Für die St. Galler Altstadt untypische Balkone wurden möglich, weil die Brühlgasse auf der Nordseite des Gebäudes einen kleinen Platz bildet. Fotos: Angela Lamprecht
Im Aufrtrag von Electrolux

Wohnen im ehemaligen Gewerbehaus

Zwischen zwei St. Galler Altstadtgassen wurden einst Textilien verarbeitet. Jetzt wird im Haus ‹Zum Schönfels› gewohnt. Die alten Strukturen sind in den Korridoren und im kollektiven Waschsalon erhalten.

Die ältesten Balken stammen aus dem 15. Jahrhundert und Pläne aus dem 17. Jahrhundert zeigen, dass in diesem Altstadthaus Stoffe gefärbt wurden. Noch Jahrzehnte länger war das Haus ‹Zum Schönfels› ein Ort der Textilien-Fabrikation. Gearbeitet wurde in teils grossen Räumen, die von einem breiten Korridor in der Mitte des Hauses erschlossen waren. Später zogen Ladengeschäfte ein und in den oberen Stockwerken war seit den 1980er-Jahren eine Galerie zuhause, die den einstigen Textilsaal für Auktionen nutzte.

Zur Löwengasse präsentiert sich das renovierte Haus mit seiner Originalfassade.

Hinter einer gläsernen Brandschutzwand stehen im historischen Kellergewölbe die 17 Waschtürme von Electrolux.

Jetzt wird in diesem Haus gewohnt. Nach der Übernahme durch eine Immobilienfirma entstanden über dem Ladengeschäft und Showroom im Erdgeschoss und einer Anwaltskanzlei im ersten Obergeschoss 17 Wohnungen mit einem Mix von 1,5 bis 4,5 Zimmern. Architekt Reto Egloff, der sich auf die Stadtverdichtung und neue Wohnformen konzentriert und dies gerne in denkmalgeschützter Umgebung tut, schlug der Denkmalpflege den Erhalt der breiten Flure vor – und gleichzeitig die Aufstockung um ein Voll- und ein Mansardgeschoss in Holzelementbauweise. «Denn immer wenn in den Häusern zu wenig Platz war, haben die Eigentümer noch eine oder zwei Etagen draufgebaut», argumentiert der Architekt mit den Fakten der Stadtentwicklung. Das hat zu den typisch unregelmässig hohen Häusern geführt.

Waschsalon im Gewölbekeller
Im ältesten Teil des Hauses, in den mit Backsteinen ausgefachten Kellergewölben, haben Investor und Architekt in Zusammenarbeit mit Electrolux einen eigentlichen Waschsalon eingerichtet. Er entstand, weil Waschmaschinen in einem Altbau oft störende Vibrationen verursachen. Doch eine herkömmliche Waschküche sollte es in diesem historischen Gebäude nicht werden. Deshalb stehen unter dem Kellergewölbe jetzt hinter einer gläsernen Brandschutzwand 17 Waschtürme nebeneinander. Jede Partei hat ihre eigenen, sensorgesteuerten und sehr energieeffizienten Maschinen. Ein solcher Ort entspreche auch der Tradition des Hauses, in dem früher Stoffe gefärbt und gewaschen wurden, so der Architekt. Und er ergänzt: «Waschen im Keller mag nicht ganz so komfortabel sein, aber ein neuer, im historischen Lichthof platzierter Lift, macht den Salon gut zugänglich.» Rundum ist der historische Keller hell ausgeleuchtet und hier gibt es auch Platz für die Kellerabteile und für Velos. 

Im veredelten Waschsalon trifft man vielleicht zufällig auf die Nachbarin oder den Nachbarn – fast wie einst am Dorfbrunnen.

In allen Wohnungen sind die Küchen mit Kombisteamer und Herd von Electrolux ausgerüstet.

Durch die wechselnden Nutzungen war in den Obergeschossen immer wieder eingegriffen worden. Geblieben sind die breiten Korridore. Diese Situation ist heute auf jeder zweiten Etage als eigentliche «rue intérieur» erlebbar, inspiriert von Le Corbusiers Entwurf der «unité d'habitation». Diese Flure haben eine ganz eigene Stimmung, weil an ihrem Ende Tageslicht einfällt. Reto Egloff hat sie – gleich wie den Waschsalon – als Begegnungszone konzipiert. 

Balkone als neue Altstadtelemente
Im heute offenen und von beiden Gassen her zugänglichen Erdgeschoss sind die einst tragenden Wände durch V-Stützen ersetzt. Sie leiten die Kräfte auf jene Punkte des Kellergewölbes ab, die die nötige Tragfähigkeit haben. Ab dem 2. Obergeschoss sind durchgestossene Wohnungen eingebaut. Sie haben offene Küchen mit energieeffizienten CombiSteam-Multifunktionsbacköfen und Induktionskochfeldern – ebenfalls beides von Electrolux. Die Wohnungen sind von zwei Seiten, vor der Löwen- und von der Brühlgasse, belichtet. Zehn Wohnungen haben auf der Nordseite, dort wo die belebtere Brühlgasse einen kleinen Platz bildet, Balkone bekommen, «eine in der St. Galler Altstadt eigentlich fremde Typologie» wie Reto Egloff weiss. Weil die Wohnhygiene von heute aber solche Aussenräume verlangt, habe er sie vorgeschlagen, und auch weil «Balkone ein kleinerer Eingriff in die historische Struktur sind, als eingezogene Loggias». Sie bilden ausserdem einen spannenden Kontrast zur historischen Fassade mit ihren Bändern, Fensterläden, aufwendigen Fenstereinfassungen und dem grobkörnigen Kellenwurf-Verputz.

Blick in eine Wohnung mit der internen Treppe.

Die obersten Duplex-Wohnungen haben Zutritt zur Dachterrasse.

Die Hälfte der Wohnungen sind als Maisonette angelegt, bei denen man vom Eingang her entweder eine Etage hinunter oder hinauf steigt. Die obersten fünf Wohnungen haben Zugang zu individuellen Dachterrassen. «Wir haben hier für ein urbanes Publikum die Altstadt weitergebaut und verdichtet», so der Architekt. Besonders gefreut hat ihn, dass der erste Mietvertrag mit einem Rollstuhlfahrer abgeschlossen wurde, «denn das Behindertengleichstellungsgesetz stellt hohe Anforderungen an den Umbau eines historischen Gebäudes.» Bei der Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohnern handelt es sich um junge Paare, die diese hochwertigen Wohnungen schätzen. 

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Kommentare

Urban Sociologist 23.12.2025 07:40
Wie lange dauert es wohl, bis erste Lärmklagen gegen die seit langem etablierten Bars und Clubs eingehen..? Balkone dort Richtung Norden sind seltsam. Und: Warum keine gemeinsame Dachterrasse? Wirklich spannend und innovativ wäre es, den Waschsalon (bzw. einen Teil davon) öffentlich zu machen: So entstünden Begegnung und echte Urbanität.
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