1. Rang Baufeld U3: Der Entwurf von brügger architekten, Thun

Sie nannten es Gliederung

Auf dem Areal der ehemaligen Kehrrichtverbrennungsanlage am Berner Stadtrand soll eine gemeinnützige Wohnsiedlung entstehen. Nun sind die Wettbewerbe für die ersten zwei Baufelder entschieden.

Im Westen Berns, zwischen Inselspital und Gleisfeld, dort wo früher Kehrricht verbrannt wurde, soll eine gemeinnützige Wohnsiedlung entstehen. Seit kurzem hat das Vorhaben einen Brand («Holliger») und einen Claim («Gemeinsam. Vielfältig. Daheim»). Schon etwas älter ist der städtebauliche Ideenwettbewerb, den die Stadt Bern 2012 durchgeführt hatte und aus dem das Projekt «Strawberry Fields» der Arbeitsgemeinschaft BHSF Architekten  mit Christian Salewski aus Zürich in der Kategorie Gesamtkonzept als Sieger hervorgegangen war. Nach weiterführenden Studien und Konzepten, Rahmen- und Entwicklungsplänen wurden sechs Baufelder im Bieterverfahren vergeben, sechs Baugenossenschaften fanden in einer Vision zusammen: «Gemeinsam preisgünstigen und nachhaltigen Wohn- und Lebensraum in einer lebendigen, gemeinschaftlichen Siedlung in Bern schaffen.» Konkret sollen 300 Wohnungen für 500 bis 600 Bewohnerinnen und Bewohner sowie Flächen für quartierverträgliche Arbeitsnutzungen und Freizeitangebote entstehen. 

Städtebauliche Skizze zur Siedlung Holliger: Blau das Baufeld U3 der Baugenossenschaft Brünnen-Eichholz, braun das Baufeld O3 der FAMBAU Genossenschaft

Das städtebauliche Konzept sieht je drei Baufelder östlich und westlich eines zentralen «Arealhofs» vor, der seine besondere Atmosphäre durch den offengelegten Stadtbach in seiner Mitte erhält. Über Eck ist der langgezogenen Arealhof im Süden mit dem «Quartierplatz» verbunden, der gleichzeitig Auftakt zur Neubebauung und räumliche Verknüpfung zur Umgebung ist. Der ausgeprägten Topographie (von West nach Ost steigt das Areal um zehn Meter an) begegnet der Städtebau mit einer Staffelung der Baukörper, so dass möglichst viele Bewohner an der Aussicht teilhaben können. Auch sollen die sich aus den Höhenversatz ergebenden Sockel architektonisch und programmatisch thematisiert werden.

Die Vorgaben zur genauen Ausformulierung der Volumetrie und zur Gestaltung indes waren gering, soll sich doch um den Hof ein «Zusammenspiel von sechs unterschiedlichen Gebäudecharakteren ergeben, zusammengebunden durch Landschaft, Topographie, und den gemeinschaftlichen Charakter einer rein genossenschaftlichen Siedlung.»

Für die beiden prominenten Baufelder im Süden, die den Auftakt zum «Holliger» bilden, hat man nun einen selektiven Wettbewerb durchgeführt, für den auffallend viele Büros aus der Region Bern selektiert wurden. Die Jury vergab zwei erste Ränge: Für den Kopfbau am Quartierplatz (Baufeld U3) wählte sie den Entwurf von brügger architekten aus Thun, für das höher und weiter hinten gelegene Baufeld O3 das Projekt von Müller Sigrist Architekten, Zürich, und Christian Salewski & Simon Kretz Architekten, ebenfalls Zürich.

Alle teilnehmenden Teams hatten einen Entwurf über beide Baufelder erarbeitet, wobei eine Aufteilung der Vergabe von Anfang an als Möglichkeit gegeben war. Was im Sinne der grösstmöglichen Diversität durchaus nachvollziehbar ist, geschieht jedoch auf Kosten der entwurfsinhärenten Stringenz: Beim Projekt von Müller Sigrist und Salewski & Kretz etwa geht die bestechendste Idee des Entwurfs – zwei Kaskadentreppen, die durch die Sockel der Baukörper führen und den untersten mit dem obersten Aussenraum verknüpfen – durch die Halbierung verloren.

Die Bewahrung des Gesamtpakets hätte also seine Vorteile gehabt, allerdings war der Jury der Entwurf des Zürcher Teams auf dem Baufeld U3 zu wenig prägnant, weshalb hier dem Vorschlag von brügger architekten der Vorzug gegeben wurde. Bei Brüggers Projekt bäume siche der Baukörper gegen den Quartierplatz zum einem 9-geschossigen Kopfbau auf, befand die Jury anerkennend: «Dessen Gliederung mit einem Sockel und dem in der Höhe differenzierten Volumen gibt dem Baukörper die Präsenz als städtebaulichen Auftakt.»

1. Rang Baufeld O3: Der Entwurf von ARGE WEST,  Müller Sigrist Architekten, Zürich, und Christian Salewski & Simon Kretz Architekten, Zürich

Als im architektonischen Ausdruck «eigenständig und kräftig» lobte die Jury hingegen den Entwurf von Müller Sigrist und Salewski & Kretz für das Baufeld O3, der sich lose auf die Architektur der ehemaligen Kehrrichtverbrennungsanlage bezieht und zudem mit effizienten Wohnungsgrundrissen und einem kompakten Gebäudevolumen aufwarten kann.

Der Auswahl der Jury kann man zugute halten, dass die beiden Entwürfe bei aller intendierten Unterschiedlichkeit der Autorschaft architektonisch harmonieren. Es ist dies möglich, weil sich beide Projekte auf Ebene der Fassade derselben Sprache bedienen: «Der Sockel des Gebäudes ist mit Beton-Elementen gefügt» heisst es im Jurybericht, «darüber strukturieren vertikale Putz-Partien mit eingesetzten Fenstern, Loggien und Brüstungen die Fassade.» U3 oder O3? Was für das eine gilt, gilt auch für das andere. Die generischen Hüllen, die den «Holliger» in eine lange Folge neu entstandener Stadtquartiere in den Vorstädten und Agglomerationen der Schweiz einreihen, sind der Wermutstropfen in einem ansonsten vielversprechend gestarteten Vorhaben. 

Kommentare

Sabine 01.04.2019 08:48
"Generische Hüllen"? - Manch einer würde es einfach schlechte Architektur oder Spekulantenarchitektur nennen.
Andreas Konrad 01.04.2019 15:09
Die Fassadengestaltung geht in die richtige Richtung, bleibt aber wieder mal auf halber Strecke liegen: Französische Fenster, Lisenen, Gesimse, horizontale Gliederung, elegante Materialien, all das steckt in Handbremsenmanier drin, doch die halbherzige Umsetzung generiert dann das typisch Schweizerische daran. Statt mal frech und frisch wirklich den Klassizismus zu plündern stehen am Schluss ein wenig grobe Kiste, die willfährig zueinandergestellt sind. Die Gesimse wieder mal zu dick, als würde der Mut fehlen, diese mal richtig klassisch zu verkröpfen, die Fenster Standardware aus dem Baumarkt. Schade. Kann nur noch hoffen, es wird noch verfeinert. Die «Poetische Moderne» steckt drin, aber riecht noch ein wenig nach Dorf statt nach europäischer Grossstadt.
Kommentar schreiben
Ich kann das Bild nicht lesen