Neuer Auftritt im Steingewand

An der Zürcher Zollstrasse bekleiden Meier Hug Architekten einen früheren Bankbau mit Palissandro Nero. Die Fassade reagiert auf die veränderte Situation des Hauses in der Stadt.

Fotos: Matthieu Gafsou
In Zusammenarbeit mit Naturstein Verband Schweiz & Pro Naturstein

An der Zürcher Zollstrasse bekleiden Meier Hug Architekten einen früheren Bankbau mit Palissandro Nero. Die Fassade reagiert auf die veränderte Situation des Hauses in der Stadt.

Wer Ende der 80er-Jahre mit dem Zug in Zürich ankam, sah die Häuserzeile nördlich der Gleise von Weitem. Vier schmale Waschbetonelemente pro Stützenachse, abgerundete Fensterlaibungen, ausladende Pflanztöpfe über dem Erdgeschoss – alles zu einer flächigen Fassade gefügt. Über dem Attikageschoss prangte in grossen Lettern der Bankenname Leu.

Doch hinter der uniformen Fassade stecken drei Häuser. Weil diese heute nicht mehr der gleichen Eigentümerin gehören, lassen sich Alt und Neu direkt vergleichen. Die Hausnummer 42 blieb nach der Fusion der Bank Leu in privater Hand. Vom Zeitgeist unbeeindruckt streckt sie ihre Originalfassade dem kleinen Platz an der Ecke Zoll- und Hafnerstrasse entgegen. Der Kanton Zürich kaufte 2012 den Rest der Zeile und plante eine Gesamtinstandsetzung. Das Ziel: ein ‹Edelgrundausbau›, der sich wechselnden Nutzungen anpassen kann, und eine Fassade, die auf die neue Situation an der Zollstrasse reagiert – seit 2020 stehen die Gleisarena, die Wohn- und Geschäftshäuser Zollstrasse Ost und das Zollhaus prominent am Gleisfeld. Die Zollstrasse ist in die zweite Reihe gerückt.

Palissandro Nero bekleidet das von Meier Hug sanierte Bürohaus an der Zürcher Zollstrasse.

Einfach und dauerhaft
Beim Planerwahlverfahren für die Gesamtinstandsetzung überzeugten Meier Hug Architekten mit einer Natursteinfassade als langlebigem Anker für das wechselnde Innenleben. Sie wollten möglichst wenig in den Rohbau eingreifen und suchten gleichzeitig eine neue Gestalt. Die Brüstung und das Stützenraster behielten sie deshalb bei. Um sich vom Neben- und Vorgängerbau abzusetzen, passten sie drei statt vier Fensterelemente in eine Stützenachse ein. Das neue Raster ermöglicht es, aus den offenen Flächen wieder effiziente Einzelbüros zu schaffen, sollte der Trend zu Grossraumbüros und Desksharing dereinst vorüber sein.

Der unaufgeregte Grundriss bringt Einfachheit in die komplexe Gebäudeform. Hinter dem Haupteingang führen drei Lifte und die bestehende Treppe die Menschen in die Büros. Toiletten und Nebenräume ergänzen das neue Infrastrukturrückgrat. Der Grundausbau ist durchgehend grau, ein schüchternes Spiel mit hellen und dunklen Tönen. Das Attikageschoss nimmt alles auf, was in den flexiblen Regelgeschossen keinen Platz fand: Cafeteria, Gemeinschaftsräume, grosse Sitzungszimmer. Trotz aller Einfachheit soll das Haus die Verwaltung angemessen repräsentieren. Deshalb – und weil sie schon oft mit Stein gearbeitet hatten – entschieden sich die Architekten für eine hinterlüftete Natursteinfassade.

In der Nähe von Domodossola fanden die Architekten einen Steinbruch, der Palissandro Nero abbaut. «Der schwarze Stein ist seltener als die helleren Varianten des Palissandro-Marmors, seine Mineralzusammensetzung besonders», erklärt Marius Hug. Die dunkle Farbe gefiel ihnen im Zusammenspiel mit der Gleisarena. Im Projektverlauf wollte der Kanton auf eine Photovoltaikfassade umschwenken. Das war wegen der weit fortgeschrittenen Planung aber nicht mehr umsetzbar. «Wir glauben nicht an übertechnisierte Lösungen um jeden Preis. Eine PV-Fassade kann zweifellos einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten», glaubt Hug. «Aber auch eine Lösung, die durch Dauerhaftigkeit überzeugt, ist nachhaltig – sei es dank der Qualität des Materials oder durch die besondere Wertigkeit der Architektur.»

Regelgeschoss

Erdgeschoss

Dunkle Scheiben, helle Streifen
Statt Photovoltaik verkleidet also der hinterlüftete Palissandro Nero die bestehende Brüstung. Fünf polierte Scheiben pro Fensterachse. Darunter hängen über jedem Fenster kurze Platten mit fein gefrästem Profil, leicht zurückversetzt wie ein Vorhang. Doch die Leichtigkeit täuscht: Die Steine sind zwar nur vier Zentimeter dick, aber bis zu 160 Kilogramm schwer. Damit die Platten montierbar blieben, stand der Steinlieferant bei der Fassadeneinteilung beratend zur Seite.

Zwischen die dunklen Steinplatten schieben sich helle Aluminiumprofile. Wo innen eine Stütze liegt, fasst eine Doppellisene einen Steinstreifen. Das Metall endet in einem grösseren Knopf, der den Horizont der Brüstung unterbricht, den Stein aber keineswegs trägt. «Zuerst wollten wir die Befestigung der Steinplatten zeigen», erinnert sich Hug. «Diese Zeichnung an der Fassade ist davon übrig geblieben.» Auch die Maserung des Steins mit den hellen Einschlüssen prägt die Fassade – an einigen Stellen etwas zu stark, fand das Projektteam bei der Montage. Kurzerhand liess es einzelne Platten austauschen, was das Befestigungssystem einfach erlaubte: Die mit Anker und Einhängekonsole versehenen Platten hängen in einer horizontalen Schiene. So sind dereinst auch Reparaturen möglich.

1 Dachaufbau
2 Blechverkleidung
3 Knickarmmarkise
4 Staketengeländer mit eingebautem Flaggenstock
5 Balkonaufbau
6 Kunststeinbelag
7 Ausstellmarkise
8 Teppichbelag, Doppelboden 8 cm
9 Fassadenlisene
10 Fassadenplatten
11 Vordachaufbau
12 Teppichbelag, Doppelboden 30 cm
13 Krawallschutzstoren
14 Pfosten-Riegel-Fassade
15 Kunststeinbodenbelag (Mieterausbau)

Fussgängerperspektive statt Fernwirkung
Gegen den Innenhof zeigt das Haus sein zweites, weniger teures Gesicht. Die Fassade dort war schon immer aufwendig abgewickelt. Drei Zacken ragen in den Hof, den das Haus mit den Wohnbauten an der Konradstrasse teilt. Helle Eternitplatten legen sich um die unerwartet verspielten Formen. Die feinen Aluminiumlisenen zeichnen auch hier die Fenster aus, flächig eingepasst liegen drei grosse Platten dazwischen. Die Flächen und Farben gehen ineinander über, die Bewegung der Oberfläche ist minimal.

Seinen grossen Auftritt hat das Haus bis heute an der Zollstrasse, nur ist die neue Fassade für Fussgängerinnen statt auf Fernwirkung angelegt. Wer in Zürich ankommt, sieht die Häuserzeile erst auf dem Weg in die Stadt. Mit ihren ähnlichen Farben und unterschiedlichen Haltungen treten der Palissandro Nero und das dunkle Metall der Gleisarena eher in eine Diskussion als in einen Dialog. Ein passender Auftakt zur vielfältigen Zollstrasse.

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