eine Villa im Piemont umbaute, hofft sie nun auf das erste Bauprojekt in der Schweiz.

«Mich interessieren elementare Dinge: Form, Material und Licht – wie man Räume für das Leben konstruiert», sagt Romina Grillo. Sie ist in Como aufgewachsen, neben ihrem Gymnasium stand ein Büro- und Wohnhaus von Mario Botta. So ist es wohl kein Zufall, dass sie das Architekturhandwerk in Mendrisio lernte. Bei Valerio Olgiati studierte sie dort vier Semester lang bis zum Diplom. Die 34-Jährige sagt: «Mich fasziniert seine gedanklich klare Methodik, wie eine stringente Idee zu Architektur wird. Ein Konzept ist aber kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug und ein Ausgangspunkt, von dem aus eine Projektidee auch verfremdet und sozusagen schmutziger werden darf.»

Der Innenraum des Rumänischen Pavillons der Architekturbiennale 2010 ist exakt so gross wie die Bewohnerdichte Bukarests: 94,4 Quadratmeter. (Foto: Unulaunu)

Ein Jahr nach dem Studium gewann Grillo mit ihrem heutigen Mann und drei seiner rumänischen Freunde den Wettbewerb für den rumänischen Pavillon an der Architekturbiennale 2010. Aus dem Projekt ‹Unulaunu›, zu Deutsch ‹eins zu eins›, wurde ein Büro. Nach einem Jahr bei OMA in Rotterdam zog Grillo nach Bukarest. Die Senkrechtstarter bekamen einige Direktaufträge und Wettbewerbseinladungen, doch grössere Bauten wurden nicht daraus. Allerdings rutschten sie ausgehend vom Biennale-Erfolg in die Ausstellungswelt und arbeiteten an mehr als einem Dutzend Orten in Europa.

Die Solo-Ausstellung ‹Persistence› spielte 2018 in Belgrad mit dem Parasitären und Ephemeren. (Foto: Nemanja Knežević)

Nach einem Jahr in Bukarest zogen Romina Grillo und ihr Mann 2013 zurück in die Schweiz, diesmal nach Zürich. Einer der fünf Büropartner ging nach Berlin, zwei blieben in Rumänien. Heute ist Unulaunu kein klassisches Büro mit fester Struktur, sondern ein lockeres Kollektiv: Mal realisiert jemand einen kleinen Umbau auf eigene Faust. Mal bearbeiten sie zu fünft einen Wettbewerb. In Bukarest gewannen sie letztes Jahr einen Studienauftrag für die Innenarchitektur von 10 000 Quadratmetern Bürofläche. Alle denken mit, aber die Hauptarbeit leisten die zwei vor Ort.

Die Erweiterung einer Villa in Galliate schafft gartenseitigen Wohnraum, der die Grenze zwischen innen und aussen verwischt. (Foto: Delfino Sisto Legnani e Marco Cappelletti)

Ein Fenster und zwei Betonskulpturen

Ähnlich war der Villenumbau im Piemont ein Projekt, das Grillo und ihr Mann in den letzten zwei Jahren betreuten. Der Bauherr, Grillos Cousin, wollte das 1910 erbaute Haus erweitern. Der Umbau kommt mit wenigen, aber präzisen Eingriffen aus. Der neue Eingang liegt dort, wo das Haus eingeschnitten ist und man es früher vermutlich betrat. Das Esszimmer gewann an Platz und dank eines grossen Fensters auch reichlich Tageslicht. Frei vor dem rückwärtigen Gartenstreifen steht ein gefaltetes Betondach, getragen von einer Scheibe und zwei Stützen, wovon eine im Kamin versteckt ist. Die Fenster lassen sich hinter die Wände schieben, wodurch der Innen- zum Aussenraum wird. Die neue Treppe ins obere Schlafgeschoss des Hauptbaus ist eine weitere Betonskulptur und eine Mischung aus Rund- und Tropfenform: erst gewendelt, dann zweimal die Richtung wechselnd. «Daran haben die Bauarbeiter einen Monat lang geschalt», sagt die Architektin grinsend und erklärt dann ernst: «Architektur muss etwas wollen, als reiner Dienstleistungsjob reizt sie mich nicht.»

Skulptural wendelt sich die neue Betontreppe vom Erd- ins Obergeschoss. (Foto: Delfino Sisto Legnani e Marco Cappelletti)

Seit ihrem Studienabschluss vor zehn Jahren blieb Romina Grillo mit einem Bein in der akademischen Welt. Vor Bukarest war sie zwei Jahre lang Assistentin bei Valerio Olgiati in Mendrisio, danach an der ETH Zürich vier Jahre bei Christian Kerez und eines bei Raphael Zuber. Die Lehre sieht sie als «Kopfnahrung» und experimentelle Plattform. Begeistert spricht sie von den Vorträgen und Gästen, die sie inspirierten. Trotzdem hat sie aufgehört zu unterrichten und will sich nun stärker auf das Bauen konzentrieren. 2018 zeichnete sie fünf Wettbewerbsbeiträge. Zielstrebig erklärt sie: «Nach 15 Jahren ist es an der Zeit, endlich auch in der Schweiz etwas zu bauen.»

Gartenplan der umgebauten Villa.

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