Des Architekten Freud und Leid (II)

Das «Atelier U-30» widmete dem Architekturwettbewerb eine Podiumsdiskussion. Auch in Deutschland wird wieder einmal über Sinn und Zweck des Wettbewerbsverfahrens diskutiert. Nachrichten aus dem Nachbarland.


Das «Atelier U-30» widmete dem Architekturwettbewerb eine Podiumsdiskussion. Auch in Deutschland wird gerade rege über das Wettbewerbsverfahren diskutiert. «BDAtalk», das Online-Debattenmagazin des Bund Deutscher Architekten Bayern, stellt als aktuelles Thema die Frage «Wettbewerb – Garant für Qualität?» in den Raum. Der Leitartikel von Karlheinz Beer, Architekt und 1. Vorsitzender BDA Bayern, würdigt den Wettbewerb als «einzigartiges Erfolgsmodell», verweist aber kritisch auf die «überzogene Vorstellungen und Forderungen der Beteiligten». Dazu zähle leider auch die Forderung nach offenen Wettbewerben, die seitens der Architekten sehr vehement vorgetragen werde. Für Karlheinz Beer ist klar, dass die schrankenlose Öffnung zu «unlösbaren logistischen Problemen» führen würde – zumal seit der Vollendung des Binnenmarkts regionalbezogene Einschränkungen strikte verboten seien. Die offenen Realisierungswettbewerbe vergangener Zeiten seien nur durchführbar gewesen, weil sie auf Regierungsbezirke oder Länder beschränkt gewesen seien. Deutlich wichtiger, so Beer, sei darum «das Engagement für die Sicherung der Beteiligung von Berufsanfängern und kleineren Büroeinheiten».

Gerade dies scheint in Deutschland allerdings ein wunder Punkt zu sein. Die zahlreichen Kommentare legen den Schluss nahe, dass als Folge des selektiven Verfahrens jungen Architekten der Zugang zum Architekturwettbewerb verwehrt bleibt. «Absurde Eignungskriterien als Voraussetzung für die Teilnahme stellen quantitative über qualitative Werte», schreibt beispielsweise die Architektin Lydia Haack aus München. In logischer Konsequenz führe dies zu einem reglementierten Markt, den wenige, große Bürostrukturen dominieren werden. «Welches kleine oder gar neu gegründete Büro», fragt Haack, «kann z.B. im Zeitraum von fünf Jahren sechs vergleichbare Referenzprojekte nachweisen um sich für den Bau eines Kinderhauses zu bewerben? Welches mittelgroße Büro hat gar im Zeitraum von drei Jahren zwei bis drei Schulen gebaut?» – Fragen, die – zumindest in Ansätzen – auch in der Schweiz ihre Berechtigung haben. Dennoch führt Wolfgang Rossbauer, ein in Zürich tätiger bayrischstämmiger Architekt, das hiesige Wettbewerbswesen als Vorbild an. Das Beispiel Schweiz, so Rossbauer in seinem Kommentar, zeige, dass junge Architekten nicht nur Wettbewerbe gewinnen würden, sondern dass sie auch fähig seien, die Bauprojekte zu realisieren. In Deutschland hingegen tue man so, «als gäbe es haufenweise Horrorgeschichten von Bauwerken, die einstürzten, weil der Architekt zu jung war. ‹Erfahrung› ist das alles schlagende Glutamat-Argument, es schmeckt einfach so richtig. In der Schweiz gewinnen derzeit zahlreiche Jungbüros große Wettbewerbe und führen diese allesamt erfolgreich aus.»

Auch die deutsche «Baunetzwoche» hat eine ihrer letzten Ausgaben dem Wettbewerb gewidmet. Der Tenor ist  hier ungleich positiver: Zu Wort kommen einerseits erfolgsverwöhnte Büros wie Nieto Sobejano («Zum Anfang unserer Karriere hatten wir das Glück, alle möglichen Wettbewerbe zu gewinnen») oder Barkow Leibinger («Du musst einfach eine wirklich gute Idee bei einem guten Wettbewerb haben»). Zum anderen – offenbar als Muntermacher für alle namenlosen Architekten ohne 1. Preis gedacht – wird kräftig am Mythos Wettbewerb geschraubt. So beschreibt der Autor Stephan Becker das nächtelange Arbeiten am Wettbewerb als «Ausweis des eigenen kreativen Draufgängertums»: «Es gibt zahllose Anekdoten aus der Endphase von Wettbewerben, und meist werden sie mit Begeisterung erzählt. […] Näher am Rock’n’Roll ist man nie als Architekt. Das Ergebnis? Ist im Grunde zweitrangig, auch wenn es natürlich gut klingt, am neuen Guggenheim zu arbeiten, selbst wenn man nur eines von 1715 Teams ist.» – Schöne neue Welt! «Die Menschen wollen sich messen», weiss dazu Redaktorin Jeanette Kunsmann im Editorial. «Sie wollen wissen, wer der Beste ist – sie wollen der Beste sein.»

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