Das neue Projekt der Zielbau AG

Der Wettbewerb als Feigenblatt

Im März 2014 gewann Thomas Kai Keller einen Studienauftrag in Appenzell Innerrhoden. Ein Jahr später ist sein Projekt bereits Makulatur.

Der Bauplatz befindet sich, wie es so schön heisst, «an dorfbildlich sensibler Stelle», konkret: mitten im Zentrum der kleinen Ortschaft Weissbad. Dort steht der ehemalige Gasthof Weissbadbrücke seit zwei Jahren leer. Die beiden alten Appenzeller Häuser sollen durch einen Neubau ersetzt werden. Ein erstes Bauvorhaben, das zwei Wohnhäuser und ein Restaurant vorsah, wurde 2013 sistiert - zu zahlreich waren die Einsprachen, zu gross der Widerstand im Dorf. Die Besitzerin der Parzelle, die Immobilienfirma Zielbau AG aus Appenzell, beschloss in der Folge, einen Studienauftrag durchzuführen. Gesucht waren «Mehrfamilienhäuser mit hochwertigen Eigentumswohnungen». Grossen Wert legte der Auslober auf die Bewilligungsfähigkeit der Beiträge und eine maximale Ausnützung der Bauparzelle. Das Raumprogramm blieb derweil reichlich diffus, das Verfahren war nicht SIA-konform. Ja, man hätte gewarnt sein können. Aber wenn ein grosser Auftrag lockt, drücken auch erfahrene Architekten gerne einmal beide Augen zu.

Die Jury – fachlich kompetent besetzt mit Franz Eberhard und Paul Knill – empfahl damals das Projekt von Thomas Kai Keller Architekten zur Weiterbearbeitung. Die «Setzung, Ausbildung und Ausrichtung des Baukörpers» sei überzeugend, hiess es, und die vorgeschlagene Silhouette «sehr gut in den Dorfkörper eingestimmt». Nachzulesen auch im hochparterre.wettbewerbe 3/2014.

Vor einigen Wochen trat nun Urs Möckli, CEO der Zielbau AG, wieder vor die Medien. Die Planung von Thomas Kai Keller, liess er wissen, habe sich dermassen in Details verloren, dass die Kosten «ins Uferlose» gestiegen seien. Möckli konnte auch gleich einen neuen Vorschlag präsentieren, diesmal aus der Feder des Zürcher Architekturbüros Mazzapokora. Auch sie hatten vor einem Jahr am Wettbewerb teilgenommen. Das neueste «Produkt», so die sprechende Wortwahl des lokalen Newsportals appenzell24.ch, lehne sich wieder stärker an die Tradition der bestehenden Weissbadbrücke an: Hinter einem «typisch Appenzellischen Kleid» sollen ein Hotel mit Restaurant sowie achtzehn Eigentumswohnungen untergebracht werden.

Der gelackmeierte Wettbewerbssieger wollte die Beschuldigungen verständlicherweise nicht auf sich sitzen lassen. In einem Rundschreiben an die Projektbeteiligten legte Thomas Kai Keller seine Sicht der Dinge dar. Schenkt man seiner Darstellung Glauben, kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass der Wettbewerb von Anfang an nicht mehr war als das Feigenblatt für ein Spekulationsprojekt der unschöneren Sorte: Kaum dass der Studienauftrag abgeschlossen war, so Thomas Kai Keller, seien sie von der Zielbau AG angefragt worden, ob sie das Projekt nicht für 100'000 Franken verkaufen wollten und für dieses Honorar «das Projekt einfach noch ein bisschen gestalterisch begleiten» würden. Die Architekten mochten ihren Entwurf jedoch nicht aus der Hand geben und bestanden auf dem im Wettbewerbsprogramm versprochenen 50%-Leistungsanteil an der Planung. Auf Wunsch des Investors erhöhten sie die Anzahl Wohnungen von 22 auf 27. Die Zielbau AG aber drangsalierte die Architekten weiter, stellte Rabattforderungen und begann zudem, zeichnerisch in das Projekt einzugreifen. Das unverkennbare Ziel der Zielbau AG: mehr Rendite. Unter diesen Umständen sah sich Thomas Kai Keller irgendwann gezwungen, das Mandat niederzulegen – obwohl man auf gutem Weg gewesen sei «ein sachliches, feinfühliges, zeitgemässes und sogar noch appenzellerisches Haus zu entwickeln». Den Vorwurf der in Uferlose gewachsenen Kosten lässt er nicht gelten: Das Projekt sei jederzeit ohne weiteres finanzierbar gewesen. «Mit ein bisschen weniger Gewinnmarge wäre es locker gegangen», sagt Keller.
Dass die Darstellung des Architekten zutreffend ist, bezeugt nicht zuletzt Urs Möcklis Antwort auf das Rundschreiben. Von horrenden Kosten ist hier plötzlich nicht mehr die Rede, dafür werden die Vorwürfe persönlich: Der eigentliche Grund für das Scheitern der Zusammenarbeit, lässt der Investor wissen, sei die «Überheblichkeit und Herablassung, mit der uns Herr Keller immer wieder begegnet ist».

Fakt ist, dass nun ein Projekt vorliegt, das gegenüber dem ursprünglichen Wettbewerbsprojekt nochmals um fast 30% grösser ist. Ist es überheblich, wenn der Architekt vor einem «Dorfzentrumsmonstrum» warnt? Wohl kaum. Allerdings lässt sich kaum leugnen, dass sich die Schere zwischen Architekten- und Laienmeinungen auch im Appenzell weit öffnet. Herr Möckli darf nämlich mit dem neuesten Projekt nicht nur die Rendite auf seiner Seite wissen, sondern auch die «Gruppe Appenzellisches Baugesetz». Die Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt des Orts- und Landschaftsbilds einsetzt, wurde während der Planung mit ins Boot geholt und konnte mit der nun vorgeschlagenen historisierenden Fassade offenbar zufrieden gestellt werden. Ob der appenzellischen Baukultur damit ein Dienst erwiesen ist, darf bezweifelt werden.

Der ehemalige Gasthof Weissbadbrücke ist nun seit zwei Jahren geschlossen. Das pensionierte Wirteehepaar hatte laufend in die alten Gebäude investiert und damit gerechnet, dass auch nach ihrer Zeit weiter gewirtet wird. Als sich nach langer Zeit kein Nachfolger finden liess, verkauften sie die Liegenschaft schliesslich an Urs Möckli. Dieser weilt dem Vernehmen nach gerade in Thailand, wo er im Herzen der Insel Phuket einen «Wohnpark für lokale Anwohner, Studenten, Golfliebhaber und Urlauber» entwickelt. Den Daheimgebliebenen bleibt als Trost das Versprechen auf eine neue Gastwirtschaft an der Weissbadbrücke. Möckli wolle hierfür etwas Einzigartiges, war in der Appenzeller Zeitung zu lesen, «beispielsweise ein asiatisches Restaurant».

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Kommentare

Raphael Kräutler 12.06.2015 17:51
Uns ist vor ein paar Jahren was ganz ähnliches passiert: Ein privater Bauherr hat einen Wohnungsbauwettbewerb in Biel Benken organisiert (er wollte ja mehr Ausnützung als das Baugesetz zulässt). Die Jury war gut besetzt: Luca Selva war Vorsitzender und die Aufgabe spannend. Wir gewannen den Wettbewerb und freuten uns sehr. Darauf wurde ohne Ankündigung eine Überarbeitung gefordert. Diese gewannen wir wieder. Zwei Wochen lang passierte nichts, dann kam der Brief der Wettbewerb sei abgebrochen. Eine Aussprache mit dem Bauherrn brachte nichts, die Jury hat sich zwar für uns eingesetzt aber die Behörden hat's nicht interessiert. Also gingen wir vor Gericht. Ein Jahr später kam es zum Vergleich, wir bekamen CHF 50'000 für die 2000 Stunden Arbeit, die Hälfte ging direkt zum Anwalt. Übrig blieb viel Frust. Heute steht auf dem Grundstück ein Speki Bau vom Wunscharchitekten des Bauherrn. Unser Fazit: Wir machen nur noch Wettbewerbe, die nach SIA 142 geprüft sind, auch wenn die Aufgabe und die Jury noch so interessant sind.
peter voelki 16.06.2015 12:53
rendite ist klar. leider sehe ich im neuen projekt zu wenige gute ansätze. wir dürfen das land nicht mit nichsagenden projekten zubauen. es reicht bei weitem nicht, ein thailändisches restaurant im appenzellerland zu versprechen. das architekturbüro mazzapokora bringe ich nicht mit dem projekt in übereinklang. gibt es da nicht noch möglichkeiten zur verbesserung?
Mathias Müller 16.06.2015 13:19
Man sollte auch als Jurymitglied auf der Hut sein vor derartigen Verfahren und lieber einmal weniger mitmachen als sich nachher als Feigenblatt für windige Investoren fühlen zu müssen. Leider ist's regelmäßig ein Kampf, sich für korrekte Verfahren einzusetzen und oft ist man auch nach der Jurierung überrascht über den Lauf, den die Dinge nehmen. Es ist und bleibt eine Gratwanderung.
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