In Ennenda bei Glarus hat der Architekt Lando Rossmaier eine alte Mühle zum Wohnhaus umgebaut. Innen spielt Flumser Verrucano eine Hauptrolle.
Die Mühle Ennenda hat eine bewegte Geschichte. Im späten 16. Jahrhundert erbaut, stand sie lange Zeit stolz und viergeschossig am Bach. Wegen des regionalen Mahlzwangs brachten die Kleinbauern ihr Korn, dann wurde dieser aufgehoben und die Mühle – vermutlich zugunsten der Aussicht des Herrenhauses am Hang darüber – auf zwei Geschosse geköpft. Anschliessend stand sie während Jahrzehnten leer. Ein unscheinbarer Bau mit fahlgelbem Rillenputz. Schliesslich kaufte ein Paar die einstige Mühle und beauftragte den Glarner Architekten Lando Rossmaier mit dem Umbau zum Wohnhaus mit Atelier.
«Zuerst haben wir viel Material entfernt, erst danach geplant», sagt Rossmaier. Stube, Schlafzimmer und Küche waren mit Ständerwändchen verkammert. Hinter dem Täfer und unter den Böden kamen immer weitere Schichten zum Vorschein. Man fand spätgotische Balken mit Ritzungen und Edelholzintarsien. Der Keller war tropfend nass. Im Rückteil des Hauses hingen Betonstellriemen aus den 1960er-Jahren zwischen Stahlträgern. «Ein kalter, russiger Raum, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging», erzählt Rossmaier, «vermutlich eine frühere Küche.»

Strickbau und Verrucano-Sockel
Heute steht das unscheinbar gewordene Entlein wieder stolz im Dorf. Monatelang nagelte ein Handwerker 55 000 Schindeln aus Schweizer Lärche an den Strickbau im Obergeschoss. Verschieden lang und breit bekleiden sie das aussen gedämmte Wohngeschoss im wilden Verbund aus acht Formaten. Am unteren Rand schwingt das Holzgefieder leicht nach aussen. Auf der Gartenseite setzt sich der Schwung zum Vordach fort.
Hier, im Mittelteil des Gebäudes, führt ein Gang durch das Haus. Vorne zum Bach liegt die einstige Mühle, die nun als Goldschmiedeatelier dient. Im hinteren Teil liegen dunkle Kellergewölbe. Auch sie sind – wie die Mühle, der Rückteil des Obergeschosses und die Fundamente – aus Verrucano gemauert. Dieses Konglomeratgestein ist über 250 Millionen Jahre alt, extrem hart und wird noch heute in Mels abgebaut. In Glarus und Ennenda begegnet man ihm immer wieder: als Weg- und Gartenmauer, als Brunnen gewordener Findling.
«Der rote Stein mit grüngrauen Einschlüssen ist als ‹Wurststein› bei vielen unbeliebt», sagt Rossmaier schulterzuckend. «Aber ich habe ihn liebgewonnen: Der Verrucano ist der Stein dieser Region. Ich setze ihn mittlerweile überall ein. Er ist es einfach.»
Situative Dämmung und scharrierte Steinkanten
An der Seite des Hauses führt eine offene Wangentreppe zum Wohngeschoss. Durch die Fensterkuppel des neuen Dachstuhls fällt Oberlicht in den Gang, in den rückwärtigen «unprogrammierten Restraum» und von dort aus – über grosse Glasschiebetüren – auch in die neue Küche und das Bad. Von den Schichten der Zeit befreit, schmiegen sich das Wohn- und Schlafzimmer der Fassade entlang. Der Boden ist mit Isofloc ausgeblasen, der gemauerte Teil mit geschäumtem Kalkstein gedämmt, der Strickbau hinter dem Schindelkleid mit Holzfaserplatten, das Atelier darunter mit Hanfkalksteinen. «Wir haben situativ gedämmt», erklärt Lando Rossmaier, «so wie man beim Kochen zu jedem Gericht das passende Öl wählt.» Überall entdeckt man feinfühlig gestaltete Metallarbeiten – von Klappen über Geländer bis zu Lichtschaltern. Sobald Wasser ins Spiel kommt, spielt Verrucano die Hauptrolle: Im Atelier hängt das erste steinerne Lavabo an der Wand, im Bad das zweite. Ein 240 Kilogramm schwerer Schüttstein steht als drittes Becken auf kleinen Betonstützen in der Fensterlaibung der Küche. Auch deren Arbeitsplatte ist aus Verrucano gefertigt. Und der mit Stucco verputzte Schamottofen in der Stube steht auf Steinkufen. Als Objekt im Raum.
Sämtliche Kanten der Verrucano-Objekte sind scharriert. Ein rein ästhetischer Entscheid, der die Fensterbänke aus Betonfertigteilen und die Steinarbeiten gestalterisch verbindet. Stundenlang flexte der Projektleiter Birk Thomas eigenhändig Streifen an Streifen. «Ich wollte das unbedingt so», sagt er mit einem Grinsen und streicht liebevoll über die haptischen Kanten.
Mühle Ennenda, 2025
Mühlacker 2, Ennenda GL
– Auftragsart: Direktauftrag, 2022
– Architektur: Atelier Lando Rossmaier, Ennenda
– Bauingenieur: Runge AG, Glarus
– Bauphysik: BWA, Winterthur
– Bauarchäologie: Ulrike Gollnick, Schwyz
– Schreiner: Abart A., Mitlödi
– Holzschindeln: Niki, Kiesen
– Metallarbeiten: Sandro Steger, Ennenda
– Stein: Verrucano (Mels)



