Blick vom Rhein auf das neue Hotel Schiff

Vom Anpassen und Einpassen

In der historischen Altstadt von Rheinfelden wird das Hotel Schiff durch einen Neubau ersetzt. Das prämierte Projekt von Miller & Maranta ist von einer so rechtschaffenen Angemessenheit, dass man es fast schon eigenschaftslos nennen möchte.

«Äusserst delikat» nannte das Beurteilungsgremium die Ausgangslage, und in diesem Fall war es keine leere Floskel: Ersetzt werden soll das Hotel Schiff in Rheinfelden, welches einen prominenten Platz am Brückenkopf der Rheinbrücke einnimmt und das historische Ensemble der mittelalterlichen Uferbebauung abschliesst. Keine besonders delikate Angelegenheit stellt hingegen der Abriss des «alten» Hotels dar, weil dieses – ursprünglich eine Herberge aus dem 15. Jahrhundert, welche im 19. Jahrhundert einem Neubau Platz gemacht hat – nach Totalsanierungen und Erweiterungen nur noch insofern historisch ist, als es auf die Farbskala der 1970er Jahre zurückweist, welche (siehe Wettbewerbsprojekt) auch heute wieder beliebt ist: beige und dunkelbraun. Während die Altstadt von Rheinfelden im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung aufgeführt ist, erhält das Hotel Schiff im gleichen Bericht die Klassifizierung «Fremdkörper im Altstadtbild“ – erhaltenswert ist nur das reich verschlaufte Wirtshausschild, das wie ein aus der Vergangenheit angeschwemmtes Strandgut an der Putzfassade gelandet ist.

Dass Stadt und Bauherrschaft die Idee eines Neubaus als «Befreiungsschlag» bezeichnen, liegt allerdings nicht nur an der heute unbefriedigenden städtebaulichen Situation; besser als mit einem Umbau des bestehenden Baus lässt sich auch das anvisierte neue Programm «zeitgemässes Hotel mit Klinik» realisieren (die lokale Bauherrin betreibt bereits in den Hotels Schützen und Eden im Park eine Klinik mit diesem Konzept).

Wie sich dieser Neubau in den historischen Kontext einfügen sollte, war natürlich trotzdem die entscheidende Frage, und zu diesem Thema liest man im Jurybericht dann vieles über den Unterschied zwischen «Anpassen» und «Einpassen». «Eingepasst» (gleich gut) war laut Jury der ursprüngliche Hotelbau von 1882, weil er sich durch eine besondere Nutzung und eine entsprechend eigenständige Architektur auszeichnete. «Angepasst» (gleich falsch) waren die Umbauten der Sechziger und Siebziger Jahren, weil sie sich der historischen Gebäudeelemente wie Satteldach und Dachlukarnen bedienten und sich an die historische Häuserstruktur anlehnten. Man wollte keine weitere «Substanzerneuerung hinter rekonstruierten Fassade».

In der Beurteilung der Projektbeiträge stand daher «die überzeugende Gestaltqualität des neuen Gebäudes und die respektvolle Einfügung in den Stadtkörper im Sinne von sorgfältigem Einpassen» im Vordergrund. Seinen Niederschlag fand dieses Kriterium in der Präferenz von Projekten, die sich nicht an der schmalen Parzellenstruktur der Altstadt orientierten, sondern – innen gleich aussen – ein einziges Haus vorschlugen. Diese Haltung lag auch dem erstrangierten Vorschlag von Miller & Maranta Architekten zugrunde, welcher für die Jury «eine plausible Ausnahme in Bezug auf Typologie und Struktur» darstellt.

Man ist dann gleichwohl überrascht vom ausgesprochen «angepassten» Auftritt des neuen Hotels. Alles, worauf man doch gar nicht so einen grossen Wert legen wollte, ist nun da: die Dachlukarnen, das Ziegeldach, die Lochfenster, die Steinfassade (die empfohlene «Projektpräzisierung» hat diesbezüglich alles niet- und nagelfest gemacht). Dafür fehlt, was man unter einer «eingepassten», aber eigenständigen Architektur verstehen würde: Abgesehen von der schieren Dimension des neuen Hauses ist die Architektur von einer so rechtschaffenen Angemessenheit, dass man sie fast schon eigenschaftslos nennen möchte. Schlecht ist das nicht (gerade im Vergleich mit Projekten, die auf unangenehme Weise an die analogen Eskapaden des Andermatt-Wettbewerbs erinnern), aber doch Ausdruck einer gewissen Ratlosigkeit: Während sich in den grossen Städten verschiedene architektonische Strategien zur Einfügung des Neuen ins Alte etabliert haben, fehlt für kleinstädtische Situationen wie Rheinfelden ein überzeugendes zeitgenössisches Vokabular. 

Neubau Hotel Schiff, Rheinfelden
Eingeladener Studienauftrag für die Schützen Rheinfelden Immobilien AG
Fachjury:
Peter Ess, Urs Affolter, BenediktGraf, Dorothee Huber, Barbara Burren, Ivo Moeschlin (Ersatz)
Organisation: arc Consulting, Zürich
– 1. Rang: Miller & Maranta Architekten, Basel
Weitere Teilnehmer:
– Bakker & Blanc, Lausanne
– Buol & Zünd Architekten, Basel
– Manetsch Meyer Architekten, Zürich (Nachwuchsbüro)
– sabarchitekten, Basel
– Schneider & Schneider Architekten, Aarau


Podiumsdiskussion über den Neubau Hotel Schiff:

Bauherrschaft und Stadt Rheinfelden orientieren am 29. Juni 2016 in einer

öffentlichen Diskussion über den beabsichtigten Neubau des Hotel Schiff.

Kommentare

BATMAN 28.06.2016 13:21
KATASTROPHE!
Andreas Konrad 30.06.2016 09:22
Ein mittlerweile völlig verwürgter «Altbau» mit einer gedeckten Terrassen aus dem gestalterischen Repertoire der späten, ehemaligen DDR weicht einem eleganten, selbstverständlichen Neubau. Was meckern?
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Ich kann das Bild nicht lesen