Aussenbilder

Vielfalt ohne Beliebigkeit

Scheibler & Villard Architekten gewinnen den Studienauftrag für ein Kompetenzzentrum für hörsehbehinderte Menschen in Langnau am Albis.

«Farfalla», Sommervogel, nannten Scheibler & Villard ihren Wettbewerbsbeitrag für die Erweiterung der «Tanne», einem Wohn- und Schulangebot für Menschen mit Hör- und Sehbehinderung in Langnau am Albis. Ihr erster Entwurf glich im Grundriss tatsächlich einem Schmetterling: Zwei fast spiegelbildlich aneinander gefügte Baukörper ergaben ein geometrisch ausgewogenes Ganzes und fassten Schul-, Therapie- und Wohnräume in einem einzigen Volumen zusammen. Die Jury befürchtetete allerdings eine «unerwünschte burgartige Wirkung der Gesamtanlage» und empfahl das Projekt – zusammen mit dem Beitrag von Ramser Schmid Architekten – zur Überarbeitung.
 
Scheibler & Villard nutzten die zweite Phase zu einer grundsätzlichen Neuformulierung des städtebaulichen Ansatzes: Sie schnitten die verwinkelte Grossform entzwei und schlugen zwei voneinander unabhängige fünfeckige Volumen vor. Dieser unerwartete Vorschlag überrasche zunächst, schreibt die Jury, erweise sich bei näherer Betrachtung aber als äusserst überzeugend: «Das Resultat könnte man als dörfliche Komposition bezeichnen, deren Stärke darin liegt, eine Vielfalt ohne Beliebigkeit zu erreichen». Städtebaulich vermitteln die beiden Neubauten zwischen der Dorfstruktur von Langnau und dem grossen Bestandesgebäude der «Tanne». «Es entsteht keine burgartige Grossform, kein unvermittelter Massstabssprung zwischen Umgebung und Anlage, sondern eine lokale Vergrösserung der städtebaulichen Körnung», schreiben die Architekten dazu. Programmatisch werden ein Schulgebäude und ein Wohngebäude vorgeschlagen, architektonisch eng verwandt, aber in der Situierung und der Ausgestaltung doch unterschiedlich. «Das Schulhaus steht als öffentlicheres Gebäude beim Zugang von der Strasse und leitet mit seinem Sockel den Aufgang ein», beobachtet die Jury. «Das Wohnhaus hingegen liegt eindeutig auf der oberen Ebene. Die Fassaden sind ruhiger und entsprechen den übereinander gelegten, sich wiederholenden Wohnnutzungen.»

Wohlverstanden: Bei dieser Aufgabe ist «Vielfalt» mehr als eine Frage der Fassade, die «dörfliche Komposition» mehr als eine Frage der Körnung. Die Architekten sprechen von «Lebensfeldern», die sowohl im Innen- als auch im Aussenraum abgebildet und erlebbar gemacht werden sollen. Für die teils mehrfach behinderten Klienten der «Tanne», so Scheibler & Villard, soll so eine «lebendige Welt» entstehen. Mit der Entscheidung der Jury ist ein wichtiger Schritt dorthin gemacht.

Erweiterung «Tanne», Langnau am Albis
Kompetenzzentrum für Menschen mit Hörsehbehinderung und verwandter mehrfacher (Sinnes-) Behinderung
Nicht-anonymer, selektiver Studienauftrag für die Schweizerische Stiftung für Taubblinde
Fachjury: Quintus Miller, Matthias Ackermann, Martina Voser
–1. Rang: Scheibler & Villard, Basel
Teilnehmer Studienauftrag 1. Phase:
Scheibler & Villard Architekten, Basel (Empfehlung zur Überarbeitung)
Ramser Schmid Architekten, Zürich (Empfehlung zur Überarbeitung)
Elmiger Tschuppert Architekten, Luzern
Manetsch Meier Architekten, Zürich
Masswerk AG, Zürich

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