«Selbst ein Sandstein ist druckfester als viele Normbetone»

Wie kommt der Stein aus dem Berg? Was entsteht daraus? Wieso Gneis aus China? Der Familienunternehmer Christian Bärlocher spricht über den Steinmarkt und seine Zukunft.

Fotos: Matthieu Gafsou
In Zusammenarbeit mit Naturstein Verband Schweiz & Pro Naturstein

Wie kommt der Stein aus dem Berg? Was entsteht daraus? Wieso Gneis aus China? Der Familienunternehmer Christian Bärlocher spricht über den Steinmarkt und seine Zukunft.

Christian Bärlocher hat eine Steinmetzlehre in Freienbach gemacht, Architektur in Chur sowie Raumentwicklung und Landschaftsarchitektur in Rapperswil studiert. Heute ist der 35-Jährige im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Pro Naturstein und leitet in fünfter Generation einen Sandsteinbruch in Rorschach am Bodensee. Während eines Spaziergangs vom Abbau bis zur CNC-Fräse sprechen wir über den Weg des Steins und seine Zukunft.

Unser Planet heisst Erde, besteht aber zu 99 Prozent aus flüssigem und festem Gestein. Das meiste Volumen der Erdkruste liesse sich bautechnisch nutzen. Könnte man also überall Stein abbauen?
Christian Bärlocher: Grundsätzlich ja. Ob ein Abbau sinnvoll ist, entscheidet sich aber dadurch, wie viel Erde über dem nutzbaren Werkstein liegt und wie viele Risse die Steinschichten haben. Um 1900 gab es in der Schweiz rund 700 Steinbrüche, heute sind es noch knapp 70. Überlebt haben jene mit dem besten Stein, wenig Abtrag und vor allem guten Transportmöglichkeiten an Gewässern oder Eisenbahnlinien. De facto sind aber alle Steinbrüche historisch. Seit dem Inkrafttreten des Raumplanungsgesetzes 1980 ist es immer schwieriger geworden, Abbaubewilligungen zu erhalten.

Wie viel Stein wird in der Schweiz abgebaut?
Bei Kies für Beton, Kalk für Zement und Schotter werden auch neue Steinbrüche erschlossen. Hier wird in zwei Tagen jenes Volumen abgebaut, das die 70 Werksteinbrüche in einem Jahr produzieren. Das sind rund 500 000 Tonnen pro Jahr, vor allem Gneis und Sandstein. Wir kommen uns dabei nicht mit den Zementwerken und Kiesproduzenten in die Quere. Im Gegenteil: Diese brauchen Steine mit vielen Rissen, die einfach brechen. Wir benötigen möglichst homogene und grosse Schichten. Insofern gibt es eher Synergien. Manche Steinbrüche gewinnen oben Kies und darunter Werkstein.

Wie kommt der Stein aus dem Berg oder Boden?
Früher bohrte man von Hand Loch an Loch. Zur Zeit meines Grossvaters passierte das ebenso, allerdings mit Pressluft. Damals holten 12 Mitarbeiter jährlich 1000 Kubikmeter aus dem Berg. Ein grosser Wechsel fand in den 80er- und 90er-Jahren statt, als die Diamantwerkzeuge kamen. Heute sägen zwei Personen mit Diamantseilen 10 000 Kubikmeter im Jahr aus. Bei uns sind es 3×8 Meter grosse Blöcke, je nach Steinschicht 40 bis 150 Zentimeter hoch, also 10 bis 30 Tonnen schwer. Diese werden mit Baggern auf die Seite gezogen und dann zu Rohblöcken von 3×1,5×1 Meter gespalten, damit sie transportierbar sind und auf die Maschinen passen.

Was passiert als Nächstes mit den Rohblöcken?
Zunächst machen wir eine Triage. Zirka 20 Prozent der Rohblöcke haben erstklassige Qualität. Diese kommen in die Steinhauerei und werden mit Seilsägen zu dünnen Platten für Fassaden, Küchen und Böden gesägt sowie mit Kreissägen und CNC-Fräsen zu Massivarbeiten wie Brunnen oder Fenstergewände und Gesimse für Denkmäler. 60 Prozent der Rohblöcke haben zweitklassige Qualität. Daraus machen wir in der Spalterei einfache Produkte für den Gartenbau, vor allem gespaltene Mauer- und Verbauungssteine sowie dicke Bodenplatten für den Aussenraum. Hier nutzen wir die natürlichen Schwachstellen des Steins. Schweizweit ist die Verteilung relativ ähnlich: 20 bis 40 Prozent werden zu Fertigprodukten für Fassaden und Innenausbau. 30 bis 50 Prozent finden Verwendung im Garten- und Landschaftsbau, der Rest als Schotter oder Schüttungen für Rekultivierungsflächen.

Das heisst, im Steinbruch gibt es wenig Ausschussware?
Viele Betriebe im Ausland nutzen nur die Filets, die Kutteln schmeissen sie weg. In der Schweiz hätten viele Betriebe damit ein Platzproblem, darum arbeiten die meisten eher ‹nose to tail›. Falls ein Steinbruch nicht zu viele Risse quer zu den Schichten hat, kommen tatsächlich fast 100 Prozent als Blöcke aus dem Berg. Im Spaltwerk gehen 7 bis 8 Prozent des Volumens verloren. Manche Betriebe wie wir verkaufen dieses günstig als Schüttungen, für den Deichbau oder für Hinterfüllungen von Trockenmauern. In der Steinhauerei sind die Verluste grösser. Hier muss man die Rohblöcke auf allen Seiten sauber mit der Kreissäge zu geometrischen Blöcken schneiden. Danach sind die Verluste bei Bodenplatten oder Fensterbänken minimal, bei dreidimensionalen Arbeiten wie Brunnen oder Lavabos dagegen gross. Insgesamt entstehen in etwa 20 Prozent Produktionsreste. Diese baut man zur Rekultivierung im Steinbruch wieder ein.

Um die 500 000 Tonnen Werkstein werden jährlich abgebaut und ebenso viele importiert. Warum ist der Markt so regional? Und was importieren wir?
Ähnlich wie im Betonmarkt sind Gewicht und Transport extrem relevant. Die grösste Importmenge sind Rand- und Bordsteine aus Portugal und China. Einzelne Kantone beschaffen regional, im Tessin liegt auch Tessiner Gneis am Strassenrand. Ansonsten ist der Transport so günstig, dass der ausländische Stein trotz weiter Strecken per Schiff oder Lastwagen günstiger ist. Der kleinere Teil des Imports sind Halbfabrikate, vor allem Platten, die über die Region Verona in die Schweiz kommen. Diese importieren wir oft aus ästhetischen Gründen. Nero Assoluto aus Simbabwe, ganz weisse Marmore aus Italien oder blaue Steine aus Brasilien sind durchaus teurer als Schweizer Stein.

Schätzwerte zum Schweizer Natursteinmarkt

Die Konkurrenz des Schweizer Natursteins ist also nicht der ausländische Stein. Sondern?
Im Innenbereich sind Imitationen ein riesiges Thema. Abgesehen von hölzernen Produkten waren Boden- und Küchenplatten früher fast zu 100 Prozent aus Naturstein, heute handelt es sich mehrheitlich um Keramik mit aufgedruckten Steinmustern, Kunststeine oder Quarzkomposite. Eine Bodenplatte aus Keramik kostet einen Bruchteil eines Werksteins. Im Aussenbereich heisst der grosse Konkurrent Beton. Zementsteine für Garten und Terrassen sind deutlich günstiger.

Apropos Beton: Bis ins 19. Jahrhundert nutzten wir den Naturstein auch in der Schweiz für Fundamente, tragende Wände und Dachplatten. Dann kam die Industrialisierung, und Naturstein wurde zum Dekorationsmaterial?
Das klingt hart, ist aber wahr. In der Rezession zwischen den Kriegen und in den Nachkriegsjahrzehnten boomte alles ausser Stein. Zunächst verkleidete dieser noch Betonskelettbauten, zum Beispiel St. Galler Jugendstilbauten oder Repräsentationsbauten wie die ETH Zürich von Semper und Gull. Anstatt zu tragen, diente der Stein bloss noch als Verblendung. Heute hängt er oft nicht einmal selbsttragend an den Fassaden, bekleidet Lobbys und Bäder oder öffentliche Plätze. Das ist nicht falsch, denn auch hier sind dauerhafte Materialien wichtig.

Trotzdem bleibt der Stein als blosse Oberfläche weit hinter seinen Möglichkeiten zurück?
Was die Druckfestigkeit angeht, stimmt das absolut. Ein Granit hat bis zu 250 Megapascal. Das ist ein Mehrfaches von Spezialbetonen, und selbst ein weicher Sandstein ist druckfester als viele Normbetone. Von den Pyramiden über die gotischen Kathedralen bis zu den Natursteinbauten um Lyon sieht man doch: Naturstein ist ein leistungsfähiges und robustes Baumaterial. In Zeiten der Klimakrise liegt hier ein enormes Potenzial brach.

Das britische Stone Collective hat vorgerechnet, dass eine vier Meter hohe Stütze mit 1000 Kilonewton Traglast als armierter Naturstein drei Mal weniger Emissionen hat als eine Betonstütze und fünf Mal weniger als eine Stahlstütze. Warum sehen wir in der Schweiz keine Pionierprojekte mit tragendem Stein?
Die Produktionskapazitäten wären da. Uns fehlt vor allem das Wissen. Wir wissen nicht wirklich, was im Stein bei Feuer passiert. Uns fehlen kluge Lösungen, um grosse Punktlasten einzuleiten und gegen das Knicken. Auch beim Beton behebt die Stahlarmierung den Mangel an Biege- und Zugfestigkeit. Bei der Kombination von Stein mit Stahl sehe ich darum enormes Potenzial für tragende Anwendungen – gerade auch, um nicht nur mit dicken Mauern und mit zweitklassigem Material zu bauen. An der ETH starten wir gerade ein Innosuisse-Projekt mit den Lehrstühlen von Elli Mosayebi und Jacqueline Pauli. Ich sehe es so: Auch Holz hat viele Nachteile, aber hier wurde viel geforscht und entwickelt. Heute bauen wir sogar Hochhäuser aus Holz. Beim Stein stehen wir zwar noch ganz am Anfang, dennoch lautet die Frage nicht, ob, sondern wann wir Naturstein wieder als tragendes Baumaterial verwenden.

Man sagt, die Klimakrise sei ohne Kreislaufwirtschaft nicht zu meistern. Wie sehen Sie das in Bezug auf Naturstein?
Hier ist es anders als bei anderen Baumaterialien, weil die Emissionen vor allem beim Transport und der Verarbeitung anfallen. Trotzdem macht es absolut Sinn, tragende Steine mit Kalkmörtel zu verbauen und mit Stahlverbindungen und Spannkabeln so auszurüsten, dass die Konstruktion sortenrein demontierbar ist. Im Fassadenbau und im Innenausbau geht es zwar nicht um die grössten Volumen, aber auch hier gäbe es viel zu erfinden: Können wir Bodenplatten ohne Zementmörtel wie in alten Bauernhäusern verbauen und wieder in den Kreislauf bringen? Lassen sich Elemente in Standardformaten vor eine Fassade hängen und schadlos rückbauen? Im Grossen und Ganzen wäre auch eine Kaskadennutzung denkbar: erst Massivbausteine und Platten, dann Wiederverwendung, dann Zuschlag für Recyclingbeton, dann Magerbeton. Am Ende die Deponie. So muss es gehen.

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