Das Projekt sue&til stammt von Weberbrunner Architekten und Soppelsa Architekten. Über dem Erdgeschoss in Massivbauweise erhebt sich ein sechsgeschossiger Holzbau mit 307 Wohnungen. Eine helle Aluminiumfassade veredelt die Grossform. Fotos: Zvg; Isofloc; Architekten
In Zusammenarbeit mit Isofloc

Mit allen Fasern

In Winterthur beziehen im Dezember die ersten Bewohnerinnen und Bewohner die grösste Holzbauwohnsiedlung der Schweiz sue&til. Der sechsgeschossige Holzelementbau wurde mit Zellulosefasern gedämmt. Das ging schnell und brauchte vergleichsweise wenig graue Energie.


In Winterthur beziehen im Dezember die ersten Bewohnerinnen und Bewohner die grösste Holzbauwohnsiedlung der Schweiz sue&til. Der sechsgeschossige Holzelementbau wurde mit Zellulosefasern gedämmt. Das ging schnell und brauchte vergleichsweise wenig graue Energie.

Zellulose soll dämmen, aber nicht brennen? Mitte der Achtzigerjahre, als die Firma Isofloc den neuen Dämmstoff in der Schweiz anzubieten begann, konnte das niemand so recht glauben. Doch mit der Entwicklung hin zum umweltfreundlicheren Bauen kam Isofloc zur richtigen Zeit. Zellulose wächst nach und der Dämmstoff verbraucht im Vergleich zu anderen am wenigsten Energie in der Herstellung. Isofloc besteht aus Zellulosefasern, die ähnlich wie Watte in Flocken und Bauschen aneinanderhängen. Indem die Flocken mit Druck in die zu dämmenden Hohlräume eingeblasen werden, passen sie sich jeder Hohlform an und füllen diese dicht aus. 1992 eröffnete die Firma eine Produktionsanlage in Bütschwil im Kanton St. Gallen, wo die Fasern seither produziert werden. Isofloc arbeitet mit Fachbetrieben zusammen, die von der Firma den Dämmstoff und die nötigen Maschinen beziehen und selbst anwenden. So können etwa Zimmereien die Dämmarbeiten selbstständig offerieren und ausführen.

Umplanung vor Baubeginn
Nächsten April wird in Winterthur die Überbauung sue&til fertig gestellt, das bisher grösste Holzbauwohnprojekt landesweit. Der Bezug erfolgt etappenweise bis im September 2018. Das Projekt stammt von Weberbrunner Architekten und Soppelsa Architekten und ging 2013 aus einem Studienauftrag hervor. Die blockrandartige Grossform füllt ein 17,8 Hektar grosses Areal in Winterthur Neuhegi, dem riesigen Umnutzungsgebiet im Osten Winterthurs, das zum eigenständigen Stadtteil heranreift. Das Projekt hat Implenia entwickelt, anschliessend dafür Allianz Suisse als Investor gewonnen, und realisiert es nun als Totalunternehmerin. Die Überbauung entspricht den Zielen der 2000 Watt-Gesellschaft und wird entlang des SIA Effizienzpfads Energie MB 2040 geplant.

Über einem massiven Erdgeschoss mit Gewerberäumen ragt ein sechsgeschossiger Holzbau auf: Ein Ständerbau aus Brettschichtholz, der innen und aussen mit Holzwerkstoffplatten beplankt ist. Die innere Oberfläche bilden Gipsfaserplatten, die Aussenfassade besteht aus hellbeige schimmernden Aluminiumverbundplatten. Zunächst sollten die Fassadenelemente konventionell mit Steinwolle gedämmt werden. Doch Steinwollplatten müssen noch immer auf die Elemente zugeschnitten und von Hand eingepasst werden – bei einem Projekt mit einem zu dämmenden Fussabdruck von 12'500 Quadratmetern und einer gewaltigen Fassadenabwicklung ein grosser Zeitaufwand – einmal abgesehen vom Verschnitt und von den Lagerflächen, die für die Steinwolle nötig wären. Seit 2015 erlauben die Brandschutzvorschriften, dass Gebäude bis zur Hochhausgrenze, also bis zu 30 Meter, mit Zellulose gedämmt werden dürfen. Die verantwortlichen Planer bei Implenia schwenkten daher noch nach der Baubewilligung von Steinwolle auf Zellulosefasern als Dämmstoff um.

Der Einblascomputer
Inzwischen bietet Isofloc ein für die Holzelementbauten geeignetes System an: «Easyfloc» macht eigentlich die ganze Arbeit allein. Zuerst werden die Zellulosefaser-Ballen in einer eigens konstruierten Maschine aufgelockert und dann durch computergesteuerte Stutzen in die Wandelemente eingeblasen. Dabei beträgt die Menge bis zu 1,4 Tonnen pro Stunde. Mit dem Easyfloc-System lassen sich verschiedenste Elementformen dämmen. Sind deren Fächer voll, stoppt das Einblasen automatisch. Bei sue&til seien pro Wandelement knapp 20 Minuten zum Einblasen nötig gewesen, sagt Adrian Ulrich von Implenia Holzbau. Zudem sei die maschinelle und digital gestützte Dämmung präzise und dank der Daten einfach zu kontrollieren.

Gemäss Isofloc übersteigen die bauphysikalischen Werte der Konstruktion bei sue&til zwar die Vorgaben leicht, erreichen aber die Anforderungen von Minergie und der 2000-Watt-Gesellschaft. Im Vergleich mit der Steinwolle hat die Isofloc-Dämmung auch einen leicht höheren Bedarf an Heizwärme zur Folge, allerdings nur gerade 3,27 Franken pro Wohnung und Jahr. Laut den Verantwortlichen bei Implenia und bei Bakus Bauphysik überwiegen die Vorteile von Isofloc, vor allem dank der geringen grauen Energie, dem geringen Ausstoss von Treibhausgasen sowie der effizienten Verarbeitung.

Überbauung sue&til, 2013 bis 2018
Sulzer-Allee, Winterthur
Projektentwicklerin:  Implenia
Bauherrschaften: Allianz Suisse Lebensversicherungs-Gesellschaft AG, Wallisellen (Mietwohnungen); Implenia Immobilien AG, Dietlikon (Eigentumswohnungen)
Totalunternehmerin:  Implenia
Architektur: Weberbrunner Architekten und Soppelsa Architekten, Zürich
Landschaftsarchitektur: Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau GmbH
Bauphysik: BAKUS Bauphysik und Akustik GmbH
Holzbau-Ingenieure: Timbatec Holzbauingenieure Schweiz AG
Fassadenplanung: ProOptima, Beratung und Projektierungen für Stahl-, Metall-, Glasfassaden
Auftragsart: Wettbewerb, 2013
Raumprogramm: Publikumsorientierte Nutzungen im Erdgeschoss, total 307 Wohnungen, davon 49 Eigentumswohnungen
Konstruktion: Untergeschoss und Erdgeschoss Massivbauweise, 1. bis 5. Obergeschoss Holzbauweise
Nachhaltigkeit: SIA Effizienzpfads Energie MB 2040, Minergie
Investitionsvolumen: 162 Mio. Franken

Mehr Informationen unter: www.sueundtil.ch

Die Rubrik Werkplatz ist eine Kooperation von Hochparterre mit ausgesuchten Firmen des Werkplatzes Schweiz.

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