Den Baukreislauf zu schliessen, heisst, beim Abfall anzufangen und beim Material aufzuhören – oder umgekehrt. Ein Besuch bei der Firma Eberhard in Oberglatt.
Wer zu Eberhard möchte, muss nur einem der vielen blau-gelben Lastwagen oder Bahnwaggons folgen. Sie transportieren Bauschutt auf das Areal in Oberglatt, an arbeitsreichen Tagen bis zu 50 Ladungen – oder 1000 Tonnen. Auch die grossen Hallen leuchten im Dunst des Glatttals blau-gelb. In ihnen werden aus Bauabfällen neue Baustoffe gemacht. Auf einer Mulde steht «Pioniere in Saugtechnik», in den Hallen dahinter wird gebrochen, gerüttelt, geklaubt, gesiebt. Eberhard wendet viele verschiedene Verfahren an, um aus den angelieferten Haufen staubigen Mischabbruchs unterschiedliche Rohstoffe zu machen. Die LKWs und Bahnwaggons, die das Werk wieder verlassen, fahren Holz, Plastik und Metalle zu Partnerfirmen, die das mineralische Material recyceln. Daraus entstehen neue «Sekundärrohstoffe» mit – und das ist wichtig – den gleichen Eigenschaften wie Primärkies und -sand. Nur so helfen sie, den Kreislauf beim Bauen zu schliessen.
Unter Patrick Eberhards blau-gelber Faserjacke schaut ein weisses Hemd hervor. Als CEO von Eberhard sind seine Tage durchgetaktet. Auf die Frage, warum er mache, was er mache, lacht er. Da sei er nun mal reingeboren. Das Familienunternehmen leitet er als Teil der dritten Generation. Nach einer Strassenbaulehre und einem Bauingenieurstudium ist er seit zehn Jahren im Unternehmen, seit zwei Jahren leitet er es. Der Name Eberhard steht für Erdbau, Rückbau, Altlastsanierung – und Baustoffe. Schon lange sucht die Firma nach Möglichkeiten, den anfallenden Bauschutt auch wiederzuverwenden. In den 1970ern unterfütterte sie mit Aushub Feldwege. Anfang der 1980er nahm sie die erste stationäre Recyclinganlage in Betrieb. Seit 1999 macht in Rümlang ein Baustoff-Recycling-Zentrum aus Betonabbruch Recyclingbeton. Nun ist das Unternehmen beim zirkulären Beton angekommen. Patrick Eberhard sagt, er wisse schon: Anders als zum Beispiel die Wiederverwendung von Bauteilen sei das Rezyklieren im industriellen Massstab nicht sexy. Doch wenn man Wirtschaftlichkeit ernst nimmt und nach umsetzbaren Lösungen sucht, könne man mit Grossanlagen etwas bewegen. Und Beton habe in der Klima- und Ressourcenfrage nun mal den grössten Hebel.
Von der Baustelle ins Werk
Der Kreislauf beginnt auf der Baustelle. Früher trennte man dort nach der Schadstoffbeseitigung das Abbruchmaterial so gut es ging. Beim alten Mehrmuldensystem wandert der Betonabbruch in einen Behälter, Holz in einen zweiten, der Mischabbruch mit Ziegeln, Mörtel, Putz in einen dritten und so weiter. Heute trennt Eberhard auf der Baustelle nur noch den reinen Beton vom Mischabbruch, Letzterer wird anschliessend in Oberglatt aufbereitet. Das ermögliche eine grössere Sorgfalt mit viel weniger Lärm und Staubemissionen. Ausserdem spare dies Zeit und Geld, erklärt Franz Schnyder. Der Ingenieur ist Geschäftsführer der Firma Zirkulit, ein Netzwerk von Unternehmen, das von Oberglatt aus zu wachsen begann. Bisher sei Mischabbruch praktisch wertlos gewesen, wurde downgecycelt oder ging nicht selten auf die Deponie, so Schnyder. «Heute machen wir daraus Baumaterial.»
Sein Blick auf den Rückbau von Gebäuden sei ein spezieller, sagt Patrick Eberhard. Dieser Blick lehre, Verantwortung für Klima und Ressourcen zu tragen. «Enkelfähigkeit» nennt er das. Heute koste das Deponieren mehr, wegen strengerer Umwelt- und Sicherheitsauflagen und beschränktem Deponieraum. Auch die Primärrohstoffe werden immer knapper und damit teurer. Da sei es auch wirtschaftlich nahegelegen, vom Ende des Bauzyklus an den Anfang zu gehen. «Wir wollten alle Ressourcen nutzen, die bei uns auf dem Recyclinghof anfallen», sagt Eberhard. Zwei Drittel des Abbruchs sei reiner Beton, und der werde bereits gut verwertet. Entscheidend sei das letzte Drittel, der Mischabbruch. «Sieben Jahre lang haben wir getüftelt. Eine Anlage gebaut, sie verändert, neu gebaut, angepasst. Inzwischen sind wir bei Anlageschema Nummer 55.» Die Anlage EbiMIK nahm 2021 den Betrieb auf. Der Name steht für «Eberhard – Materialien im Kreislauf». Sie hat einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet und ist eine Wette auf die Zukunft. «Hätten wir rein wirtschaftlich gedacht, gäbe es sie nicht», sagt Patrick Eberhard. Das EbiMIK existiert, weil das Familienunternehmen den Müll als Mine sieht, den Kreislauf beim Bauen schliessen will. Es geht um Werterhalt und Ressourcenschonung.
Künstliche Intelligenz sortiert
Mit einer Staubwolke kippt der Lastwagen seine Ladung vor die Füsse eines Ungeheuers. Der 100-Tonnen-Bagger steht in Halle 3.1 und heisst ‹Sennebogen 865 E›. Franz Schnyder zeigt auf ein armdickes Kabel. «Der läuft rein elektrisch, mit Solarstrom vom Dach.» Der lange Greifarm des Baggers pickt erstaunlich geschickt einen grossen Betonbrocken aus dem Schutt und lässt ihn krachend in eine Mulde fallen, pickt und wirft ein Stück Holzbalken in eine andere. Danach beisst er satt in den Dreck, der vor ihm liegt, und befördert eine Tonne davon in eine lärmende gelbe Maschine, einen ‹Sizer›. Dieser verkleinert sperrige Stücke auf Kopfgrösse. Nachdem noch Magnete Eisen aus dem Dreck gezogen haben, verschwindet er auf dem Laufband in der Wand.
In der nächsten Halle ist alles noch grösser und lauter. Treppen und Stege durchkreuzen ein System aus Laufbändern und Maschinen. Die einen brechen, andere rütteln und sieben, ein weiterer Magnet holt nach, was die zwei vor ihm versäumt haben. All das können viele Recyclinganlagen im Land. Das, was diese hier besonders macht, steht in ihrem Zentrum. Dort weiten sich zwei parallele Laufbänder, von Scheinwerfern erhellt. Greifarme lauern im Halbdunkel darüber.
Plötzlich fährt einer der Greifer blitzschnell zu einem Brocken, der sich unter ihm hindurchbewegt, packt ihn und bugsiert ihn in einen der seitlichen Behälter. Sechs solcher Roboter sind hier am Werk, je drei hintereinander. Kombinierte Kameras erfassen das Material auf dem Band dreidimensional und informieren die jeweiligen Greifarme, wenn sie etwas erfasst haben, das wie Plastik oder Gips, Holz, Aluminium oder Asphalt aussieht. Ihre Beuteschemata variieren und wurden während eines Jahres mittels Künstlicher Intelligenz programmiert. Könnten solche Arbeiten nicht auch geschulte Mitarbeiter*innen machen? Franz Schnyder: «Die Roboter dürfen schwerer heben, sie könnten 24 Stunden am Tag arbeiten und brauchen kaum Pausen. Mit gleichbleibender Qualität greifen sie bis zu 12 000 Mal pro Stunde zu. Eine solche Arbeit ist Menschen nicht zumutbar.»
Die geheime Halle
Nach der Behandlung durch die Roboterarme sind nun alle nicht-mineralischen Teile aussortiert. Fehlt noch die Trennung der Leichtmineralik aus Ziegel und anderen porösen Stoffen von der Schwermineralik aus Beton und Kies. Das passiert in der letzten grossen Halle. Dort sind Besucher*innen jedoch nicht zugelassen, zu gross sei die Gefahr, dass die sogenannte Nassaufbereitung von der Konkurrenz kopiert werde, sagt Franz Schnyder. Schwarze Rohre leiten das Regenwasser aller Gebäude dorthin, um die Leicht- von der Schwermineralik zu trennen.
Der Rundgang endet im Labor von Franz Schnyder, der neben der Leitung von Zirkulit auch für die Hightech-Betone bei Eberhard verantwortlich ist. Im grossen Raum mit 800-Grad-Ofen und Kältekammer testet sein Team neue Betonmischungen. In den Regalen stapeln sich Siebeinsätze und grosse Kanister mit Zusatzmitteln. In Eimern wartet die letzte Produktion mineralischer Granulate auf die Kontrolle: vier verschiedene Korngrössen, die leichtmineralischen schimmern rötlich, die schwermineralischen gräulich. Das ist das Material, das als Müll in Oberglatt ankam und den Ort nun als Rohstoff wieder verlässt.
Kontrolle und Vertrauen
Die mineralischen Materialien ersetzen Primärrohstoffe wie Kies und Sand. Eberhard und weitere ausgewiesene Zirkulit-Partnerfirmen produzieren nach den gleichen Grundsätzen kreislauffähige Produkte, wie Beton, Dämmstoffe, Putze oder Mörtel. Deren Umwelteigenschaften werden von unabhängiger Seite überwacht, das sei wichtig, sagt Patrick Eberhard. Die Partner des Zirkulit-Netzwerks seien bei ihrem Baustoff «best in class» und sollen zur Firmenkultur passen. Es seien Pionier*innen. «Und es sind Familienunternehmen, denn auch das ist ein Beitrag an die Nachhaltigkeit.»
Familienunternehmen optimieren nicht kurzfristig, sondern blicken voraus. Was «Pionier*innen» bedeutet, zeigt das Beispiel Zirkulit: Patrick Eberhard habe mit einigen Betonproduzent*innen gesprochen, aber nicht alle hätten «so viel Musik gehört», wie er es nennt. Also habe man das selbst in die Hand genommen. Die Vision kreislauffähiger Häuser gründet auf einer mineralischen Basis, denn mineralische Rohstoffe kommen im Gebäudepark am häufigsten vor. Zirkuläres Bauen, nicht um einem Trend zu folgen, sondern aus einer gesellschaftlichen Verantwortung heraus.
Zwischen Zuversicht und unternehmerischem Pionierdenken macht sich bei Patrick Eberhard auch Nachdenklichkeit bemerkbar. Die Komplexität der Branche sei gross, sagt er. «Wir haben viel investiert. Das ist noch nicht auf dem Boden.» Enkelfähigkeit bedeute, langfristig den günstigsten Weg zu gehen, auch wenn er kurzfristig mehr koste. Ein Problem dabei: In der Baubranche laufe noch kein richtiger Wettbewerb in Sachen Umwelt. «Wir müssten die Gesetze heute so gestalten, dass die Baustoffe, die wir einsetzen, bei einem Rückbau in 50 bis 70 Jahren wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Und wir müssten die Abfallströme gezielt lenken.»
Die Grundlagen sind jedoch schon heute gesetzlich festgelegt: Abfälle verwerten, Abbruch möglichst vollständig als Rohstoff nutzen, mit Sekundärbaustoffen bauen. Doch neutrale Kontrolle sei freiwillig und als Besteller*in brauche man viel Vertrauen bei der Wahl eines Unternehmens. Und so arbeiten die beiden Firmen Eberhard und Zirkulit nicht nur darauf hin, Gebäude an ihrem Lebensende nicht zu entsorgen, sondern als Quelle neuer Materialien zu nutzen. Sie ringen auch mit den Verhältnissen, die das ermöglichen – oder eben nicht.
Diese Reportage ist Teil des Themenfokus «Vom Abfall zum Baustoff» von Hochparterre, der auch in einer französischen Version erschienen ist.
Das lineare Bauen soll zum Kreislauf werden. Zirkulit arbeitet daran. Das Netzwerk produzierender Familienunternehmen gewinnt aus Abbruchmaterial hochwertige Sekundärrohstoffe und produziert damit zirkulären Beton, Dämmung, Putz und mehr.







