Neubau Eingangsstufe Vorbereich

Effekt durch Drehung

Bienert Kintat Architekten wissen die richtigen Antworten auf Alt und Neu und gewinnen den Projektwettbewerb für die Sanierung und Erweiterung der Schulanlage im bernischen Grossaffoltern.

Eine in die Jahre gekommene Schulanlage in einer kleinen oder mittelgrossen Schweizer Gemeinde, die erneuert und erweitert werden soll – das ist eine Wettbewerbsaufgabe, wie sie immer wieder gestellt wird. Ausgangslage und Programm solcher Wettbewerbe gleichen einander, und doch, so möchte man mit Leo Tolstoi sagen, ist jede unglückliche Schulanlage auf ihre eigene Weise unglücklich.

Zum Beispiel Grossaffoltern (dies übrigens das preiswürdige Kennwort des nicht-rangierten Projekts von Skop): Der Bestand umfasst hier ein 50er-Jahre Schulhaus, an welches man in den 80er Jahren ein Mehrzweckgebäude mit Turnhalle und einen Wohnungstrakt angebaut hatte. Nicht nur sind die beiden Teile um ein halbes Geschoss gegeneinander versetzt und widersprechen den heutigen Anforderungen an Hindernisfreiheit, vor allem auch vermerkt das Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) die Mehrzweckhalle als störenden Bau in einem ansonsten inktakten Ortsbild von regionaler Bedeutung. Womit wir auch gleich schon bei den Qualitäten wären: Sehr schön nämlich liegt die Schulanlage in der Landschaft, man blickt über eine Wiese und einen baumbestandenen Bach zum historischen Dörfchen mit Kirche und Pfarrhaus.

Unmittelbarer Anlass für den Wettbewerb war die neue Schulorganisation der Gemeinde: zwei Schulstandorte fallen weg, zwei werden gestärkt. Neben der Totalsanierung und Anpassung der bestehenden Bauten musste daher auch ein Neubau mit sechs Klassen- bzw. Kindergarteneinheiten geplant werden. 

Das mit dem ersten Rang ausgezeichnete Projekt von Susann Kintat und Volker Bienert (aufmerksame Leser wissen: ein regelmässiger Autor von hochparterre.wettbewerbe) versteht es, die beiden Aufgabenteile zueinander in Bezug zu setzen, ohne dabei die Autonomie des Neubaus einzuschränken. Vielmehr wird das Konglomerat der Schulanlage mit einem eigenständigen Baukörper selbstverständlich fortgeschrieben, was aber erst einmal die architektonische Umgestaltung des Bestandes voraussetzte. Rigoros deuten Bienert Kintat Architekten insbesondere den Dachrand des Mehrzweckgebäude um, der statt voluminös und eternitverkleidet neu die Nähe zum feinen Satteldach der 50er Jahre sucht; die notwendige Dämmung der Altbauten nehmen sie wiederum zum Anlass, das Ensemble mit einer durchgängigen Materialisierung in Putz zu vereinheitlichen; verschiedene Farben schaffen gleichzeitig Nuancierungen zwischen den verschiedenen Baukörpern.

Situation

Zum dem solcherart harmonisierten Bestand gesellt sich nun als zeitgemässe Fortschreibung ein langer eingeschossiger Bau mit ebenso langem Satteldach, platziert entlang der baumbestandenen Schulhausstrasse im Westen der Bestandesbauten. Die sechs Einheiten mit Klassenzimmer, Gruppenraum, Garderobe, Materialraum und Toiletten sind seriell unter das Dach gereiht, allerdings leicht gedreht und zueinander versetzt. Der Effekt dieser Drehung erschöpft sich nicht im geometrischen Zusammenspiel von Wand und Dach, sondern schafft räumliche Qualitäten: zum Vorplatz hin gedeckte und zugeordnete Eingangssituationen, auf der Rückseite ein über Eck offener Innenraum, der über die freie Wiese hin zum Dorfkern blickt. Derweil ist die innenräumliche Organisation im Neubau so simpel wie im umgebauten Bestand raffiniert. «Räumlich stimmig» nennt die Jury die neuen Verbindungen im Bestand, «stimmungsvoll» die neugestalteten Eingangs- und Spielbereiche rund um die Schulanlage, ebenfalls «stimmungsvoll» den architektonischen Ausdruck. Das stimmt natürlich zuversichtlich.

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