Unter der Decke schweben Akustikelemente wie eine Flotte kleiner Raumschiffe: Betriebsrestaurant in Verl. Fotos: Guido Erbring
In Zusammenarbeit mit OWA

Kubische Akustik

Raumakustik ist ein verdrängtes Thema. Doch im Betriebsrestaurant der Firma Beckhoff Automation wurde aus akustischen Massnahmen ein schwebendes Relief, das eine sieben Meter hohe Halle bespielt.

Geschirrklappern, Getrappel und Stimmengewirr: Lärm bringt Hektik in Restaurants. Das kann ein feines Essen vermiesen. Raumakustik ist ein leidiges Thema und Architektinnen und Architekten neigen dazu, es zu verdrängen. Denn eine gute Akustik beeinflusst die Architektur, sie «funkt» ins Räumliche hinein. Es kann unangenehm werden, wenn man den Raum nicht von Beginn weg auch akustisch entwirft – oder wenn er bereits besteht und die Möglichkeiten für akustische Massnahmen beschränkt sind.

In Verl südlich von Bielefeld standen die Architekturbüros Heitmann und Kitzig Interior Design vor der Aufgabe, eine bestehende, sieben Meter hohe Halle in ein Betriebsrestaurant umzubauen. Der Raumakustiker gab die umfangreichen Flächen vor: 140 akustisch wirksame Quadratmeter waren nötig, damit Schall und Hall in der riesigen Halle auch bei «High-Noon» erträglich sein würden – immerhin essen und plaudern dann bis zu 190 Mitarbeitende im grössten der vier Betriebsrestaurants der Firma Beckhoff Automation.

Reliefkombination mit Corpus-Elementen – 1

Reliefkombination mit Corpus-Elementen – 2

Bei ihrer Recherche stiessen die Architektinnen und Innenarchitekten auf das Akustikelement Corpus: Schneeweiss, in verschiedenen Quadergrössen erhältlich und zu einem Relief kombinierbar. Entwickelt hat Corpus der Hamburger Architekt Hadi Teherani zusammen mit dem Faserplattenwerk OWA, das seit 1949 in Amorbach in Unterfranken Deckensysteme entwickelt und produziert. Corpus besteht aus zehn verschieden grossen Elementen mit rechteckigen oder quadratischen Grundflächen und unterschiedlichen Höhen, die beliebig zu grösseren Bereichen zusammengestellt werden können. Die Oberflächen sind mit einem feinen, weissen Vlies kaschiert. Das System hat bereits neun Designpreise erhalten, unter anderem einen Iconic Award for Innovative Architecture, einen Red Dot Award sowie einen German Design Award.

Grundbeleuchtung, Sprinkleranlage und Teile der Lüftung konnten in das Corpus-System integriert werden.

Für das Betriebsrestaurant von Beckhoff in Verl entwarfen Architektur- und Innenarchitekturbüro passend zur Hallengrösse ein flächiges, stark durchbrochenes Relief. Die einzelnen Elemente scheinen wie kleine Raumschiffe unter der Decke dahinzufliegen. Diese Schwebewirkung unterstützt, dass alle darüber liegenden Bauteile und die Rohdecke schwarz gestrichen wurden und damit optisch verschwinden. Bemerkenswert ist, dass in die Akustik-Quader weitere technische Funktionen integriert werden konnten wie die Sprinkleranlage und Teile der Lüftung. Zudem zählen zum System Corpus auch standardmässig formgleiche LED-Leuchten, die in ausgeschaltetem Zustand nicht von den Akustikelementen unterscheidbar, sondern gleicher Teil des Deckensystems sind. Die LED-Kuben sorgen für eine zurückhaltende Grundbeleuchtung. Als Lichtakzente wurden in Verl in die Zwischenräume des Reliefs auffällige tropfenförmige Leuchten gehängt.

Grund- und Akzentbeleuchtung, Akustik und weitere technische Funktionen ergeben eine lebhafte Deckengestaltung. Deren schwebende Wirkung wird dadurch unterstützt, dass alle darüberliegenden Elemente sowie die Rohdecke geschwärzt wurden.

Die Corpus-Elemente sind an je mindestens vier Seilen aufgehängt, ausserdem mussten die Elementgrösse und das Relief mit den Anforderungen der Sprinkler- und der Lüftungsanlage übereinstimmen. Die gesamte Decke zu planen und auszuführen war deshalb ein kleines Kunststück. Doch gelohnt hat es sich. Alles in allem wirken Beleuchtung, Akustik und weitere technische Funktionen zu einer lebhaften Deckengestaltung zusammen. Die sonst allgegenwärtigen Lochpaneeldecken können einen Raum proportional und stimmungsmässig ganz schön plattmachen. Im Gegensatz dazu laden die Corpus-Elemente ein, mit ihnen zu gestalten. Man kann eine kubische Gesamtwirkung formen, die dem Raum entspricht. Das birgt die Möglichkeit, sie zum Teil der Architektur werden zu lassen. So können akustische Massnahmen auch einen bereits bestehenden Raum bespielen und bereichern.

Um genügend akustische Flächen zu realisieren, können Corpus-Module auch an den Wänden montiert werden.

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