Wie sollen sich Jurys künftig zusammensetzen? Wie viel Transparenz ist bei der Vergabe von Jurymandaten gefragt – und wie viel Offenheit für neue Fachleute und Perspektiven?
Jurys prägen Wettbewerbe – ihre Zusammensetzung jedoch bleibt im Hintergrund und steht nicht zur Debatte. Die Laborgruppe ‹Die Liste› ist der Frage nachgegangen, wie sich Jurys in Planungswettbewerben künftig transparenter und nachvollziehbarer besetzen lassen, ohne dass dadurch die bewährten Grundlagen der Wettbewerbs- und Planungskultur auf dem Spiel stehen. Ihr Ziel: die Weiterentwicklung der heutigen Verfahren, die sich an Stabilität, fachlicher Kompetenz und institutioneller Verantwortung orientiert. Offenheit, Professionalität und massvolle Rotation sollen dort greifen, wo sie Qualitäten sichern, nicht schwächen.
Am Anfang stand die Beobachtung der Laborgruppe, dass Wettbewerbsverfahren oft auf bekannte Namen und Netzwerke zurückgreifen – aus praktischer Erfahrung und aus Gewohnheit. Dieses Vorgehen hat sich bewährt: Es gewährleistet Effizienz, fachliche Kompetenz und klare Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig befürchten Planende, dass wiederkehrende Konstellationen gewisse Sichtweisen verfestigen und neuen Akteur*innen den Zugang zu Jurys erschweren. Auftraggeber*innen haben ein grosses Interesse daran, dass auch für Dritte nachvollziehbar ist, wie sich eine Jury zusammensetzt und wer Verantwortung trägt. Die Laborgruppe hat deshalb nach Wegen zu einem behutsamen, kontrollierten Wandel gesucht, hin zu mehr Offenheit und Transparenz, ohne dass das Fundament der heutigen Praxis infrage gestellt wäre.
Zwischen Offenheit und Verlässlichkeit
Die zentrale Frage beim Wettbewerbslabor lautete: Was macht eine verlässliche und zugleich angemessen zusammengesetzte Jury aus? Die Diskussionen verdeutlichten, dass Diversitätsquoten kritisch betrachtet werden. Zwar öffnen sie Strukturen, doch es besteht das Risiko, dass formale Vorgaben an die Stelle der fachlichen Kompetenz treten. Man war sich einig: Vielfalt ist sinnvoll, sofern sie organisch entsteht und in erster Linie der Qualität des Verfahrens dient. Oder wie es eine Teilnehmerin formulierte: «Vielfalt stärkt nur dann, wenn sie aus Überzeugung kommt und nicht aus Pflicht.» Entscheidend sei nicht starre Regulierung, sondern ein klarer Orientierungsrahmen, der Auftraggeber*innen Sicherheit gibt – und zugleich Spielraum für Ausnahmen lässt.
Auch die Idee einer digitalen Juryplattform wurde im Wettbewerbslabor diskutiert. Sie könnte Abläufe transparenter machen und Bewerbungen ordnen. Gleichzeitig kann sie auch Risiken bergen: zusätzlichen Verwaltungsaufwand für Veranstalter*innen und unklare Zuständigkeiten bei Auswahl und Entscheidungsfindung. Zudem besteht die Gefahr, bewährte Auswahlmechanismen durch reine Formalstrukturen zu ersetzen und damit die Qualität der Verfahren zu beeinflussen. Die Diskussionen zeigten, dass ein digitales Tool kein Selbstzweck ist, sondern ein unterstützendes Instrument. Eine Plattform käme allenfalls als kleines Pilotprojekt infrage und müsste klar geführt und kontrolliert werden. Offen bleibt die Frage, wer die Eignung von Jurymitgliedern abschliessend beurteilen würde – und nach welchen Kriterien.
Die Stärkung von Qualifikation und Erfahrung fand im Labor breite Zustimmung. Juryarbeit gilt als anspruchsvolle Aufgabe, die fachliche Urteilskraft, Verlässlichkeit und ein fundiertes Verständnis architektonischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge voraussetzt. Viele plädierten dafür, neue Juror*innen sorgfältig vorzubereiten und nicht vorschnell einzusetzen. Mentoring sowie Aus- und Weiterbildungsangebote können dazu beitragen, dass Fachwissen vertieft wird und zugleich den hohen Standard der Verfahren sichert.
Vorschläge zu einer Weiterentwicklung der Juryarbeit
– Massvolle Rotation, die Kontinuität wahrt und Dominanz vermeidet
– Digitale Plattform als kleines kontrolliertes Pilotprojekt mit Qualitätssicherung
– Weiterbildungs- und Mentoringangebote zur Einführung neuer Jurymitglieder
– Sorgfältig dokumentierter Auswahlprozess mit klar begründeten Entscheiden
– Schlanke, aber verbindliche Feedbackstruktur für gemeinsames Lernen
– Interdisziplinäre Ergänzung durch Fachbeiträge in spezialisierten Bereichen
Auch die Rotation von Jurymitgliedern stand zur Debatte. Dabei zeigte man sich zurückhaltend, teilweise sogar skeptisch. Zwar kann ein Wechsel zwischen Wettbewerben Dominanzmuster aufbrechen, aber ein zu häufiger Austausch über mehrere Verfahren hinweg erzeugt Unruhe und entzieht den Wettbewerben wertvolle Erfahrung. Darum wäre eine moderate, aber zugleich klare Taktung bei der Erneuerung einzelner Jurymandate sinnvoller. Personelle Kontinuität wird oft unterschätzt, bleibt aber ein wichtiger Wert, weil sie Erfahrung, Vergleichbarkeit und Verantwortung in Wettbewerben sichert.
Sorgfalt statt Automatismus
Ein wesentliches Diskussionsthema beim Wettbewerbslabor war die Nachvollziehbarkeit. Darauf konnte man sich einigen: Ein sorgfältig dokumentierter Auswahlprozess mit klar begründeten Entscheiden stärkt die Transparenz und die Orientierung, ohne den Ablauf zusätzlich zu belasten. Ergänzend regte die Gruppe an, eine angemessene Feedbackstruktur zu etablieren, damit alle Beteiligten aus den Verfahren lernen können – unabhängig von der konkreten Juryzusammensetzung.
Letztlich betrachtet die Laborgruppe die Weiterentwicklung der Juryarbeit als Aufgabe sorgfältiger Abwägung. Die Zusammenstellung einer Jury ist mehr als eine formale «Liste» von Personen. Sie steht für fachliche Verantwortung, institutionelle Kontinuität und das öffentliche Interesse. Oder wie es ein Teilnehmer treffend formuliert hat: «Die beste Jury ist eine, die Veränderung zulässt, ohne Bewährtes preiszugeben.»
Laborgruppe ‹Die Liste›
Leonie Trienen (Moderation), Gregor Bieri, Ulrike Gölker, Victor Gross, Anna MacIver-Ek, Hosna Pourhashemi, Wolfgang Rossbauer, Jaehee Shin, Almut Fauser (Begleitung)