Der Sessel Seley füllt eine Lücke im Programm von Horgenglarus. Fotos: Horgenglarus
Im Auftrag von Horgenglarus

Der Werdegang einer Sitzmöbelfamilie

Der Designer Frédéric Dedelley entwarf für den Möbelhersteller Horgenglarus den Sessel Seley. Dabei befruchteten sich das Schaffen des erfahrenen Designers und das Fachwissen des Herstellers gegenseitig.

Gute Entwürfe brauchen Zeit, um zu reifen. Die Seley-Familie hatte diese Zeit. Immer wieder mal trafen sich der Designer Frédéric Dedelley und Horgenglarus-Geschäftsleiter Marco Wenger an Anlässen. Sie sprachen miteinander über eine Lücke, die Dedelley in der Kollektion des Möbelherstellers ausgemacht hatte: ein Sessel, der in einer Lobby, einer Bar oder einer Lounge eingesetzt werden kann. Der Stuhl Lounge von Hannes Wettstein und der Semper-Stuhl von Max Ernst Haefeli und Ernst Kadler-Voegeli wiesen zwar in diese Richtung, waren für Dedelley aber noch zu sehr Stuhl denn Sessel. Über drei Jahre zogen sich diese punktuellen Plaudereien hin, bis Marco Wenger meinte: «So, nun haben wir genug geschwatzt. Jetzt müssen Sie einen Entwurf machen!» Das war für den Designer zwar noch kein Auftrag, aber doch ein Signal für das Interesse seitens Horgenglarus – und der Anfang einer gemeinsamen Reise.


Zunächst dachte Frédéric Dedelley daran, den Semper-Stuhl neu zu interpretieren, dem Stuhl-Sessel-Hybriden eine zeitgemässe Form zu geben. Doch bald merkte er, dass das nicht die Lösung sein kann und verwarf diese Idee. Die klassischen konstruktiven Merkmale eines Horgenglarus-Stuhls waren selbstverständlich die Basis für den neuen Entwurf – schliesslich ist die Verformung von Kantholz seit hundert Jahren die Spezialität des Herstellers aus Glarus. So reihen sich auch die kreisförmige Sitzfläche und die geschwungenen Beine von Seley in diese Tradition ein. «Die grösste kreative Leistung war die Rückenlehne», sagt Dedelley. «Sie prägt den Charakter des ganzen Stuhls». Das heisst nicht, dass Sitzfläche und Lehne im Entwurf nur eine Nebenrolle gespielt haben. Vielmehr musste der Designer auch hier an den Formen, Proportionen und Dimensionen feilen, bis alles passte.

 

Vertrauensvolle Zusammenarbeit
Marco Wenger gefiel die Rückenlehne aus Formsperrholz auf Anhieb – nicht nur formal, sondern auch wegen der effizienten und damit kosteneffizienten Herstellung. Bereits das erste Modell ging sofort in die Kalkulation, und so versprach der neue Sessel schon zu einem frühen Zeitpunkt ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Das wäre mit einer Massivholzkonstruktion nicht möglich gewesen. Diese Effizienz stand für Frédéric Dedelley bei der Wahl der Konstruktion nicht im Vordergrund, ihn interessierten die Form und die Leichtigkeit in der Erscheinung. Aber er weiss, wie wichtig heute der Preis eines Möbelstücks ist und wurde durch die Zahlen in seiner Arbeit bestärkt.

Ein langer Weg zum Ziel: Bilder des Designprozesses von Seley. Fotos: Frédéric Dedelley

In zahlreichen Gesprächen entwickelten Wenger mit seinem Team und Dedelley den Sessel weiter. Immer wieder diskutierten sie dabei auch die Frage «Was macht optisch einen Horgenglarus-Stuhl aus?». Nicht immer waren sich der Geschäftsleiter und der Designer einig, doch auch in den intensivsten Auseinandersetzungen fand man am Schluss eine gemeinsame Entscheidung. «Ich hatte nie eine Carte blanche. Aber Horgenglarus hat auch nie diktatorisch entschieden», blickt Dedelley auf den Entwurfsprozess zurück.
Eine enge Zusammenarbeit mit einem Hersteller ist zwar für einen Designer durchaus üblich. Aussergewöhnlich war hier jedoch die Intensität der Auseinandersetzung. Frédéric Dedelley würde sich wünschen, dass das öfter so wäre. Häufig nehmen sich die Hersteller nicht die Zeit, um einen Entwurf reifen zu lassen, oft fehlt die Zeit für den letzten Schliff. Bei Horgenglarus gab es diesen Druck nicht; Dedelley und Wenger arbeiteten so lange, bis beide mit allem hundert Prozent zufrieden waren. So beginnt die Nachhaltigkeit eben nicht erst mit der Herstellung, sondern schon in der Entwicklung: Wird diese mit der nötigen Sorgfalt gemacht, entsteht ein Produkt, das sehr lange im Sortiment bleibt und ein Klassiker werden kann.

Seley ist in verschiedenen Ausführungen erhältlich.

Auf dem Weg von der Idee zum fertigen Möbelstück spielen Prototypen eine wichtige Rolle. In der Regel wird der erste Prototyp in der Folge stets neuen Erkenntnissen angepasst und verändert so seine Form im Gleichschritt mit dem Entwurf. Horgenglarus fertigt hingegen immer wieder neue Prototypen, sodass sich die verschiedenen Entwicklungsschritte im direkten Vergleich nebeneinanderstellen lassen. Damit dies möglich ist, braucht es langjährige erfahrene Mitarbeiter. «Sie machen die Qualität aus», betont Frédéric Dedelley und windet ihnen ein Kränzchen. Ihnen konnte der Designer voll vertrauen und sich darum auf die aus dem Prototypen gewonnenen Erkenntnisse verlassen.

 

Ein neues Familienmitglied
Bei seinem Entwurf hat Dedelley von Anfang an auch die Sitzbank mitgedacht. Bald kamen auch der Hocker und die lehnenlose Bank dazu. So wurde aus dem Sessel Seley eine ganze Familie, mit der sich Räume in vielfältiger Art möblieren lassen. Den Familienmitgliedern gemeinsam ist die gepolsterte Sitzfläche – nicht in Schaumstoff auf Holz, sondern mit richtigem Federkern. Schliesslich sitzt man hier auf einem Sessel, und das soll entsprechend komfortabel sein; die Lehne hingegen kann gepolstert sein oder auch nicht.

Der Sessel, die Bank, ein Hocker – und neuerdings ein Stuhl – bilden die Seley-Familie.

Der Stuhl Seley, der jetzt als jüngstes Familienmitglied im Markt lanciert wird, gründet auf einem Wunsch der Vertriebsmitarbeiter. Dies auch deshalb, weil Stühle für den Gesamtumsatz letztlich entscheidender sind. Auf den ersten Blick sind zwischen Stuhl und Sessel Seley kaum Unterschiede zu sehen – am ehesten noch die um vier Zentimeter höher gesetzte Sitzfläche. Aber auch die Neigung der Lehne und das Verhältnis zur Sitzfläche sind leicht anders. Diese Feinheiten sind kaum erkennbar, für die Nutzerinnen und Nutzer jedoch umso mehr spürbar. Auf einem Stuhl sitzt man eben anders als in einem Sessel!

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