Im Vorbereitungsbereich in der Sterilzone dominieren Blautöne. Fotos: Michael Erik Haug
In Zusammenarbeit mit Meier-Zosso Planungs AG

Hightechklinik im Büroturm

Auf dem Weg vom Bürohochhaus aus den Siebzigern zur ambulanten Tagesklinik überwanden Meier-Zosso technische, organisatorische und gestalterische Hürden.

Grössere Brüste und kleinere Pos, Fettabsaugen und Schlupflider. Ambulante Schönheitsoperationen sind immer häufiger. Doch auch im Gesundheitsbereich können Operierte zunehmend am gleichen Abend daheim übernachten. Dass die Entwicklung zum ‹day hospital› aus dem Land des unbegrenzten Fast Food nun auch in Europa Fuss fasst, ist ein strukturell begründeter Trend: Technologische Fortschritte erlauben immer häufiger minimalinvasive Eingriffe, und die Politik will die Gesundheitskosten senken und darum möglichst wenige stationäre Behandlungen.

Vor diesem Hintergrund hat letzten Sommer in Zürich die ‹Euro-Polyclinic Switzerland› geöffnet. Sie ist keine gewöhnliche Privatklinik, sondern ein Infrastrukturangebot im Belegarztsystem. Will heissen: Auf halbe Stunden genau können Gynäkologen, Urologen, Orthopäden und andere Privatmediziner die Operationssäle mieten. Hand- oder Augenchirurgen mieten sich oft für einen ganzen Tag ein und führen über ein Dutzend Operationen durch. Das ist massgeschneiderte und hochpräzise Fliessbandarbeit.

Technische Knacknuss

«Die Schächte waren voll», erklärt Praxisplaner Giacinto Pettorino von Meier-Zosso die technische Knacknuss des Projekts. Die neue Polyklinik liegt im Erd- und Obergeschoss eines älteren Bürohochhauses gleich beim Shoppingcenter Sihlcity. Dieses bot Parkplätze, eine Tramhaltestelle vor der Tür und einen Autobahnzubringer nebenan. Die ideale Lage also, die den Aufwand rechtfertigte, den simplen Stützen-Platten-Bau zur Klinik hochzurüsten.

Die Operationssäle sind das technische Herz der Klinik.

Im Spitalbereich im Obergeschoss ist eine Lüftungsanlage eingebaut, mit der man 73 Vierzimmerwohnungen komfortlüften könnte. Die drei verschieden grossen Operationssäle sind separat versorgt, wobei die unmittelbaren Operationsbereiche dank «Laminarflow» oder «Drall-System» keimfrei bleiben. Hier bläst ein Luftstrom, der von oben durch ein Vlies dringt, die restliche Raumluft fort. Dort verwirbeln vier Luftauslässe die gesamte Luft. Was besser ist, ist eine Glaubensfrage unter Chirurgen.

Im Vorbereitungsbereich in der Sterilzone dominieren Blautöne.

Doch Kliniktechnik ist mehr als Lüftung: Bleichschichten in den Wänden erlauben in zwei der Operationssälen mobile Röntgenaufnahmen. Bis zu 500 Kilogramm schwere Pendel hängen von den Decken, mit zahllosen Instrumenten, Ablageflächen und Monitoren. Eine Osmoseanlage stellt destilliertes, demineralisiertes und enthärtetes Wasser bereit. Eine Druckluftanlage lässt die Bohrmaschinen der Gesundheitshandwerker stärker rotieren als jeden Akkubohrer. Sauerstoffleitungen führen dorthin, wo Patienten Beatmung brauchen. Eine potente Batterie speichert Notstrom. Ein «Neptun-Sauger» sammelt Sekrete. Und weil die Schächte voll waren, verteilt eine abhängte Decke die vielen Leitungen, darunter 3,8 Kilometer Steuer-, 7,9 Kilometer Netzwerk- und 13,2 Kilometer Starkstromleitungen.

Organisatorische Herausforderung

Eine Klinik ist in erster Linie kein szenografisches Erlebnis, sondern eine Organisationsmaschine. Die Abläufe erforderten drei Zonen, die sich nun in die drei Gebäudeflügel im Obergeschoss fügen: Die Verwaltungszone ist am grössten. Sie umfasst den Erschliessungskern und Personalkabinen, Dusche und WCs, einige Haustechnik- und Nebenräume sowie Sprechzimmer. «Hier sind Strassenkleider erlaubt», erklärt Praxisplaner Pettorino. In der Sterilzone werden die Patienten umgebettet, narkotisiert und operiert. In einem mehrstufigen Prozess werden die Geräte und das Operationsbesteck gereinigt und in fixfertigen Sets gelagert. Hier herrscht absolute Sauberkeit. Die Mischzone ist der Ort, wo sich die Patienten umkleiden und nach der Operation aufwachen.

Die verschiedenen hygienischen Anforderungen mit drei Wegsystemen – für Patienten, steriles und nicht steriles Personal – in Einklang zu bringen und die Übergänge dazwischen, das war die organisatorische Herausforderung. Denn die Zonen und Wege sind keineswegs deckungsgleich.

Aussen lässt das Logo der Polyklinik bloss erahnen, wieviel hinter der Fassade geschah.

Das Obergeschoss organisiert verschiedene Hygienezonen (rot = Verwaltungszone, blau = Sterilzone, gelb = Mischzone) und Wege (schwarz = Patienten, rot = Personal nicht steril, grün = Personal steril).

Gestalterischer Spagat

«Im Erdgeschoss sollte man sich wie in der Lobby eines Hotels oder eine Anwaltskanzlei fühlen, im Obergeschoss dagegen sollte eine absolut professionelle, aufgeräumte Stimmung herrschen», beschreibt Praxisplaner Pettorino den gestalterischen Spagat. Im Eingangsbereich hängen warme Spots an den Decken, grossformatige Feinsteinzeugplatten bedecken die Böden. Dank mobilen Holz-Glas-Trennwänden lassen sich die getrennten Wartebereiche für Patienten vor und nach der Operation auch für Infoveranstaltungen öffnen. Tapetenbekleidete Wände mit wechselnder Kunst führen die Patienten zu den Aufzügen.

Das Erdgeschoss ist vergleichsweise einfach organisiert.

Im Aufwachraum in der Mischzone ist die Stimmung kühler und spitalartiger.

Ein Geschoss weiter oben begegnen sie in der Verwaltungszone zunächst denselben Gestaltungselementen. Ab den Umkleidekabinen in der Mischzone ändert sich das Ambiente. Die Spots sind nun hellweiss. Ab Boden liegt ein hellbrauner PVC-Boden mit Fussleisten. Er ist fugenlos, damit die Fahrt auf dem Patientenbett nicht holpert. In der Sterilzone ist die Lichtfarbe nochmals heller und die Bodenfarbe wechselt zu einem kühleren Blau. Feine Graphitadern leiten unerwünschten Strom direkt durch den PVC-Boden ab.

Wie viele der Möbel, überzieht auch die Operationssäle ein Kunstharz im Lapislazuliton des Klinik-Logos. Sind kunststoffbeschichtete Sperrholzmöbel angesichts sündhaft teurer Technik nicht absurd? «Es geht doch nicht ums Sparen», grinst Praxisplaner Pettorino, «sondern um robuste, chemisch widerstandsfähige und gut zu reinigenden Oberflächen.»

Der Eingangs- und Wartebereich im Erdgeschoss sollte sich wie eine Lobby anfühlen.

Diese Stimmung setzt sich zunächst im Obergeschoss fort.

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