Golden leuchtende Schatztruhe: Der Festsaal in der Kunsthaus-Erweiterung ist ein lichttechnisches Highlight. Fotos: Faruk Pinjo
Im Auftrag von Zumtobel

Licht und Kunst

Mit der Erweiterung gewinnt das Kunsthaus Zürich 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Die Kunstwerke bekommen nicht nur mehr Raum, sondern auch besseres Licht. Hochparterre und Zumtobel laden zum Ortstermin.

In den Medien war beim Kunstkoloss am Heimplatz Zürich bis anhin vor allem das Zusammenspiel von Marmor, Messing und Stein sowie die Proveniez der Sammlung Bührle ein Thema. Das Licht «das die Beziehung zwischen uns, einer künstlerischen Arbeit und dem Raum massgeblich beeinflusst», wie es der Architekt David Chipperfield formuliert, war kaum im Fokus. Zu unrecht. Denn mit der neuen Lichtlösung können die Ausstellungsmacher die Bilder und Skulpturen in den neuen Ausstellungsräumen pointiert oder zurückhaltend, funktional und vor allem mit einer durchgängigen Formensprache inszenieren. Hauptrolle spielt dabei ein speziell aufs Kunsthaus zugeschnittener Strahler von Zumtobel.

Das Lichtkonzept basiert auf einer diffusen Grund- sowie einer ausgeklügelten Akzentbeleuchtung.

Er heisst Arcos III und kommt in den neuen Ausstellungsräumen Einsatz, die im ersten und zweiten Geschoss liegen. Sie sind fast fünf Meter hoch, wohlproportioniert, aufgeräumt und wenn sie – im ersten Stock – ein Seitenfester haben, beinahe wohnlich. Dazu tragen auch einladenden Sitzbänke und die langen Eichenparkett-Riemen am Boden bei, die ihre Laufrichtung je nach Raum wechseln. Die Wände sind weiss, grau lackiertes Holz fasst die Durchgänge ein. Im zweiten Obergeschoss reduziert eine Tageslichtdecke die Ausstellungsräume auf fensterlose ‹White Cubes›.

Weil im Chipperfield-Bau vor allem Kunstwerke ab den 1960er-Jahren ausgestellt werden, wollte das Museum auch zeitgenössischer beleuchten. Das heisst vor allem heller. Denn früher kam ein Museum gut mit einer maximalen Beleuchtungsstärke von 300 bis 400 Lux aus, heute werden für unempfindliche Werke 600 Lux und mehr verlangt, erklärt der fürs Lichtkonzept verantwortliche Lichtgestalter Hanspeter Keller von matí Lichtgestaltung. Matí war Teil des Teams um David Chipperfield Architects, das 2008 den Architekturwettbewerb gewann.

Im obersten Geschoss sind die stabförmigen Sonderleuchten auf der Basis des Lichtbandsystems Tecton hinter der Glasdecke installiert, sodass ein diffuser Lichtraum entsteht. Die Tageslicht-Decke lässt sich mit Lamellen vollständig verschliessen.

Keller und sein Team hat für die Kunsthaus-Erweiterung ein Lichtkonzept entwickelt, das mit wenigen, klar definierten Leuchtentypen arbeitet. Es basiert auf einer diffusen Grund- sowie einer ausgeklügelten Akzentbeleuchtung. Das galerieartige Grundlicht kommt von stabförmigen Sonderleuchten, Akzente setzen speziell entwickelte Strahler, die mehr oder weniger frei gesetzt werden können. Das ganze System reagiert zudem aufs Tageslicht, das in der ersten Etage hauptsächlich über die Seitenlichter in die Räume fällt, in der zweiten durch Oberlichter.

«Ein Museum wünscht sich in der Regel eine gleichbleibend hochwertige und stabile Beleuchtung, der Architekt hingegen will Lichtwechsel in seinem Haus», erklärt David Chipperfield die unterschiedlichen Licht-Bedürfnisse von Bauherrschaft und Architekt in einem Video-Interview. Für diesen scheinbaren Widerspruch hat matí Lichtgestaltung Werkzeuge geschaffen, die es ermöglichen, Kunst auf unterschiedlichste Weise zu präsentieren und trotzdem alle technischen Vorgaben erfüllen: Veränderbare Farbtemperatur, hoher Farbwiedergabeindex, weicher Lichtverlauf um die Kunstwerke herum und ein gleichmässiges Lichtfeld.

Die Strahler Arcos III können in an der Decke eingelassene Stromschienen geklickt werden.

Die hohen Anforderungen erfüllt der Strahler Arcos III, den Zumtobel und matí fürs Kunsthaus den weiterentwickelt haben. Sein Design basiert auf der 2008 von Chipperfield für Zumtobel entworfenen Arcos-Linie. Hinter der Verschalung ist allerdings alles neu. Die Weiterentwicklung kann für prägnante Details oder grosse Exponate mit einer Zoom-Optik angepasst werden. Für schöne Kontraste kann zusätzlich der Randabfall des Lichtfeldes justiert werden. Dabei liefert Arcos III aus jedem Abstrahlwinkel präzises und gleichmässiges Licht aus bis zu sechs Metern Deckenhöhe. Seine Lichtfarbe lässt via Bluetooth über eine App stufenlos von Warmweiss auf Tageslichtweiss (2500 bis 5000 Kelvin) verändern. Das Resultat ist volle Flexibilität: Mit dem Strahler kann sowohl eine Fotografie von Jeff Wall als auch eine Malerei von Rembrant adäquat ausgeleuchtet werden.

Die Strahler können in an der Decke eingelassene Stromschienen geklickt werden. Sie sind die einzig sichtbaren und fixen Elemente an der Decke. «An denen haben wir lange geplant», erinnert sich Keller, «man sieht ihnen nicht an, dass sie auch Notbeleuchtung, Brandmelder, Schwerlastpunkte für bis zu einer Tonne Gewicht integrieren». Links und rechts der Stromschienen liegen in der Fuge zudem noch Lüftungs- und Abzugskanäle. Zusammen mit den Lüftungskanälen in den Hohlböden leiten sie stündlich bis zu 110000 Kubikmeter Luft durch das Haus und halten so das Klima für die empfindlichen Kunstwerke stabil.

Stabförmigen Sonderleuchten auf der Basis des Lichtbandsystems Tecton sind an der Decke der Ausstellungsräume im ersten Geschoss verteilt.

Die Lösung für die Grundausleuchtung ist ebenfalls mobil. Ihr Licht stammt von stabförmigen Sonderleuchten auf der Basis des Lichtbandsystems Tecton. Sie sind derzeit in einem klaren Raster verteilt. Die einzelne Leuchte ist 1.50 Meter lang und strahlt dank seitlicher Blenden nur nach unten – die Decke bleibt mehr oder weniger dunkel. Im obersten Geschoss sind sie hinter der Glasdecke installiert, sodass ein diffuser Lichtraum entsteht der sich je nach Bedarf öffnen, aber auch teilweise oder sogar vollständig mit Lamellen verschliessen lässt. Dieser Bereich wurde vom Institut für Tageslichttechnik aus Stuttgart geplant.

Die umgesetzte Lichtlösung im Erweiterungsbau des Kunsthauses ist allerdings weit entfernt vom Wettbewerbsprojekt. Geplant waren eine Kombination von Wallwashern mit Spots. «Unser ursprüngliches Projekt wurde durch die rasante Karriere der LED-Technologie hinfällig. Wir mussten komplett neu planen, nachdem sich das Kunsthaus entschieden hat, vollständig auf LED zu wechseln.», blickt Hanspeter Keller zurück. Das war viel Arbeit, aber der Aufwand hat sich gelohnt. Entstanden ist eine stimmige Lichtlösung, die eine Malerei eines französischen Impressionisten ebensogut in Szene setzt wie eine grossformatige Fotografie. So wandelt man im neuen Kunsthaus nicht nur durch Epochen der Kunstgeschichte, sondern auch durch Lichtstimmungen von warmweiss bis ins kühle Tageslicht.

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