Frauenfeld organiserte 2017 einen Ideenwettbewerb für die Zukunft der Kaserne. Siegerprojekt: PARK, Ursprung und Müller Illien Fotos: Park Architekten

Ideenwettbewerb 2.0 – für heikle Fälle

Der Ideenwettbewerb ist in Vergessenheit geraten. Doch er könnte sich zu einem idealen Verfahren zur Mitbestimmung der Bevölkerung entwickeln. Vorausgesetzt, man erfindet ihn neu.

Wie lange der Weg eines Bauvorhabens sein kann, zeigt das im Juni 2018 ausgeschriebene Wettbewerbsprogramm zur Neugestaltung des Marktplatzes Bohl in St. Gallen eindrücklich: anonymer Projektwettbewerb im Jahr 2008, anschliessend Weiterbearbeitung bis zum Vorprojekt, danach Ablehnung des Kredits durch die Stimmbevölkerung. Es folgte die Analyse der Abstimmungsergebnisse, eine Überarbeitung des Projekts und schliesslich die revidierte Vorlage an die Bevölkerung. Auch dieses Projekt scheiterte an der Urne. Sieben Jahre nach der Durchführung des Wettbewerbs befand sich die Verwaltung in der unangenehmen Situation, ohne mehrheitsfähiges Projekt dazustehen. Die Sache war verfahren, eine Lösung lag in weiter Ferne. Ein Befreiungsschlag war gefragt. Die Stadtplanung St. Gallens entschied sich für ein in Vergessenheit geratenes Verfahren: den Ideenwettbewerb. Ein Entscheid, der in Zukunft viele Nachahmer finden dürfte. Vorausgesetzt, man erfindet den Ideenwettbewerb neu.

Ein Ideenwettbewerb liefert kein fertiges Projekt. Ziel ist, eine breite Auswahl an konzeptionellen Ansätzen zu erhalten. Er siedelt sich damit in den ersten Planungsphasen an. Es sollen Ziele, Bedürfnisse und Interessen frühzeitig mit architektonischen Konzepten verbunden werden, also lange bevor das Raumprogramm auf den Quadratmeter genau festgeschrieben ist, wie es beim grossen Bruder, dem Projektwettbewerb, in der Regel der Fall ist. Der Ideenwettbewerb kann zum Zeitpunkt, an dem noch viele Fragen offenstehen und der Entscheidungsspielraum entsprechend gross ist, eine Vielfalt an Lösungen anbieten, um damit die Weichen für das weitere Vorgehen zu stellen. Tatsächlich begutachtete der SIA 2016 gerade mal zwei Programme von Ideenwettbewerben, während es 1972 noch 21 waren.
Heute werden die Entscheide der ersten Stunde mit Machbarkeitsstudien und Testplanungen, also weitestgehend ohne den Ideenwettbewerb, gefällt. Dies hat zwei Gründe. Erstens wittern viele Architekten die Gefahr, Ideen ohne Gegenleistung zu verschenken. Weil der Bauauftrag meist noch weit entfernt ist, sehen sie den Ideenwettbewerb als unsichere Akquisition. Der Blick in die Geschichte zeigt denn auch, dass sich in der Frage des Bauauftrags die Gemüter am stärksten erhitzten. In der Revision der ersten Wettbewerbsordnung Ende des 19. Jahrhunderts forderten die Architekten den garantierten Bauauftrag für den Gewinner eines Wettbewerbs. Damit stellten sie schon früh die Daseinsberechtigung des Ideenwettbewerbs infrage. Zu oft wurden Ideenwettbewerbe für unausgereifte Vorhaben ausgerufen, die kurz nach der Preisverleihung in einer Schublade verschwanden. Zu oft regierte die Willkür, wenn nicht der Gewinner, sondern ein befreundeter Architekt des Auslobers den Zuschlag erhielt. Die Architekten verzichteten mit dieser Revision der Wettbewerbsordnung lieber auf ihren Einfluss in der strategischen ersten Phase, um damit näher am Bauauftrag und der Realisierung zu sein. Denn Geld verdient der Architekt – das war im 19. Jahrhundert nicht anders als heute – primär mit dem Bau eines Werks und nicht mit der Idee.
Der zweite Grund für die heutige Bedeutungslosigkeit des Ideenwettbewerbs lässt sich als Konsequenz dieser Entwicklung erklären: Weil sich die Architekten aus den ersten Planungsphasen zurückzogen, begannen private und öffentliche Bauherren damit, sich zu professionalisieren. Ein Ideenwettbewerb bietet ihnen keinen besonderen Mehrwert. Wer überzeugt ist, die richtigen Antworten bereits zu kennen, möchte sie nicht in einem Verfahren zur Diskussion stellen.

Der lange Prozess des Marktplatzes in St. Gallen zeigt, dass die Öffentlichkeit zunehmend mitreden will. Die Gründe, sich für seine Bauvorhaben rechtfertigen zu müssen, dürften in der aktuellen Diskussion der verdichteten Siedlungsentwicklung zunehmen. Der Auftraggeber ist somit gut beraten, sich in einer frühen Planungsphase möglichst breit abzustützen. Aus Tabellen und Zahlen erkennt der Anwohner keine räumlichen Qualitäten und wird schwierig zu überzeugen sein. Auch der Verweis auf geltendes Baurecht oder die architektonische Qualität dürfte nicht in jedem Fall wirkungsvoll genug sein. Der Widerstand fusst oft im Gefühl der Betroffenen, im Planungsprozess übergangen worden zu sein. Kein Zufall, hat sich die Stadt St. Gallen weder für eine Überarbeitung des Projekts noch für eine Neuauflage des Projektwettbewerbs entschieden.

Der Widerstand der Anwohner offenbart ein Misstrauen gegenüber herkömmlichen Planungsprozessen. Projektwettbewerben oder Testplanungen wird vorgeworfen, Interessen nur einseitig zu vertreten. Verfahren, die früh die Öffentlichkeit einbeziehen, haben da einen Vorteil. Ebenso dürften die Transparenz und die Lösungsvielfalt Argumente für ein alternatives Verfahren liefern. Hier hat der Ideenwettbewerb sein grösstes Potenzial: Rückmeldungen aus der Bevölkerung können im weiteren Planungsprozess aufgenommen werden, ohne das Gewinnerprojekt infrage zu stellen.
Der Druck aus der Bevölkerung könnte also jene Auftraggeber begünstigen, die mit klugen Verfahren strategische Lösungen aufzeigen. Der Ideenwettbewerb über die Zukunft der Kaserne in Frauenfeld (erschienen in hochparterre.wettbewerbe 2/2017) hat gezeigt, dass der Dialog mit verschiedenen Interessengruppen am gewinnbringendsten über räumliche Fragen geführt werden kann. Auch an Gipsmodellen hätten sich gute Diskussionen entfacht, hört man aus Frauenfeld. Themen also, die zur Kernkompetenz eines Architekten und nicht etwa eines Projektentwicklers oder eines Bauökonomen gehören. Somit erhält der Architekt auch die Gelegenheit, sich eine neue Rolle in der strategischen Phase anzueignen. Der Ideenwettbewerb kann zu seinem Instrument werden.

Damit das gelingt, muss der Ideenwettbewerb jedoch in zwei wesentlichen Punkten angepasst werden. Damit Architekturbüros bereit sind, einen substanziellen Beitrag zu leisten, ist die Verbindung mit einer späteren Realisierung unerlässlich. Wie dies möglich ist, zeigt das Beispiel in Frauenfeld exemplarisch: Ein Teilbereich wurde als Direktauftrag dem Gewinner zur Ausführung vergeben. Der Hauptteil des Areals wird in Form eines Studienauftrags, an dem der Gewinner auch teilnehmen kann, weiter präzisiert.
Die zweite Änderung ist organisatorischer Art. In der Regel werden Wettbewerbe in mehr oder weniger attraktiven Räumen für eine Zeitdauer von 10 Tagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Soll der Ideenwettbewerb als Instrument dienen, um mit verschiedenen Interessengruppen in einen Dialog zu treten, genügt das nicht. Vorgeschaltete Mitwirkungsprozesse sowie anschliessende Führungen und Diskussionsrunden müssen organisiert werden. Auch über die geforderten Abgabedokumente sollte nachgedacht werden. Was fördert das Verständnis, was unterstützt den Dialog, was eignet sich nicht? Professionelle Beratung oder ein Erfahrungsaustausch sollte jedem Auftraggeber in Aussicht gestellt werden, wenn er sich für die Durchführung eines Ideenwettbewerbs entscheidet. Wer den Weg des Ideenwettbewerbs 2.0 beschreitet, ist mutig, betritt Neuland und braucht die Unterstützung von uns Architekten und unseren Berufsverbänden.

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