Ansicht des Siegerprojekts von Rolf Mühlethaler und Christoph Schläppi

Was möglich ist, wenn man will

Fünf Wohnbaugenossenschaften führen einen Wettbewerb für das Areal an der Luzerner Industriestrasse durch. Das kreatives und vielschichtige Verfahren führt zu einem ebensolchen Siegerprojekt. Ein Kommentar.

Mon oncle heisst das erstplatzierte Projekt und Mon oncle heisst ein Film von Jacques Tati. Eine Satire, die die negativen Entwicklungen in Architektur und Städtebau aufs Korn nimmt: Vorgeführt wird eine völlig aseptische Wohnumgebung mit allgegenwärtiger Technik, die den Menschen eher in Geiselhaft nimmt als ihm nützt. Kontrastiert wird dies mit der warmen und verspielten Welt eines Altbauviertels, dem Zuhause von Tatis Alter Ego, dem pfeifenrauchenden Monsieur Hulot. Hier lässt es sich leben, impliziert der Film, und man fragt sich, wie es je dazu kommen konnte, sich die gebaute Umwelt anders einzurichten.

Situationsmodell

Zusammen sind wir schöner

Die Gegenreaktion auf die Lebensfeindlichkeit mancher Planungen und Ausführungen ist schon länger im Gang. Nicht immer (meistens sogar eher weniger) stellt sich jedoch die gewünschte Wirkung ein. Es kann mittlerweile als gesichert gelten, dass es nicht ausreicht, mit Versatzstücken aus der guten alten Zeit lauwarme Projekte aufzubrezeln. Auf solche Art ein vages «Früher war alles besser» zu beschwören, produziert oftmals nur unglaubwürdiges Oberflächendesign und hohlen Kitsch. 
Mit Rolf Mühlethaler schwang in Luzern nun aber ein Architekt obenaus, der nicht im Verdacht steht, pseudo-historische Pastiches herzustellen. Er stellt sich – zusammen mit dem Architekturhistoriker Christoph Schläppi – der Kritik an der Unwirtlichkeit unserer Städte, wie es Alexander Mitscherlich in den Sechzigerjahren formulierte. Ohne billige Effekte, sondern mit dem Interesse für das Grundsätzliche. Zum Beispiel für das Gedächtnis eines Orts. Im Falle des Areals an der Industriestrasse repräsentiert durch ein altes Käselager, eine Porzellanfabrik, einen Rossstall und weitere Bestandesbauten. Mühlethaler und Schläppi verflechten diese mit dem Neuen im Sinn eines «Städtebaus der Empathie». Das Patchwork aus Vorhandenem und Beigefügtem wird zum Ensemble im eigentlichen Wortsinn, ein Miteinander unter dem Motto «Zusammen sind wir schöner». Brücken, Vor- und Rücksprünge, Verengungen und Öffnungen, Licht und Schatten, informell bespielbare Freiräume und Dachterrassen: Die atmosphärische und räumliche Dichte der alten Stadt- und Dorfzentren, erklärtes Ziel der Autoren, wird so glaubhaft.

Perspektive

Weisskohl, Sandstein – und Kinder zeichnen

Auch das zweistufige Verfahren selbst, durchgeführt von fünf gemeinnützigen Wohnbauträgern, strotzt vor feinen Ideen: Für die erste Phase waren 21 Teams eingeladen, ihre Konzepte zu präsentieren – im leeren Pool des Luzerner Neubads. Sie hinterliessen der Jury ein Requisit, das die Quintessenz ihres Ansatzes verkörpern sollte. Kunstschaffende begleiteten den Anlass, sie hobelten Weisskohl, um ihn in einem Steinguttopf zu Sauerkraut gären zu lassen, und hauten aus einem Sandsteinblock einen Grundstein. (Wer hätte gedacht, im Rahmen eines Projektwettbewerbs der Idee eines Happenings wieder zu begegnen!) Danach wurden für die zweite Stufe 13 Teams ausgewählt und ihre Projekte in einem halböffentlichen Verfahren (man konnte sich als Zuschauer anmelden) juriert. Parallel zum Architekturwettbewerb war eine Schulklasse eingeladen, ihre Sicht auf das Areal zeichnend und modellbauend festzuhalten. Ob all dieser kreativen Frische entfährt dem Schreibenden auch ein leichter Seufzer. Denn an diesem Verfahren zeigt sich exemplarisch, was möglich ist, wenn man will. Aber es lässt eben auch vermuten, warum anderswo so wenig möglich ist: weil man nicht will.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 4/2018 der Zeitschrift hochparterre.wettbewerbe.

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