La Pierre de l’Avant-garde

In Pouillons Steinbruch, bei Perraudin in Lyon, mit Barrault Pressacco in Paris, bei Archiplein in Genf: Von Frankreich aus ist der tragende Natursteinbau in der Schweiz angekommen.

In Zusammenarbeit mit Naturstein Verband Schweiz & Pro Naturstein

In Pouillons Steinbruch, bei Perraudin in Lyon, mit Barrault Pressacco in Paris, bei Archiplein in Genf: Von Frankreich aus ist der tragende Natursteinbau in der Schweiz angekommen.

Fontvieille – Pouillon, Perraudin und wie der Stein aus dem Berg kommt

In den Carrières de Provence bei Fontvieille kommen Geschichte und Gegenwart des französischen Natursteinbaus zusammen. Aus dem gelblichen Kalkstein sind zahllose Wohnhäuser gebaut, ausserdem das Amphitheater von Arles oder der Pont du Gard, ein fast 50 Meter hoher Aquädukt. Die weltbekannten Monumente bezeugen eine Steinbautradition, die von den Römern bis weit in die Nachkriegszeit reichte.

Bis in die frühen 60er-Jahre nutzte Fernand Pouillon den Stein aus der Camargue, um als Unternehmer-Architekt tragende Steinfassaden zu bauen. Nebst bekannten Wohn- und Geschäftshäusern, wie jenen am Alten Hafen von Marseille, baute er auch die Betriebsgebäude des Steinbruchs in Fontvieille – simple Schuppen aus grenzsteingrossen Quadern. Vor dem Eingang rostet eine Maschine mit Kreis- und Kettensägen vor sich hin, die damals über die Steinfläche fuhr und immer gleiche Blöcke hinter sich liegen liess. Eine einleuchtend simple Art, robuste Mauersteine zu produzieren. Aus industriepolitischen und ideologischen Gründen geriet der Natursteinbau trotzdem in Vergessenheit. Der Stein war gegenüber der Betonfertigteil-Industrie zu teuer geworden und stand für die Vergangenheit.

Und dann kam Gilles Perraudin und baute 1998 westlich von Arles ein Weingut aus massiven Quadern. Auch sein Jardin d’Eve, der seit zwei Jahren als Showroom zwischen Pouillons Schuppen steht, ist aus immer gleich grossen Blöcken gebaut, allerdings sind diese auf der einen Seite diagonal geschnitten und spielerisch gestapelt. Unter dem ruhigen Takt der Balkendecke springen die Fassadenzacken vor und zurück. Was im Modell aus Steinklötzchen gehalten hat, tut es auch in der Realität. Berechnungen waren keine vorhanden. So faszinierend das künstlerische Volumenspiel ist, das sich im Inneren topografisch rund um einen Spiralbrunnen fortsetzt, so irritierend sind die zwischen die Steine geklebten, teils farbigen Plexiglasscheiben mit pathetischen Sprüchen in Schnörkelschrift.

Der Showroom in den Carrières mag nicht Gilles Perraudins Glanzstück sein. Doch Perraudins Bedeutung für den Natursteinbau ist unbestritten, sein archaischer Stil prägend. Er ist für den Natursteinbau das, was Martin Rauch im deutschsprachigen Raum für den Lehmbau ist: lange ein Einsamer in der Wüste, ein Überzeugter und Besessener – und im Diskurs um bio- und geobasiertes Bauen heute ein gefeierter Pionier.

Vom Berg- zum Tagebau, von Kaminen zu Häusern
«Unser Kalkstein ist halbweich – stark genug für eine tragende Wand, aber weich genug, um ihn schnell und günstig zu verarbeiten», erklärt Paul Mariotta den Erfolg seines Steins. In gelassenem Schritt führt der Enddreissiger, der den Steinbruch in dritter Generation leitet, durch die Geschichte der Carrières. Zur Zeit der Römer holten Arbeiter den Stein seitlich aus dem Massiv. Ab und zu liessen sie eine Stütze stehen, so mächtig wie ein schmales Haus, oder brachen Löcher nach oben zum Tageslicht. Heute überwuchern wilde Pflanzen die versunkene Kathedrale, und die Arbeiter feiern hier im Kühlen ihre Feste.

Die Steine gewinnen sie längst nebenan im Tagebau. Auf Schienen sägen kleine Wagen mit Kettensägen zuerst ein Gitter in die Steinfläche. Anschliessend werden die Rohblöcke seitlich herausgeschnitten, später im Schuppen unter dem lauten Kreischen der Kreissägen zerteilt. Aus den 2,2 × 1,6 Meter grossen Rohblöcken lassen sich mit minimalem Abfall zwei Quader mit 1 Meter oder drei Quader mit 70 Zentimetern Länge sägen. «Aber das interessiert nicht jeden Architekten», sagt Mariotta und zuckt dabei mit den Schultern.

Auf die überall sichtbaren, fussballgrossen Bohrlöcher in den Quadern blickt Mariotta ebenso gelassen. In diese wird Beton gegossen. «Gilles Perraudin schafft neun Geschosse komplett ohne Beton. Aber die meisten anderen Architekten und Ingenieure planen mit Stein ummantelte Betonskelettbauten. Mir soll es recht sein: zwei Löcher pro Stein, rund 50 Euro pro Bohrloch – ein gutes Geschäft.»

Überhaupt blickt Steinbruchbesitzer Mariotta optimistisch in die Zukunft. Als er ein Kind war, lieferte sein Vater vor allem Steine für Skulpturen, Brunnen, Kamine und Gärten. Heute liefert er selbst zu 99 Prozent an Perraudin und ein Dutzend weitere Architekten, die alle bei Perraudin in Montpellier studierten und nun Verwaltungsgebäude und Schulen bauen. Noch vor wenigen Jahren besuchte nur ab und zu eine Architektin auf eigene Initiative den Steinbruch. Heute kommen jeden Monat Busse voller Studenten im Rahmen ihrer Ausbildung vorbei. Paul Mariotta ist überzeugt: «In zehn Jahren ist der Steinbau eine grosse Sache.»
 

Lyon – Wieder Perraudin und die Rückkehr des Druckbogens

230 Kilometer nördlich von Fontvieille hat die Zukunft schon begonnen. Auf einem Transformationsareal im Süden von Lyon, zwischen Bahnlinie und Rhone, liegt Perraudins bisher grösste Baustelle. Die 145 Logements collectifs umfassen Wohnungen in Eigentum, Erbbaurecht und Sozialmiete sowie Gewerbeeinheiten in einem U-förmigen, bis zu neungeschossigen Gebäude.

Der Sohn Jean-Manuel Perraudin leitet das Lyoner Büro und erklärt im Baucontainer die bunten Fassadenpläne: Im Erdgeschoss, an den Ecken und zuunterst in den hohen Gebäudeteilen kommen drei spanische Steine zur Anwendung. Sie sind 67 bis 99 Megapascal stark – also etwa drei Mal druckfester als übliche Betone – und kosten bis zu 1500 Euro pro Kubikmeter. Ein vierter Spanier und zwei Steine der Carrières de Provence sind nur 9 bis 17 Megapascal stark, mit einem Kubikmeterpreis ab 350 Euro aber auch deutlich günstiger. Sie machen darum den Löwenanteil des Steins aus, der hier verbaut wird. Überhaupt ist die Siedlung ökonomisch konsequent. Die Steinblöcke sind innen immer 70 Zentimeter hoch. Vier Lagen reichen für eine Wand, die Türen darin sind drei Lagen hoch. Dazu kommt reichlich Beton: Abfangträger in den Erdgeschossen und für die Brüstungen des Laubengangs, gelegentliche Fensterstürze und -bänke sowie Flachdecken. Den Stein mit Beton auszugiessen, mit Stahl nachzuspannen oder aus gestalterischen Gründen gar als Verblendung zu nutzen – all das liegt dem jungen Perraudin fern: «Stein muss man auf Druck belasten. Gibt es Zug, verwendet man Beton, Stahl oder Holz. Ende der Diskussion.» Und das gescheckte Fassadenbild mit seltsamen Übergängen und vereinsamten Steinen? Der Architekt gibt sich provokativ: «Mit einem Quadratmeterpreis von unter 2000 Euro ist unser Projekt günstiger als ein Standardprojekt aus Beton. Mir geht es darum, den Stein in den Massenmarkt zu bringen. Ästhetik interessiert mich null.»

Die Wohnsiedlung Alma Petra in Lyon ist Perraudins grösstes Projekt mit tragendem Naturstein. Sechs verschiedene Steine bilden die Fassaden und Schottenmauern der 145 Wohnungen mit Gewerbe.

Rue des Girondins, Lyon
– Bauherrschaft: Edelis, Lyon
– Auftrag: Wettbewerb, 2021
– Architektur: Atelier Perraudin, Lyon
– Bauingenieur: TEM Partners, Lyon
– Umweltingenieur: Atelier Franck Boutté, Paris
– Landschaftsarchitektur: In Situ, Lausanne
– Maurer: Tonino, Vers-Pont-du-Gard
– Steine: Vers & Estailles (Fr); Abadia, Albamiel, Albamiel Duro und Marina (Sp)
– Geschossfläche: 10 500 m²

In Caluire-et-Cuire, einer mit dem Norden Lyons verwachsenen Gemeinde, besuchen wir ein 2021 fertiggestelltes Projekt. Das ‹immeuble mixte› ist deutlich kleiner, aber für Perraudin eine Wiedererfindung: Grosse Druckbögen ermöglichen grosse Spannweiten und damit einen freien Grundriss, so, wie er für die Werkstatt im Erdgeschoss und die Büros darüber wichtig ist. Auch hier kommen zwei spanische Steine zur Anwendung. «Der Druck an der Basis des Bogens war entscheidend», sagt Perraudin, und so kam der Marina hier und im Sockel der Fassade zur Anwendung. Für die Wohngeschosse darüber genügte der weichere Albamiel.

Steinmauern sind weich, Holz der natürliche Partner
Auf die erneuten Betondecken angesprochen, gerät der sonst so radikal ökonomische Architekt in milde Rage. Wegen Altlastensanierungen war der Spardruck so gross geworden, dass man von den ursprünglichen Holzbalken auf Beton umschwenkte. Doch diese Decke sei schwerer, darum brauche man mehr vom stärkeren und teureren Stein. Ganz eindeutig sei die Rechnung darum nicht. «Ein Haus aus Stein ist grundsätzlich weich, Beton dagegen steif», sagt Perraudin. Kalkmörtel sei mit 5 Megapascal deutlich nachgiebiger als der Stein selbst, sodass dieser sich bei Horizontallasten bewegen könne. «Darum haben wir mit Holzingenieuren generell bessere Diskussionen als mit Betoningenieuren. Der Fall ist nicht nur aus Sicht der CO₂-Emissionen klar: Der natürliche Partner von Stein ist Holz.»


 

Paris – Vom schicken Bürgerhaus zur disziplinierten Siedlung

Gare de Lyon in Paris. Seit dem Buch ‹la pierre banale› von Marie Le Dréan und Jonas Kuratli weiss man hier, dass nebst Fernand Pouillon auch weitere, unbekannte Architekten in Paris während der ‹Trente Glorieuses› – vom Kriegsende 1945 bis zur Ölkrise 1973 – mindestens 15 000 Wohnungen mit tragendem Naturstein bauten. Durch die Mechanisierung der Steinbrüche und Baustellen war der Natursteinbau selbst im sozialen Wohnungsbau preislich konkurrenzfähig geworden. Dann wurde er verdrängt – von einer Wohnbaupolitik, die auf vorgefertigte Betonelemente setzte; von einer Betonindustrie, die von Befestigungsanlagen her erfahren mit Grossprojekten war; von einer Ideologie der orthodoxen Moderne, die Leichtigkeit und Fortschritt verkörpern wollte.

Logements collectifs en pierre massive, région parisienne, 1948–1973
– Verlag: EPFL Press, Lausanne 2022
– Autoren: Marie Le Dréan, Jonas Kuratli
– Preis: Fr. 54.— bei hochparterre-buecher.ch

«Zukünftig sollte Naturstein wieder normal für Wohnbauten sein. Den Beton sollten wir für öffentliche Bauten mit grossen Spannweiten verwenden.» Das sagt Thibaut Barrault in der Rue Oberkampf 62 nahe der Place de la République. 2017 hat sein Büro Barrault Pressacco hier ein Wohnhaus mit tragender Natursteinfassade, Hanfkalkdämmung, Brettsperrholz-Decken und Stahl gebaut. Gekonnt vermittelt die Fassade zwischen den Häusern der Faubourg – jene einfachen Häuser der von Paris geschluckten Vorstädte – und der üppig-wulstigen Bürgerhäuser der Haussmann’schen Ära, zwischen deren Exponenten es steht. Über dem Sockel aus Beton erheben sich gleichmässige Lagen aus dem 380 Kilometer entfernten Brétignac. Elegant zeichnet das Relief Fenstergewände und Stürze in die Fläche.

7000 Wohnungen und die Liebe zur Imperfektion
Parallel zur Planung an der Rue Oberkampf kuratierten Barrault Pressacco 2018 die Ausstellung ‹Stone› im Pavillon de l’Arsenal in Paris. Sie versammelten Informationen zu Steinbrüchen und Projekten, rechneten CO₂-Bilanzen – für eine komplette Fassade 40 Prozent weniger als bei der Betonalternative – und schlussfolgerten: Die zehn grossen Steinbrüche, die den weichen Kalkstein im Becken um Paris abbauen, könnten jährlich 60 000 bis 90 000 Kubikmeter Mauersteine liefern. Das würde für 7000 Wohnungen reichen, also für zehn Prozent der Bautätigkeit. Ein relevanter Beitrag. «Damit das gelingt, müssen wir den Stein verstehen», sagt Barrault. «Wie jedes Material ist auch Stein nicht perfekt. Wir müssen ihn akzeptieren wie einen Menschen, den wir in all seiner Imperfektion lieben.»

«50 statt nur 25 Prozent des Steins nutzen»
Seit dem ersten Projekt und der Ausstellung hat sich der französische Naturstein-Hype beschleunigt. Allein in Paris sind mehrere und grosse Projekte im Bau. Auch Barrault Pressacco planen eine grosse Siedlung mit bis zu zehn Geschossen. Während das Haus an der Rue Oberkampf eher teuer ist, gilt hier ein harter Kostenrahmen. Kann das gelingen? Barrault spricht von einem Dialog mit dem Stein und den Steinbrüchen: «Bei unserem ersten Projekt haben wir weit entfernten Stein transportiert, kompliziert geneigte Schnitte geplant und jede Lage gleich hoch gezeichnet. Wir wussten es damals nicht besser. Im neuen Projekt dagegen verwenden wir zwei verschiedene Steine, die weniger als 100 Kilometer entfernt abgebaut werden. Die Höhe der Lagen passen wir an die Schichtung der Steinbrüche an. Dadurch können wir den Abfall reduzieren und hoffentlich 50 statt nur 25 Prozent des Steins nutzen.» Dann schwärmt Barrault von der kürzlich eröffneten Hightechfabrik seines Lieferanten. Mit Röntgenstrahlen und Infrarot plant dieser den Abbau. Viele Arbeitsschritte sind automatisiert, die Planung und Logistik digital. Die Zukunft des tragenden Steins, so scheint es, hat begonnen.
 

Genf – Hybrider Hightechstein und was zum  Schweizer Durchbruch fehlt

Verglichen mit der Menge an Bauten und Baustellen in Frankreich liegt die Schweiz noch zurück. Doch das Genfer Büro Archiplein hat zusammen mit Perraudin in der Vorortgemeinde Plan-les-Ouates eine Siedlung mit Natursteinfassaden und -wänden gebaut. Seither zählt Stein zur Kernkompetenz des Büros. Gründer Francis Jacquier sagt: «Wir gewinnen mit Stein Wettbewerbe. Tolle Leute wollen wegen Steinprojekten bei uns arbeiten. Im Stein kommen Themen zusammen, die uns interessieren: eine Kontinuität mit der Geschichte und ein sorgsamer Umgang mit Ressourcen, Klimaschutz und Baukultur.»

Wir treffen uns in den Ausläufern des französischen Jura, wo Archiplein ein Kapuzinerkloster zur Künstlerresidenz umgebaut und mit einer prächtigen Terrasse und Galerie zum Garten erweitert haben. Eine Preziose. Auf der Fahrt nach Genf diskutieren wir vor allem zwei Fragen. Erstens: Wie muss man mit Stein bauen? Jacquier überlegt kurz und erklärt: Stein sollte man auf Druck belasten. Aus ökonomischen Gründen sollten die Steine möglichst gross sein. Der Mörtel muss weicher als der Stein sein, um überschüssige Kräfte aufzunehmen. Wo Wasser stehen, gefrieren und platzen kann, etwa bei Fensterbänken, ist harter Stein wichtig. Das gilt auch für Gesimse, die das Wasser bremsen, damit die Fassade nicht erodiert.

Normen voller Dummheiten
Und zweitens: Was sind die Hindernisse für die Skalierung des Steinbaus in der Schweiz? Nun überlegt Jacquier länger. Dann spricht er über Normen. Die Norme française und die Eurocodes seien voller Dummheiten. Bei einem aktuellen Projekt müssten sie – weil Stein nicht als Windschutz gilt – hinter dem Mauerwerk eine Putzschicht aufbringen. «Diese besteht aus demselben Kalk wie der Mörtel der Fugen, die zwischen den armdicken Steinquadern liegen.» Als er das sagt, schüttelt er den Kopf. Auch in der Schweizer Mauerwerksnorm gebe es zahllose Regeln, die eher für Backstein als für Naturstein sinnvoll seien. Aber davon liesse sich immerhin einfacher abweichen. «Die Hauptprobleme liegen andernorts», sagt er schliesslich, «beim Mindset von Architektinnen und Bauherrschaften – und bei den Steinbrüchen. Die Verfügbarkeit der Ressourcen ist der Flaschenhals für die Skalierung. Wollte ich zeitgleich vier Siedlungen wie in Plan-les-Ouates bauen, wäre es unmöglich, den richtigen Stein in der richtigen Qualität und Menge zur richtigen Zeit zu bekommen.»

Die hybride Zukunft ist schlank und luftig
Zwei Stunden später stehen wir an der Rue Coulouvrenière in Genf. Direkt an der Rhone und gegenüber der Insel, wo die Headquarters von Banken-Anlageberatern stehen, baute die Fondation Nicolas Bogueret ein soziales Haus auf dem Boden des Kantons. Im Erdgeschoss liegt eine Werkstatt zur Reintegration von Erwachsenen in den Arbeitsmarkt, darüber Sozialwohnungen. Die Fassade reagiert feinfühlig auf die Umgebung, betont die Vertikalität der Stirnseite, gibt sich strassenseitig im Erdgeschoss geschlossener und zum Fluss offener. Insgesamt ist sie leichter, luftiger als die der meisten anderen Steinbauten.

Das Treppenhaus ist eine konstruktive Erfindung. Die Brettsperrholz-Decken liegen nur hier und auf den Fassaden auf. Vor allem aber besorgt das Treppenhaus zusammen mit der Seitenwand die Aussteifung, die aufgrund der Erdbebensituation in Genf anspruchsvoller ist als in Lyon oder Paris. «In Plan-les-Ouates löst die reine Masse der dicken Quader das Problem», sagt Francis Jacquier. «Hier haben wir nur 23 Zentimeter schlanke Chauvigny-Quader verwendet. Wie der Sireuil an der Fassade stammt dieser aus Westfrankreich, er ist mit 55 Megapascal Druckfestigkeit aber fünf Mal stärker. Ausserdem haben wir das Mauerwerk mit elf Gewindestangen aus Stahl vertikal nachgespannt.»

Der archaische Purismus des Pioniers Perraudin fasziniert durch die gewaltige Kraft grosser Steinquader. Doch in Paris klang an, was hier in Genf offensichtlich wird: Undogmatisch und hybrid gibts noch viel mehr zu entdecken. Der Schweizer Natursteinbau hat erst begonnen.


 

Mallorca – Von der Tradition über Jørn Utzon zum klimagerechten Bauen

Text: Niklas Nalbach – Der Architekt arbeitet am Karlsruher Institut für­ Technologie ( KIT ) bei der Pro­fessur Stadt und­ Wohnen von Christian Inder­bitzin. Im Juni 2025 führte diese die Seminarreise ‹Islas Baleares› mit dem Segelschiff durch.

Eine kühle Brise weht aus dem Steinbruch bei Porreres, im Landesinnern von Mallorca. Jahrhundertealte Abbauspuren bezeugen, wie der gelbbeige Kalkstein Marès die Architektur der Balearen prägte. Als in Palma die Kathedrale La Seu und der Almudaina-Palast gebaut wurden, genügte eine Hacke für den Abbau des weichen Steins. Heute macht das eine Säge.

Die einstige Seehandelsbörse La Lonja lädt dazu ein, sich zwischen den gotischen Spiralsäulen von der Hitze Palmas zu erholen. Die Porosität des Steins sorgt für eine angenehme Temperatur und Akustik. Trotz dieser bauphysikalischen Qualitäten, standardisierter Abbaumasse und der nahen Verfügbarkeit setzte sich in den Jahrzehnten des Tourismusbooms, der mit den Charterflügen der 60er-Jahre begann, eine industrielle Betonbauweise durch. Wie vielerorts verdrängten billige Transporte und die Vorstellung eines ‹International Style› auch auf Mallorca die traditionellen Konstruktionstechniken. 

Im Meer identitätsloser Hotelblöcke bildet Jørn Utzons Ferienhaus Can Lis einen Gegenpol. 1971 fertiggestellt, reiht sich das Ensemble aus Pavillons und Gartenmauern, Veranden und Terrassen an der südöstlichen Steilküste der Insel auf. Die rauen und porösen Marès-Sandsteinblöcke formen die dicken Wände und Säulen. Ebenfalls lokal, jedoch härter ist der Santanyí-Sandstein für die von innen nach aussen laufenden Böden. Zwischen den Betonfertigteilträgern der Decke liegen gebogene Tonplatten, die Bovedillas Mallorquinas. Zu einer massiven Decke mit Beton vergossen, trägt der Dachaufbau aktiv zum sommerlichen Wärmeschutz bei. Die aufgesetzten Fensterrahmen aus lokaler Pinie vervollständigen die tektonische Collage aus traditionellen und industriellen Materialien.

Nach seiner Rückkehr aus Australien baute Jørn Utzon auf Mallorca die Can Lis im Namen seiner Frau. Im Billiginternationalismus bildet das Haus aus balearischem Santanyí-Sandstein und industriellen Materialien einen Gegenpol. 

Avinguda Jørn Utzon 80B, Porto Petro, Spanien
– Bauherrschaft: Familie Utzon Fenger, Kopenhagen
– Architektur: Jørn Utzon, Kopenhagen
– Steine: Marès & Santanyí (Mallorca)
– Foto: Alex Dormon

Kalksteine als tragende Wandkonstruktion
Seit einigen Jahren bekommt Can Lis gute Gesellschaft. Durch die Folgen des Übertourismus – Wohnungsnot, Umweltbelastung und Identitätslosigkeit – geniessen traditionelle Baumethoden zunehmende Aufmerksamkeit. Im Zentrum dieser Entwicklung steht das Instituto Balear de la Vivienda, kurz IBAVI, das Sozialwohnbauten entwickelt und verwaltet. Die Behörde betreibt ein aufwendiges ‹resource mapping› über regionale Materialien und die sie verarbeitenden Handwerksbetriebe auf der Insel. Auf dieser Grundlage entstanden Dutzende Projekte, die volkstümliche Bautechnik mit heutigen Komfortansprüchen vereinen, dabei CO₂ sparen, das lokale Baugewerbe fördern und Identität stiften. Derzeit untersucht das Institut unter anderem Seegras als Dämmstoff, Holz für die Decken sowie Lehmziegel und Kalksteine als tragende Wandkonstruktionen.

Hybride und spezifisch balearische Baukultur
Die meisten IBAVI-Neubauten entwerfen unabhängige Architekturbüros wie TEd’A oder Harquitectes. Das Wohnhaus in der Calle Salvador Espriu in Palma dagegen bauten die hauseigenen Architekten 2021. Kräftige Marès-Kalksteine bilden die tragende Struktur des zweigeschossigen Längsbaus. Die Aussenwände bestehen aus einer äusseren Vormauerschale, einer Dämmung aus rezyklierter Baumwolle, einer wasserfesten Membran und einem inneren Hintermauerwerk. Dahinter liegen acht durchgesteckte Wohnungen. Dank Querlüftung und Holzklappläden ist die Raumtemperatur angenehm – ganz ohne Technik, dafür mit reichlich Speichermasse und kluger Konstruktion. Wie bei der Can Lis ergänzen sich auch an der Calle Salvador Espriu industrielle Bauweisen und massive Steinwände: Unter den Tonziegeln in traditioneller Mönch- und Nonnendeckung dämmt Neptungras das hölzerne Satteldach. Innen tragen gemauerte Pfeiler die Lasten der Deckengewölbe aus Beton. Mit Lehm verfüllt und mit Marès bekleidet, entsteht so eine hybride und spezifisch balearische Baukultur.

Heute verbindet das Instituto Balear de la Vivienda (IBAVI) volkstümliche Bautechniken mit heutigen Komfortansprüchen. Die 19 Social Housing Units sind ein Paradebeispiel für klimafreundliches, passives und regionales Bauen.

Calle Salvador Espriu 37, Palma de Mallorca
– Bauherrschaft: IBAVI (Instituto Balear de la Vivienda)
– Architektur: Carles Oliver, Antonio Martín, Xim Moyà, Alfonso Reina Ferragut
– Steine: Marès (Mallorca)
– Foto: José Hevia

Kommentare

Kommentar schreiben