«Verkörperung ausführender Staatsgewalt»: Situationsmodell des prämierten Wettbewerbsprojekts

«Nicht teilzunehmen, ist keine Antwort»

Soll ein Gefängnis als «Ort der Ächtung» in Erscheinung treten? Gabriel Wulf, Verfasser des viel diskutierten Wettbewerbsbeitrags von wulf architekten, nimmt im Interview Stellung.

Soll ein Gefängnis als «Ort der Ächtung» in Erscheinung treten? Gabriel Wulf, Verfasser des viel diskutierten Wettbewerbsbeitrags von wulf architekten für das Regionalgefängnis Altstätten, nimmt im Interview Stellung.

Am offenen Wettbewerb für das Regionalgefängnis Altstätten haben auffällig wenig Architekturbüros teilgenommen. Was hat Sie bewogen, ein Projekt einzureichen?
Von der geringen Teilnahme waren wir auch überrascht. Aber wir sahen den Wettbewerb als architektonische Herausforderung: Die allermeisten unserer Aufträge erhalten wir durch Wettbewerbe, und dabei steht für uns die architektonische Qualität an erster Stelle. Ein Gefängnis zu planen, ist nun eine Aufgabe, die nicht alle Tage kommt. Normalerweise geht es meistens darum, für Offenheit und Kommunikation zu entwerfen. Genau dies ist bei einem Gefängnis zu grossen Teilen nicht erwünscht. Trotzdem waren eine grosse funktionale Flexibilität und Komplexität gefordert. Dies könnte einer der Faktoren sein, warum sich so wenige Architekturbüros der Aufgabe gestellt haben. Das Funktionsdiagramm der internen Abläufe für das Gefängnis war nämlich sehr komplex. Dies räumlich zu übersetzen, war allein schon eine grosse Herausforderung, erst noch in Zusammenhang mit einem Bestandsgebäude und bei laufenden Betrieb. Das war anfangs schon abschreckend. Doch genau darin lag auch das Potential und die Herausforderung: nicht dem reinen Pragmatismus nachzugeben, sondern aus den Rahmenbedingungen eine architektonische Stringenz zu entwickeln.
Ein weiterer Grund teilzunehmen, war das Interesse, eine architektonische Antwort auf die doppelte Rolle des Gefängnisses zu finden: als Ort direkter Ausführung der Staatsgewalt bei gleichzeitigem Ziel der Resozialisierung in die Gesellschaft. Eine Gratwanderung.

Angenommen, die geringe Teilnehmerzahl hängt auch mit gewissen Skrupeln gegenüber der Aufgabenstellung zusammen: Können Sie das nachvollziehen? Oder anders gefragt: Ist ein Gefängnis eine Bauaufgabe wie jede andere auch?
Menschen die Freiheit zu entziehen, ist natürlich nichts Schönes. Aus diesem Grund nicht am Wettbewerb teilzunehmen, ist jedoch keine Antwort. Ganz im Gegenteil: Ein Gefängnis ist ein Ort, an dem Menschen mehr Zeit verbringen als irgendwo sonst, oftmals mehrere Jahre, manchmal sogar den Rest ihres Lebens. Umso wichtiger ist es, den passenden Ausdruck und eine angemessene architektonische Antwort darauf zu finden. Die Frage, ob Menschen wirklich im Gefängnis landen, liegt in den Händen der Richter und nicht zuletzt bei den Menschen selbst. Somit ist das Gefängnis als Bauaufgabe etwas Besonderes – aber hat nicht jede Bauaufgabe ihre eigene Besonderheit?

Was sind denn Ihrer Meinung nach die besonderen architektonischen Qualitäten Ihres Entwurfs? Und sind das Qualitäten, die auch bei einer anderen Bauaufgabe Gültigkeit hätten?
Ausgehend vom schon angesprochen Gedanken des Gefängnisses als Ort, an dem Menschen sehr viel Zeit verbringen, haben wir viel Wert auf die Qualität der Wohneinheiten gelegt, und das Ganze von Innen nach Aussen entwickelt. Der Entwurf der Wohneinheiten, vor allem jener der Gruppenhaft, transformiert das konventionelle Leben im Korridor, das die Zellenblocktypologie dominiert, zu einer räumlichen Einheit, in der sich die verschiedenen Räume und der Spazierhof gegenseitig bereichern. Dies führt zu einer gewissen Überschaubarkeit und einer besseren Aufenthaltsqualität, was den Insassen und dem Personal zugute kommt, und somit das Aggressionspotential minimieren und schlussendlich zur besseren Resozialisierung beitragen soll. Die Repetition dieser Wohneinheiten führt zu einer klaren Strukturierung der doch recht komplexen Anlage. Die klare Struktur wiederum gibt dem Entwurf Charakter und ist grundsätzlich eine Qualität, die in jeder Bauaufgabe erstrebenswert ist. Auch die klare Typologie des Entwurfs trägt hierzu bei. In unserem Fall ist es der Hoftyp, der es erlaubt, auf die doppelte Rolle des Gefängnisses zu reagieren.

Zu Diskussionen geführt hat Ihre Formulierung im Erläuterungstext, dass das Gefängnis gegen aussen als «Ort der Ächtung» in Erscheinung treten soll. Was meinen Sie damit?
Zugegeben, «Ort der Ächtung» ist etwas provokativ. Die Formulierung bezieht sich auf die reine Aussenwirkung. Ein Gefängnis ist die Verkörperung ausführender Staatsgewalt, und Ausdruck dessen, was passiert, wenn man das Gesetz nicht respektiert. Deshalb darf und soll ein Gefängnis auch aussehen wie ein Gefängnis. Für  uns war es wichtig, dass der Entwurf als eine Einheit und ein Gefängnis erscheint und funktioniert, und nicht als Konglomerat von mehr oder weniger zusammenhängenden Einzelbauten.
Gleichzeitig sind die Zeiten vorbei, in denen Gefangene einfach weggesperrt werden. Ein Gefängnis ist heutzutage kein Kerker zur reinen Bestrafung, sondern hat die Aufgabe der Reintegration der Insassen in die Gesellschaft. Obwohl es im Inneren um Resozialisierung geht, darf ein Gefängnis allerdings nicht wie ein Hotel oder Therapiezentrum aussehen. Verbrechen, die zu Haftstrafen führen, muss mit Gewissheit und Strenge begegnet werden. Dem Gefängnis einen strengen, abweisenden Ausdruck zu geben, wendet sich somit an das Sicherheitsgefühl und -bedürfnis der Bevölkerung, geht aber auch davon aus, dass jeder, der heutzutage im Gefängnis landet, eine gewisse Selbstschuld daran hat. Darum darf ein Gefängnis durchaus respekteinflössend und in einem gewissen Masse eben auch präventiv und abschreckend wirken. 

Kann denn Architektur «erzieherisch» sein? Soll sie das überhaupt?
Das ist eine sehr weitgreifende Frage, die aber bei einem Gefängnis besondere Relevanz bekommt. Ist die Funktion des Gefängnisses nicht schon an sich eine erzieherische? Die Idee, dass Architektur ausdrückt, für was sie steht - wohlgemerkt in angemessenem Masse -,  enthält grundsätzlich auch gewisse didaktische Ansätze. Bewusst eingesetzt, vermag Architektur eine sehr starke Ausstrahlung zu entwickeln. Diese kann durchaus erzieherisch wirken, und bei einem Gefängnis soll sie das auch, auf unterschiedliche Arten.
Inwieweit Architektur auf den Menschen einwirken kann und soll, und welche Mittel und Methoden dabei Einfluss haben – das ist eine Frage, die sich bei vielen Bauaufgaben stellt. Wir sind in viele Schulbauten involviert, und die pädagogische Wirkung des Raumes spielt da natürlich eine wichtige Rolle. Architektur prägt auch –  und erst recht – die Wirkung eines Gefängnisses.

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