Zirkularität ist eine Frage der Perspektive

Auch höchste Recyclingraten machen das Bauen nicht automatisch zirkulär. Doch sie lassen uns die Materialien in unseren Gebäuden anders sehen.

In Zusammenarbeit mit Zirkulit

Auch höchste Recyclingraten machen das Bauen nicht automatisch zirkulär. Doch sie lassen uns die Materialien in unseren Gebäuden anders sehen.

Wenn wir von zirkulärem Bauen sprechen, scheinen alle ein klares Bild vor Augen zu haben: einen Kreis. Die Materialien zirkulieren, die Ströme sind geschlossen, der Abfall verschwindet. Auf Gebäude bezogen würde das heissen, dass Materialien endlos und verlustfrei von einem Bauwerk ins nächste übertragen werden. Simpel – zumindest dem Anschein nach. Doch hinter dieser scheinbaren Klarheit verbirgt sich eine grundsätzliche Ambiguität. Je nachdem, wo man im System des Bauwesens steht, können ein und dieselben Materialströme äusserst linear oder zirkulär aussehen. Und das ist keine Frage der Interpretation oder Theorie. Wir haben es hier nicht mit Quantenphysik zu tun, wo Dinge – je nachdem, wie wir sie beobachten – existieren oder nicht existieren. Hier geht es um Kies, Stahl und Glas – Millionen Tonnen schwerer, greifbarer Materialien, die wir bewegen.

Missverständnisse zum Materialkreislauf

Betrachten wir zuerst das Gesamtbild. Jedes Jahr verbraucht der Schweizer Bausektor rund 32 Millionen Tonnen Material. Davon sind etwa 27 Millionen Tonnen Rohstoffe aus direktem Abbau. Anders gesagt: 85 Prozent der Materialien, die beim Bauen verwendet werden, stammen direkt aus natürlichen Ressourcen. Aus dieser Perspektive ist der Vorgang in überwältigendem Masse linear: fördern, verbauen, abreissen, immer und immer wieder.

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Doch wenn wir den Blick auf die Bau- und Abbruchabfälle verschieben, ändert sich die Geschichte. Von ungefähr 7,5 Millionen Tonnen jährlich anfallendem Bauschutt werden in der Schweiz bereits rund 5 Millionen Tonnen recycelt. Dies entspricht einer Recyclingquote von etwa 65 Prozent. Und plötzlich steht die Bauwirtschaft weit weniger linear da als oft dargestellt.

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Denn hier kommt das Paradox: Auch wenn wir sämtliche Bau- und Abrissabfälle wiederverwenden würden, würde der Recyclingprozess am Ende trotzdem nur ein Viertel des Materials bereitstellen, das für Neubauten erforderlich ist. Die übrigen drei Viertel müssten immer noch aus der Natur beschafft werden. Der Materialkreislauf wäre auf der Output-Seite geschlossen, aber auf der Input-Seite immer noch weit offen. Hier entstehen die Missverständnisse über die Zirkularität.

Recycling als Kunstform

Aus der Perspektive von Architekt*innen und Entwickler*innen ist ein zirkuläres Gebäude oft eines, das fast zur Gänze aus Sekundärstoffen besteht. Einige wenige Projekte beweisen, dass dies technisch möglich ist. Das Baubüro In Situ beispielsweise hat diese Logik mit seinem Projekt K118 sehr weit ausgelotet. Doch solche Projekte bleiben unter den 6000 Gebäuden, die in der Schweiz jedes Jahr gebaut werden, die Ausnahme. Eben: Selbst wenn die Planung immer auf den maximalen Einsatz von Sekundärstoffen ausgerichtet wäre, würden wir schlicht nicht genügend Abfälle erzeugen, um alle Gebäude damit zu realisieren. Aus der Perspektive der Abriss- und Recyclingbetriebe wird Zirkularität anders definiert. Da lautet das Ziel: Null Deponie und maximale Wiederverwertung der Bau- und Abbruchabfälle. Firmen wie Eberhard Unternehmungen haben das Recycling zu einer Kunstform erhoben. In einem hochtechnologischen, digitalen Verfahren durchlaufen Millionen Tonnen Material eine Choreografie von Maschinen, Sensoren, Robotern und Algorithmen. Aufbereitungsanlagen wie das seit 2021 von Eberhard betriebene EbiMIK nutzen Robotik und Machine Learning zum Sortieren sehr spezifischer Fraktionen und streben eine Recyclingquote von über 95 Prozent an. Beide Perspektiven sind berechtigt, und beide sind unvollständig.

Der wahre Wert der Recyclingrate

Auch perfektes Recycling macht nicht wett, dass Rohstoffe abgebaut werden müssen. Nur eine drastische Reduzierung des Materialbedarfs um 60 bis 70 Prozent bei sehr hohen Recyclingquoten kann die Schleife wirklich so schliessen, dass sie aus jeder Richtung wie ein Kreis aussieht. Recycling schliesst den Output-Kreis, doch ohne Reduzierung der Nachfrage bleibt der Input-Kreis weitgehend unberührt. Die Motivation verschiebt sich dadurch entscheidend. Wir sollten höchstmögliche Recyclingraten anstreben, aber nicht wegen der illusorischen Vorstellung, dass diese das Bauen automatisch zirkulär machen. Ihr wahrer Wert liegt anderswo. Recyclingraten von über 95 Prozent zwingen uns, uns der Vielfalt und Komplexität der Materialien in den Gebäuden zu stellen. Es erfordert fortgeschrittene Sortiermethoden, um Mineralien, Metalle, Kunststoffe, Holz, Fremdstoffe und schädliche Substanzen in hochwertige, hochspezifische Abfallströme zu trennen. Problemkomponenten wie Kunststoffe und in Zukunft auch PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien, können kompakt zusammengeführt und ordnungsgemäss entsorgt werden, damit sie nicht in neue Baumaterialien rückverdünnt werden. Hochspezialisiertes Sortieren ermöglicht auch industrielle Feedback-Schleifen, in denen Betriebe die bei ihnen anfallenden Materialien rückgewinnen und in die Produktionsprozesse reintegrieren können. Eine solche gezielte Wiederverwendung ist nur möglich, wenn die Abfälle sauber und homogen sind und so eindeutig zugeordnet werden können.

Beim Material ansetzen

In diesem Sinne geht es beim Recycling nicht nur darum, Kreisläufe zu schliessen, sondern auch darum, die Materialqualität zu verbessern. Was zählt, ist, Verantwortung für das zu übernehmen, was wir abbauen, nutzen und entsorgen. Die Sekundärstoffe so gründlich zu sortieren, zu behandeln und zu reinigen, dass sie die Qualität von Primärstoffen erreichen und bedenkenlos entweder in die Industrie – oder letztlich in die Natur – zurückgeführt werden können. Zirkularität ist demzufolge kein perfekter Kreis. Zirkularität ist eine anspruchsvolle Disziplin der Materialverarbeitung.

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