Man schaue auf diesen Plan: Grundriss des 3. Obergeschosses mit bestehendem Union-Gebäude ( links ) und neuem Bibliotheksbau ( rechts ). (Siegerprojekt von Staab Architekten, Berlin)

Auf den zweiten Blick

Visualisierungen sind unerbittlich: Der Blick registriert das Bild, und im selben Augenblick festigt sich ein Urteil – ob es dem Projekt gerecht wird?

Der fotorealistische Ansatz hat sich als Standard der Architekturvisualisierung weitgehend durchgesetzt. Warum eigentlich? Wahrscheinlich weil er die Wahrnehmung kaum herausfordert. In der Tat funktioniert die fotorealistische Visualisierung wie eine Fotografie, die wiederum das alltäglichste und verbreitetste Mittel der Wirklichkeitsabbildung ist und die äussere Welt täuschend echt wiedergibt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Auch architektonische Laien wissen intuitiv, wie ein solches Bild zu lesen und zu verstehen ist. Sie wissen, was die Visualisierung ihnen mitteilt. Sie wissen: So wird das einmal aussehen. Architekturprojekte ohne Bilder sind entsprechend rar geworden. Hat das Architekturbüro XY den Wettbewerb XYZ gewonnen, reichen die Medien eine Visualisierung des Projekts herum, anderes ist kaum mehr vorstellbar. Wie sieht das prämierte Projekt aus? Diese Frage will eine schnelle Antwort.  Die Probleme folgen auf dem Fuss: Man kann in einem solchen Architekturbild dank hohem Detaillierungsgrad zwar viel entdecken, aber wenig interpretieren. Von einem Erlebnis, das per definitionem räumlich und unter unendlich vielen Blickwinkeln erfahrbar wäre, setzt sich im Kopf der Betrachter ein einzelnes Bild fest. Ein einzelner Eindruck, der nolens volens ein Urteil nach sich zieht. Dieses lässt sich nur selten und mit einigem gedanklichem und zeitlichem Aufwand revidieren. Semidepressive Hochnebelstimmung  Damit soll nicht grundsätzlich gegen die Architekturvisualisierung angeredet werden, die ein eigenes Medium mit eigenen Möglichkeiten der Darstellung ist ( Stichwort « Atmosphäre » ), aber auf zwei nicht unproblematische Aspekte hingewiesen werden: erstens die Wirkungskraft der Visualisierung, zweitens ihre beschränkte Aussagekraft. Womit wir beim Wettbewerb für die Neue Bibliothek in St. Gallen angelangt wären, genauer bei der Visualisierung des prämier...
Auf den zweiten Blick

Visualisierungen sind unerbittlich: Der Blick registriert das Bild, und im selben Augenblick festigt sich ein Urteil – ob es dem Projekt gerecht wird?

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