Innenbild

Jupiters Blitze

Die Haute Ecole de Santé in Genf leidet an Platznot und soll einen Erweiterungsbau erhalten. Das Architektubüro group8 gewinnt den selektiven Wettbewerb.

Selten sei ein Kennwort so aussagekräftig wie hier, schreibt die Jury zum prämierten Entwurf für den Erweiterungsbau der Haute Ecole de Santé in Genf. Das Projekt des lokalen Architekturbüros group8 trägt den Namen «Trait de Jupiter», Blitz des Jupiters. – Blitz des Jupiters? Gemeint sind die Zacken, die der römische Gott gemäss mythologischer Darstellung in den Händen hält. «Trait de jupiter», muss man wissen, ist aber auch eine im Französischen gängige Bezeichnung für eine Spleissverbindung im Holzbau, weshalb die Jury darauf hinweist, dass das Motto auf allen Massstabsebenen seinen Ausdruck findet. Die stadträumliche Verschränkung von Neubau und Aussenraum mit den gestuften oder eben «gezackten» Konturen kann man gleichzeitig als abstrahiertes Schema der verwendeten Holzkonstruktion lesen. Und ist man erst einmal auf die Fügung von abgetreppten Elementen aufmerksam geworden, entdeckt man sie plötzlich auch im Schnitt. Der zentrale Erschliessungsraum bleibt sich in der vertikalen Entwicklung nicht gleich, sondern zeigt eine schrittweise Verschiebung des Verhältnisses von Treppe und Luftraum: Während erstere gegen oben immer schmaler wird, dehnt sich letzerer aus. «Eine beeindruckende Kohärenz auf allen Ebenen des Projekts», sagt die Jury. 

Situationsmodell mit Bestand (links), Gartenraum und «gezacktem» Neubau (Mitte)

Nun wären diese erstaunlichen formalen Querbezüge eine eher selbstbezügliche Angelegenheit, würden sie nicht gleichzeitig räumliche Qualitäten hervorbringen. Im Schnitt ist dies die Versorgung mit zenitalem Tageslicht bis in die unteren Geschosse, auf Ebene der Konstruktion ein gemäss Jury «gleichzeitig zeichenhafter, ornamentaler und warmer Charakter» der Erschliessungsräume. Am gewinnbringendsten sind Jupiters Blitze aber im Aussenraum, antworten sie doch gleichzeitig auf die Frage nach der Anbindung des Neubaus an den Bestand und auf die Frage nach dem Umgang mit dem Terrain. Oben rücken altes und neues Schulgebäude nah zueinander, dank der gegenüberliegenden Eingänge entsteht eine selbstverständliche Verbindung. Gegen unten weitet sich der Aussenraum zum Gartenraum, bietet Flanierwege und Aufenthaltsflächen, erschliesst die weiteren Eingängen des Neubaus auf Niveau des unteren Erdgeschosses. Der Aussenraum, «gleichzeitig funktional, effizient und fliessend», werde so zum Gravitationszentrum der ganzen Anlage, lobt die Jury.

Wertschätzung erfahren des weiteren die geschickte innenräumliche Organisation und der Erschliessungsraum, der sich punktuell bis zu den Fassaden ausdehnt. Sind das nun schon wieder Jupiters Blitze? Jedenfalls ein weiterer Fall, wo aus einer bildhaften Idee eine architektonische Situation entsteht.
 

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