Niklaus Reichle, 35, ist Soziologe an der Universität St. Gallen. Er pendelte ein halbes Jahr mit seinem E-Bike von Rorschach nach St. Gallen und forschte darüber, wie Planer Velostädte planen.
In Zusammenarbeit mit Energie Schweiz

«Das E-Bike plättet das Terrain»

Dank seinem Elektrovelo erhielt Niklaus Reichle zweimal dreissig Minuten am Tag, in denen er endlich einmal nichts tat. Ausser Velo fahren. Und denken.

«Ehrlich gesagt gehörte ich zu den Menschen, die E-Bikes doof finden. Ich hatte die Vorstellung, dass das nur etwas für Menschen ist, die nicht gerne Velo fahren, und dass einem der Motor alle Arbeit abnimmt. Dann kaufte sich meine Frau ein E-Bike, das ich immer öfter auch nahm, um mit meinem Sohn an den Fluss zu fahren oder sonst irgendwohin in die Natur. Irgendwann benutzte ich meinen alten Renner kaum mehr. Ich war E-Bike-Fahrer geworden. Und das wird man nicht mehr so schnell los.

Als wir im Mai des letzten Jahres nach Rorschach zogen, kaufte ich mir dann selbst ein E-Bike, um zur Arbeit nach St. Gallen zu fahren. Dank der Unterstützung bis 25 km / h benötige ich für die Strecke bergauf dreissig Minuten: dreissig Minuten, in denen die schlechte Laune verschwindet, in denen Gedanken kommen, die ich vor dem Computer nicht habe. Denn dass ich bei der Arbeit zehn Minuten einfach nur nachdenke, gibt es kaum. Alles Mögliche lenkt mich davon ab. Meistens denkt man schon an die nächste Aufgabe oder füllt die Zeit mit irgendetwas. Im Zug krame ich sogar für eine Viertelstunde schnell etwas zum Lesen oder Arbeiten hervor, obwohl das meistens nicht viel bringt. Auf dem E-Bike dagegen kann ich nichts googeln und auch nichts aufschreiben. Dafür passiert etwas im Kopf. Wenn ich bei der Uni ankomme, brauche ich immer Zeit, um das festzuhalten.

Bei meiner Arbeit als Soziologe habe ich mich mit Velos auseinandergesetzt. In einem Forschungsmodul beschäftigten wir uns mit der Veloinfrastruktur der Stadt St. Gallen und der Frage, wie Planer Velostädte konzipieren. Die Inputs der Planer machten mir bewusst, dass viele auf dem Velo die Signaletik nur bedingt wahrnehmen, sie nicht verstehen oder schlicht ignorieren. Im Grunde ist das wenig erstaunlich. Ist die Veloinfrastruktur so lückenhaft wie in St. Gallen, gewöhnt man sich daran, seine eigenen Wege zu suchen. Man übersieht gekennzeichnete Velorouten, fährt ab und zu auf dem Trottoir oder über ein Rotlicht.

«Seit ich ein Elektrovelo besitze, habe ich keinen Bock mehr auf den öffentlichen Verkehr»

Was ich auch gemerkt habe: Seit ich ein Elektrovelo besitze, habe ich keinen Bock mehr auf den öffentlichen Verkehr und auf einen Fahrplan, der mir etwas diktiert. Von Rorschach bin ich oft um 22 Uhr noch zu meinen Freunden in die Stadt gefahren und um zwei Uhr morgens wieder zurück, unabhängig vom Wetter. Und entgegen meiner Annahme habe ich mich mit dem E-Bike viel mehr bewegt als mit meinem Schönwettervelo.

Nun ist meine Zeit als E-Bike-Pendler schon wieder vorbei, weil ich mit meiner Familie zurück in die Stadt gezogen bin. Dennoch benutze ich das Elektrovelo weiterhin. St. Gallen ist ja noch keine richtige Velostadt, nicht zuletzt wegen der Hügel. Mit dem E-Bike spielt das keine grosse Rolle. Es plättet das Terrain.»

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