Eine «Störgruppe» hat ihr Wissen aus Büroalltag, Forschung sowie öffentlichen und privaten Bauherrschaften eingesetzt, um den Wettbewerb als solchen auf den Prüfstand zu stellen.
Alle, die den Wettbewerb verfechten, sind sich einig: Er ist der Garant für Baukultur. Fairer geht Vergabe nicht. Wer aus dem nahen Ausland auf die Schweiz blickt, glaubt, geradezu paradiesische Verhältnisse vorzufinden. In Deutschland sind Wettbewerbe längst anderen Verfahren gewichen; dort dominieren Referenzen die Auswahl. Wer den Wettbewerb in der Schweiz kritisiert, gilt schnell als Störenfried. Und doch: Viele Architekt*innen fühlen sich ausgelaugt, operieren am Limit. Und der Output ist ernüchternd. Die enorme Anstrengung steht in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen. «Ursprünglich selbst gewählt, nimmt der Wettbewerb langsam Züge höherer Gewalt an», schrieb eine anonyme Autorin schon vor mehr als 60 Jahren in der Architekturzeitschrift ‹Werk› (Ausgabe 8/1961).
Dieses Misstrauen gegenüber dem Status quo hat uns als «Störgruppe» zusammengebracht. Für das Wettbewerbslabor hiess unser Programm, über den Tellerrand zu blicken. In drei Workshops suchten wir nach Erkenntnissen für die Zukunft des Wettbewerbs – oder besser: für ein Danach, denn das erklärte Ziel der Gruppe bestand in der Überwindung des Wettbewerbs.
Von der Gruppentherapie zum Gedankenexperiment
Wir begannen das Wettbewerbslabor mit einer «Gruppentherapie». In der Vorbereitung des Labors hatten wir die These aufgestellt, dass die Probleme des Wettbewerbs auch mit dem Selbstverständnis der Architekt*innen zusammenhängen. Diese These ist nicht neu: «Den Architekten wird es nicht gelingen, das Wettbewerbswesen neu und rational zu konzipieren, solange sie nicht ein zeitgemässes Berufsverständnis erarbeitet haben», schrieb Lucius Burckhardt über mögliche Reformen in ‹Werk› 11/1971. Mit der Therapie beabsichtigten wir, das Persönliche mit dem Systemischen in Beziehung zu setzen: Was macht der Wettbewerb mit uns – und warum machen wir trotzdem weiter? Die Teilnehmer*innen teilten ihre Gewinnquoten: 1:7, 1:8. Oder: Quote 0. Immerhin lasse sich das Portfolio schmücken. Es gehe ohnehin nicht ums Gewinnen, Wettbewerbe brauche es aus gesellschaftspolitischen Gründen. Eine Teilnehmerin sprach von «volkswirtschaftlichem Schwachsinn», eine Ausloberin gab den Architekt*innen selbst die Schuld am hohen Aufwand. Kritisch waren nicht nur die Jungen. Ein Vielgewinner mit 320 Wettbewerbsteilnahmen und 45 Erfolgen sprach vom steigenden Druck: «Irgendwann geht der Schnauf aus.» Die erste Erkenntnis: Kritik am Wettbewerb ist berechtigt.
Im zweiten Workshop trugen wir den Wettbewerb zu Grabe. Die Teilnehmer*innen verfassten Todesanzeigen und Nachrufe: Woran ist der Wettbewerb gestorben, was hat er gebracht, was werden wir an ihm vermissen? Die Übung sollte verdeutlichen, welche Aspekte des Wettbewerbs hinterfragt werden müssen, bevor Neues entstehen kann, und sie sollte die üblichen Abwehrreflexe gegenüber Kritik kurzzeitig ausschalten. Das Abschiednehmen funktionierte, wie die Beispiele aus den Nachrufen zeigen siehe ‹Trauer um den Wettbewerb›. Viele Teilnehmer*innen schlugen nachdenkliche Töne an – die Nachrufe hallen bitter nach. Die zweite Erkenntnis: Der Wettbewerb erzeugt eine Ambivalenz, die den Blick auf Alternativen verstellt.
Trauer um den Wettbewerb
– «Implodiert an den Ansprüchen der anderen. Erschöpft von der ausufernden Komplexität. Stolz auf das Erbaute – der Wettbewerb.»
– «Was du uns gegeben hast, haben wir fast alles weggeworfen.»
– «Als man aufgehört hat, Häuser abzureissen, verlor der Wettbewerb seinen Sinn. Er war für Umbauten nicht mehr geeignet und wurde von anderen Verfahren abgelöst.»
– «Lieber Wettbewerb, dank dir habe ich mich mit neuen Ideen und Personen befasst. Leider warst du nicht kompatibel mit meiner Lebensplanung – eine Architektin mit Betreuungspflichten.»
– «Nie habe ich so intensiv gefühlt. Auf ewig dein – ein Architekt.»
– «Mangels Alternativen möchten wir dich nicht gehen lassen.»
(Zitate aus den am Wettbewerbslabor verfassten Todesanzeigen)
Im dritten Workshop wagten wir ein ökonomisches Gedankenexperiment, ausgehend von der Frage: Sind im Schweizer Wettbewerbssystem genug finanzielle Ressourcen vorhanden, um alle Beiträge entschädigen zu können? Das Gruppenmitglied Martin Peikert hat im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung entsprechende Daten gesammelt: In der Schweizer Wettbewerbslandschaft entfallen 95 Prozent der Preisgelder und Entschädigungen auf selektive und eingeladene Verfahren. Um diese Gelder konkurrieren rund 20 Prozent der eingereichten Projekte – während in offenen Verfahren rund 80 Prozent um die restlichen 5 Prozent wetteifern. Doktorand Martin Peikert hat alle Preisgelder respektive Entschädigungen aus offenen, selektiven oder eingeladenen Verfahren und Wettbewerben wie Studienaufträgen in einen Topf geworfen und durch die Zahl der eingereichten Projekte geteilt. Auf Basis des Datensatzes ergibt sich eine Summe von 7400 Franken pro Beitrag. Selbst wenn alle Preisgelder und Entschädigungen gleichmässig verteilt würden, deckt die Summe bei Weitem nicht die geleistete Arbeit. Unsere Baukultur entsteht daher wesentlich durch unbezahlte Mehrarbeit.
Wir hatten die Rechnung ohne die Teilnehmer*innen gemacht. Die vehementen Abwehrreflexe, die wir mit den Nachrufen abzulegen geglaubt hatten, trafen uns frontal: «Bei Wettbewerben braucht es halt Muskeln; entweder man hat sie, oder man hat sie nicht.» Das Gedankenexperiment löste spürbares Unbehagen aus. Weitere datenbasierte Beobachtungen, etwa zur fortschreitenden Oligopolisierung der Wettbewerbserfolge – wenige gewinnen viele Wettbewerbe –, sorgten für Interesse wie auch Irritation. Sie konfrontierten die Teilnehmer*innen mit ihrer Position im System, die nicht immer ihrer subjektiven Wahrnehmung entsprach. Am Ende haben wir uns zu einer Abstimmung durchgerungen, bei der sich die meisten dann doch grundsätzlich für eine Umverteilung aussprachen.
Die dritte Erkenntnis: Den Wettbewerb verteidigen vor allem diejenigen, die sich durchsetzen. Unterlegene Ideen und unbezahlte Arbeit bleiben auf der Strecke.
Experiment statt Routine
Die Workshops haben gezeigt: Der Wettbewerb ist ein Werkzeug, das viele eintauschen würden – für das es bis jetzt aber keinen Ersatz gibt. Zweifel an bestehenden Verfahren müssen Experimente auslösen. Es braucht Pilotverfahren mit angemessener Entlöhnung. Die öffentliche Hand muss hier mit gutem Beispiel vorangehen und offene Verfahren mit stufen- und anforderungsgerechter Entlöhnung entwickeln. Solche Pilotverfahren sollten zum Standard werden, an dem sich auch private Verfahren orientieren. Zuerst muss aber immer geklärt werden: Was ist das Ziel des Wettbewerbs – und lässt es sich auf anderen Wegen erreichen?
Laborgruppe ‹Kooperation statt Konkurrenz›
Tamino Kuny (Moderation und Begleitung), Katharina Benjamin, Jonas Brun, Rebekka Habegger, Jakob Junghanss, Martin Peikert, Claudia Scholz