«Wir können die Zukunft nicht schönrechnen»

Miriam Esders ist Nachhaltigkeitsexpertin bei Zirkulit und erklärt, wie Ökobilanzen funktionieren und warum diese gerade bei rezyklierten Baustoffen wichtig sind.

Fotos: Annick Ramp
In Zusammenarbeit mit Zirkulit

Miriam Esders ist Nachhaltigkeitsexpertin bei Zirkulit und erklärt, wie Ökobilanzen funktionieren und warum diese gerade bei rezyklierten Baustoffen wichtig sind.

Wie berechnet Zirkulit als Herstellerin von zirkulären Baustoffen ihre Ökobilanz?

Miriam Esders: Zuerst dokumentieren wir Zusammensetzung, Herkunft und Transportwege des Materials. Dann betrachten wir die Herstellungsprozesse. Für unseren Beton wird Recyclinggranulat gebrochen, gesiebt und gewaschen. Das braucht Energie, deren Herkunft wir kennen müssen. Wo konkrete Daten fehlen, nutzen wir geprüfte Durchschnittswerte aus Ökobilanzdatenbanken. Zum Schluss prüft ein externes Umweltbüro alle Daten und berechnet die Gesamtbilanz. Diese beinhaltet alles von der Rohstoffgewinnung bis zum Ende des Lebenszyklus.

Was ist nicht Bestandteil der Materialbilanz?

Anders als in einer Gebäudebilanz ist die Nutzungsphase in einer Materialbilanz nicht berücksichtigt. Ausserdem werden Prozesse ausgeklammert, die weniger als ein Prozent der Emissionen ausmachen, etwa die administrative Arbeit im Büro. Die Systemgrenze beschäftigt uns insbesondere in Bezug auf das rezyklierte Material. Der Abbruch und Transport zur Aufbereitungsanlage gehört in die Gebäudebilanz des Abbruchobjekts. Erst am Werktor wird das Material Teil unseres Produkts und unserer Materialbilanz. Wichtig ist diese Frage auch bei Abfallprodukten wie Flugasche, die Teile des Zements ersetzt und als Nebenprodukt im Kohlekraftwerk anfällt. Für die Materialbilanz müssen wir nachweisen, dass die Stromproduktion das Hauptziel des Prozesses ist – zum Beispiel indem wir aufzeigen, dass der Verkauf des Stroms lukrativer ist. Bei fast allen Prozessen entstehen Treibhausgasemissionen. Letztlich geht es immer um die Frage, in wessen Ökobilanz diese auftauchen.

Und wie kommt die erstellte Materialbilanz in die Ökobilanzdatenbank?

Die Liste ‹Ökobilanzdaten im Baubereich›, die von der Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren (KBOB), dem Verein Ecobau und der Interessensgemeinschaft privater Bauherren (IPB) gemeinsam verantwortet wird, ist massgebend. Entsprechend sind die Daten breit abgestützt und gut geprüft. Als Herstellerin eines neuen Baustoffs übergeben wir die Berechnung des Umweltbüros zunächst an eine externe Prüfstelle. Danach entscheidet die Prüfstelle der KBOB über den Eintrag. Beim Dämmstoff ‹Ecorit› untersuchen wir derzeit, ob die Herstellung dem Modell entspricht. Im Gegensatz zum EU-Ausland muss keine unabhängige Stelle unsere Produktion prüfen. Wir lassen die Konformität jedoch freiwillig prüfen.

Mit den KBOB-Daten lässt sich die Gebäudebilanz berechnen. Was ist dabei wichtig?

Man muss die Mengen der verbauten Baustoffe kennen, ausserdem die Bauprozesse, die Gebäudetechnik und das Heizsystem – und das idealerweise früh im Prozess. Dann hilft die Ökobilanz dabei, die Stellschrauben für ein ökologischeres Haus zu finden. Etwa beim Beton: Wählt man einen Beton mit geringerem CO₂-Ausstoss pro Kubikmeter, gilt es zu prüfen, ob er gleich viel leistet wie der Standardbeton. Ist am Ende eine dickere Betondecke nötig, sind die Emissionen möglicherweise trotz der guten Intentionen höher. Nicht zuletzt dient die Gebäudebilanz als Nachweis, ob die Zielwerte des SIA-Klimapfades 390/1 oder der verschiedenen Labels erreicht sind. Die Berechnungsgrundlage ist immer dieselbe. Das schafft Vergleichbarkeit.

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Wo und warum unterscheiden sich die Ökobilanzen der Zirkulit-Baustoffe von marktüblichen Produkten?

Die Liste ‹Ökobilanzdaten im Baubereich› benennt genaue Werte für Primärenergie, Treibhausgase und Umweltbelastungspunkte (UBP). ‹Zirkulit› und ‹Zireco› werden zwingend mit dem von der relevanten Materialnorm geforderten Mindestzementgehalt hergestellt. Daher schneiden sie hinsichtlich Energie und Emissionen deutlich besser ab als der Durchschnitt. Die CO₂-Begasung des Betongranulats fällt zudem leicht ins Gewicht. Allerdings ist der Prozess so optimiert, dass er weniger Emissionen verursacht, als gespeichert werden. Diese Negativemissionen sind in der KBOB-Liste aufgeführt, dürfen aber nicht in die Gebäudebilanz gerechnet werden. Bei den Umweltbelastungspunkten dagegen zeigt sich ein klarer Vorteil: Sie beurteilen eine breite Palette von 21 Themen, darunter Wasserressourcen, Landnutzung, diverse Schadstoffe und Abfälle. Vor allem beim Punkt ‹Mineralische Ressourcen› schneidet der ‹Zirkulit›-Beton wegen des hohen Sekundärmaterialanteils sehr gut ab. Darüber hinaus optimieren wir die Prozesse, beispielsweise den Stromverbrauch oder die Materialzusammensetzung. Neu verwenden wir die jüngst am Markt lancierten, CO₂-ärmeren ‹ECO 1›-Zemente.

Wird der Restwert in der Ökobilanz berücksichtigt, wenn Rückbaumaterial eines Gebäudes verwendet wird, das vor dem Ende seiner Lebensdauer abgerissen wurde?

Nein, diese Restlebensdauer gehört auf die andere Seite der Systemgrenze, sprich zum abgebrochenen Gebäude. Die Annahme von 60 Jahren Lebensdauer für die Tragstruktur ist ein Mittelwert. Das funktioniert, schliesslich verwenden wir in der Praxis auch Material von 100-jährigen Gebäuden. Die gleiche Frage beschäftigt uns übrigens am Ende unserer Bilanz: Wir wissen nicht, was die nächsten Jahrzehnte mit dem ‹Zirkulit›-Beton passieren wird. Vermutlich wird es grosse Fortschritte in der Materialverwertung geben. Vielleicht werden sogar 100 Prozent rezykliert. Doch wir können uns die Zukunft nicht schönrechnen, wir brauchen Lösungen für heute. Deshalb nutzen wir die heutige Abfallstatistik des Bundesamtes für Umwelt (BAFU). Was in 60 Jahren passiert, wissen wir nicht. 

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