Phase O anders denken

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Wettbewerbslabor: Die Phase O wird unterschätzt. Dabei ist sie eine Weichenstellerin – sie mindert Risiken und stellt Vertrauen her. Und trägt damit viel zum Projekterfolg bei.

Fotos: Jakob Junghanss
In Zusammenarbeit mit Stiftung Forschung Planungswettbewerbe

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Wettbewerbslabor: Die Phase O wird unterschätzt. Dabei ist sie eine Weichenstellerin – sie mindert Risiken und stellt Vertrauen her. Und trägt damit viel zum Projekterfolg bei.

Urbane Räume zukunftsfähig umzubauen, ist das Gebot der Stunde. Gleichzeitig rücken Bestandsbauten in den Fokus. Damit gerät das lineare Phasenmodell des SIA an Grenzen, denn die Aufgaben sind komplexer geworden und in einzelnen Phasen ohne Rückkopplungen kaum mehr zu lösen.

Die Laborgruppe hat die Phase O kontrovers diskutiert. Abgesehen von ihrer ursprünglichen Bedeutung und Berechtigung in Bezug auf das saubere Aufgleisen eines Projekts stehen wir heute vor zwei entscheidenden Fragen: Wie begleiten wir die Nutzungs-, Aneignungs- und Anpassungsphase? Wann und mit welchen notwendigen Schritten beginnt erneut eine Phase O im Lebenszyklus von Gebäuden und Quartieren? Die Gruppe hat zwei Deutungen von Raum ausgemacht: den geplanten Raum einerseits und den gelebten Raum andererseits. Der geplante Raum meint einen messbaren, gestaltbaren Behälter – ein Objekt, das sich skalieren, gestalten und bepreisen lässt. Der gelebte Raum ist ein soziales Gefüge – etwas Fluides, das Menschen immer wieder miteinander aushandeln. Diese Spannung bestimmt die Planung. Lineare Phasenmodelle treffen auf iterative Prozesse, die Wandel als permanentes Aushandeln und Verbessern anerkennen. Klassische Planung kollidiert dabei mit partizipativen Ansätzen.

Wettbewerbe zeigen dieses Dilemma besonders deutlich, wenn reine Konkurrenzverfahren dort eingesetzt werden, wo eigentlich Kooperation gefragt wäre. Auch die Phase O bleibt ambivalent: Sie sollte für mehr Qualität und Nachhaltigkeit sorgen, droht aber zugleich überfrachtet zu werden. Sie steht damit sinnbildlich für die aktuelle Debatte über Baukultur.

Verantwortung, Grundlagen und Verfahren

Auslober*innen, Organisator*innen und vor allem Jurymitglieder müssen ihrer Verantwortung gerecht werden, so der Tenor am Wettbewerbslabor. Die Jury kann das Wettbewerbsprogramm mitgestalten, auch bezüglich der Aufgabenstellung, sagen sogar Wettbewerbsorganisator*innen. Diese Chance werde aber zu wenig genutzt. Faire Verfahren und ein partnerschaftliches Miteinander sollten selbstverständlich sein. Dazu gehört die Einsicht, dass eine intensive Phase O der zentrale Hebel ist: für Nachhaltigkeit, für Risikominimierung im gesamten Projektverlauf und für wirtschaftliche Tragfähigkeit.

Projekte gedeihen auf gutem Boden. Sie bestehen aus vermitteltem Sachwissen, genauen Abklärungen und realistischen Möglichkeiten. Nur so werden Projekte vergleichbar und Entwürfe glaubwürdig. Entscheidend ist, dass man die fixen und flexiblen Bedingungen sorgfältig klärt und Widersprüche auflöst oder zumindest benennt. Nötig sind auch vollständige Grundlagen mit Machbarkeitsstudien, die zur Bedürfnisklärung beitragen und den baurechtlichen Spielraum darlegen. Auch Zustandsanalysen können entscheidend sein. In den Diskussionen am Wettbewerbslabor zeigte sich auch: Der Ideenwettbewerb zur Grundlagenklärung hat Potenzial.

Eine starke Phase 0 im Wandel
Braucht es eine neue Phase? Oder ist eher Arbeit an uns selbst gefragt? Wie berücksichtigen wir den nicht-linearen, permanenten Wandel der ökologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen in unseren Prozessen? Die Laborgruppe wünscht sich eine Taskforce, die das Bewusstsein für die Phase 0 stärkt.

Auch im Wettbewerbslabor war man der Meinung, die zunehmende Komplexität der Aufgaben überfordere lineare Verfahren. Ein Ansatz könnten Workshops sein, in denen mehrere Teams gemeinsam Grundlagen erarbeiten. Sie würden spätere, lösungsorientierte Verfahren, zum Beispiel offene Projektwettbewerbe, entlasten, sodass diese sich auf Kernideen konzentrieren könnten. Damit rücken sie in den Vordergrund, was zukünftig entscheidend ist: Improvisationsfähigkeit, Problemlösungskompetenz, Kommunikation, neue Haltungen und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Bewusstseinserweiterung

Das Wettbewerbslabor hat den Blick auf die Phase O deutlich geschärft. Wurde sie schon in den Vorbereitungsgesprächen als wichtig erkannt, so zeigte sich nun, wie tiefgreifend ihr Einfluss auf Projektqualität, Prozesssicherheit und langfristige Wirkung ist. Die Laborgruppe erlebte eine «Bewusstseinserweiterung»: Phase O ist nicht nur eine organisatorische Vorstufe, sondern ein entscheidender Hebel für das Gelingen weitsichtiger Projekte.

Eine gut gestaltete Phase O schafft letztlich die Basis für Mehrwert: Sie minimiert Risiken im gesamten Projektverlauf und schafft Vertrauen zwischen allen Beteiligten und in das Vorhaben. Besonders betont wurde, dass solide Grundlagen, die Klärung widersprüchlicher Anforderungen und der Einbezug von Fach- und Lokalwissen nicht als Zusatzaufwand verstanden werden sollten, sondern als Investition in Vergleichbarkeit, Glaubwürdigkeit und Realisierbarkeit. Möglicherweise sind die vorhandenen Grundlagen für qualitätsvolle Arbeit in der klassischen oder auch neu gedachten Phase O nicht überall bekannt und nicht genug erkannt. So wäre die Schärfung des Bewusstseins dafür eine zentrale Aufgabe.

Die Diskussionen haben zu einem erweiterten Verständnis des gesamten Phasenmodells geführt: Themen wie Erhalt, Weiterbau, Mining und sozialräumlicher Aushandlungsprozess zeigen, dass wir Bauen und Planen künftig stärker lebenszyklusorientiert und gesellschaftlich einbetten müssen. 

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