«Man arbeitet mit dem Stein des Orts»

Das Ingenieurbüro Conzett Bronzini Partner ist berühmt für seine Brücken. Jürg Conzett erklärt, warum dabei immer wieder Naturstein zum Einsatz kommt.

Fotos: Matthieu Gafsou
In Zusammenarbeit mit Naturstein Verband Schweiz & Pro Naturstein

Das Ingenieurbüro Conzett Bronzini Partner ist berühmt für seine Brücken. Jürg Conzett erklärt, warum dabei immer wieder Naturstein zum Einsatz kommt.

Jürg Conzett ist einer der bekanntesten Ingenieure der Schweiz. Das liegt nicht nur an den aufsehenerregenden Konstruktionen, die er mit seinem Partner Gianfranco Bronzini realisiert hat, sondern auch an seinem stupenden historischen Wissen und seinem lebenslangen Engagement für die Anerkennung der kulturellen Bedeutung der Ingenieursbaukunst. Wir treffen ihn in seinem Büro gleich neben dem Bahnhof Chur, mit Blick auf die steinerne Masse der Bündner Berge.

Jürg Conzett, Ihr Büro hat zahlreiche Brücken aus Naturstein gebaut, darunter eindrückliche Konstruktionen wie die Valserrheinbrücke in Vals. Ihre jüngste Steinbrücke aber, die Punt Alvra oberhalb La Punt, sieht so aus, wie Steinbogenbrücken schon immer ausgesehen haben. Warum?
Jürg Conzett: Weil die Brücke an der Albulastrasse liegt. Diese Strasse zeichnet sich seit Urzeiten durch ihre typischen Steinviadukte aus. Die alte Steinbrücke in La Punt hatte einen sehr engen Durchfluss, sodass sich das Wasser schnell stauen und das Dorf überschwemmen konnte. Um diese Gefahr zu bannen, brauchte es eine neue Brücke mit grösserem Durchflussprofil und einer grösseren Spannweite. Den Charakter der alten Brücke wollten wir aber beibehalten. Darum ist auch die neue eine aus Stein. Ganz historistisch, in der Art der alten Brücken aus dem 19. Jahrhundert.

Innen gibt es aber auch ein bisschen Beton?
Ja, aber auch das ist nichts Neues. Die Kombination von Stein und Beton, wenn auch nicht in armierter Form, gibt es im Prinzip seit den Römern.

Sie haben viele historische Steinbrücken instand gesetzt oder ersetzt. Sagt Ihnen der kulturelle und historische Kontext dabei auch, welchen Stein Sie wählen sollten?
Sicher. Die alten Brücken wurden aus den Steinen gebaut, die vor Ort verfügbar waren. Die Steinsorte wiederum gab die Bearbeitungsmöglichkeiten vor und prägte damit massgeblich den Charakter der Bauwerke. Heute sind wir allerdings mit dem Problem konfrontiert, dass die vielen kleinen Steinbrüche von früher gar nicht mehr existieren. Aus diesem Grund haben das Tiefbauamt Graubünden und die Rhätische Bahn den ‹Natursteinkatalog Graubünden› herausgegeben, an dem ich mitgearbeitet habe. In diesem umfang- und detailreichen Katalog ist verzeichnet, welche Brüche in der Schweiz, in Norditalien oder Bayern in der Lage sind, den richtigen Stein für die Bauwerke in Graubünden zu liefern.

Berühmt geworden sind Ihre neuen Brücken, die Naturstein sehr innovativ und überraschend einsetzten: die Valserrheinbrücke in Vals, die Wasserfallbrücke am Trutg dil Flem in Flims oder die Pùnt da Suransuns in der Viamala-Schlucht. War da der Zugang zum Stein ein anderer?
Der Ansatz ist derselbe wie bei den historischen Brücken: Man arbeitet mit den Steinen des Orts. Bei der Valserrheinbrücke waren es Quarzitplatten, die bereits für die Therme von Peter Zumthor verwendet worden waren. Die Erscheinung ist sicher ungewöhnlich, aber konstruktiv sehr konsequent. Alles ist gefügt, es gibt keine einzige Schraube. Stein und Beton verzahnen sich wie bei einer schreinermässigen Verbindung.

Geht es auch darum, das Kunstvolle der Ingenieursbauweise zu demonstrieren?
Bei touristischen Projekten gibt es sicher auch eine gewisse Lust, zu zeigen, was Stein alles kann. Bei der Wasserfallbrücke wird der flache Bogen aus Naturstein durch das vorgespannte Geländer gehalten. Und bei der Pùnt da Surasuns, unserer ersten Natursteinbrücke, bilden vier Flachstahlbänder ein leicht geschwungenes Gerüst für die Gehwegplatten aus Andeer-Granit. Die Idee, Naturstein und Vorspannung zu kombinieren, geht übrigens zurück auf den Ingenieur Horst Hossdorf, der die Technik 1954 für die Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht vorgeschlagen hatte. Er hatte grosse Freude, dass seine Idee fünfzig Jahre später noch Realität wurde.

Wenn Sie nun mit Ihrem breiten Wissen und Ihrer Erfahrung jemandem erklären müssten, was die Qualitäten einer Natursteinbrücke ausmacht, was würden Sie sagen?
Ich würde auf die Albulabahn verweisen, die um 1900 entstand. Sie ist das Mass aller Dinge. Nicht zuletzt, weil hier erstmals wieder alle Brücken in Stein gebaut wurden.

Warum «wieder»?
Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter des Eisens, alle grösseren Brücken wurden in Eisen ausgeführt. 1891 aber stürzte die Birsbrücke in Münchenstein ein, was eine der grössten Eisenbahnkatastrophen des 19. Jahrhunderts darstellte und zu grosser Verunsicherung sowohl bei den Ingenieuren als auch bei den Passagieren führte. Daraufhin setzte eine Kampagne zugunsten des Steins ein, die stark nationalromantisch geprägt war. Steinbrücken galten als beständig, solide und zur Schweizer Landschaft passend. Dabei spielte die Idee vom Stein als einzigem bedeutendem Rohstoff der Schweiz eine wichtige Rolle. Auch das Bundeshaus in der Berner Altstadt setzt sich aus Steinsorten aus der ganzen Schweiz zusammen – die Verkörperung der Einheit in der Vielfalt. Der Stein hatte damals eine unglaublich grosse symbolische Bedeutung. In den 1920er-Jahren wurde er vom Beton und der modernen Bewegung verdrängt.

Und heute und künftig? Wird man weiterhin – auch ausserhalb denkmalpflegerischer Belange – mit Naturstein bauen?
Ja, weil das Fortschreiben von Traditionen grundsätzlich etwas Gutes ist.

Mit Naturstein bauen Conzett Bronzini Partner massive historistische Brücken, aber auch überraschend leichte Strukturen – wie die Pùnt da Suransuns in der Viamala.

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