Vertikales und horizontales Grün

Sieben Pflanzensäulen im Atrium, ein renaturierter Flusslauf, ein urbaner Pausenplatz und ein Parkplatz, der Hitze schluckt – die vier Grünräume des Forschungszentrums in Kemptthal ergänzen sich.

Fotos: Georg Aerni
In Zusammenarbeit mit Bauart

«Die Begrünung der zwölf Meter hohen Pflanzsäulen haben wir ein Jahr lang unter widrigsten Bedingungen getestet: In der lichtarmen Mensa in einem benachbarten Fabrikbau hat sich gezeigt, wer zu den robustesten Typen der Innenbegrünung gehört», erzählt Stefan Schrämmli schmunzelnd. Es waren Pflanzen wie Graslilie, Pfeilwurz oder Känguru-Farn, die den unkonventionellen Härtetest des Landschaftsarchitekten bestanden. Diese Alleskönner hat der Innengrün-Spezialist nach ihrem Aussehen und ihrem Wachtumstyp, etwa horstig, hängend oder kletternd, über die sieben Pflanzsäulen im Forschungszentrum von Givaudan in Kemptthal verteilt.

Weder duften noch summen
«Die exotisch bepflanzten Säulen sollen auch im Inneren einen Naturbezug herstellen», erklärt Corinne Vogel, die das Projekt bei Krebs Herde Landschaftsarchitekten geleitet hat. «Gleichzeitig erinnern sie an die Ursprünge der Duft- und Aromaforschung.» Weil die feinen Forschernasen aber nicht durch fremdartige Gerüche abgelenkt werden dürfen, darf dieser vertikale Garten weder duften noch summen. Zu einem besseren Mikroklima, zur Luftreinigung und zu einer sinnlichen Raumatmosphäre leisten die skulpturalen Grünsäulen aber sehr wohl einen Beitrag.

Eineinhalb Meter lange Segmente mit jeweils eigener Entwässerung sind zu Pflanzensäulen gestapelt, die eine Höhe von bis zu zwölf Metern erreichen. Die Beleuchtung versorgt die Pflanzen mit Lichtspektren, die nicht durchs Glasdach dringen.

Unsichtbare Technik, viel Pflanzen-Know-how
«Beispiele für Vertikalgrün an Innenwänden gibt es vielerorts, aber die Säulenform ist eine Neuentwicklung», erklärt Schrämmli. Denn diese Hors-sol-Natur muss speziell geschützt, gepflegt und genährt werden. Etwa Belichtung und Bewässerung müssen speziell gelöst werden. Anspruchsvoll ist auch der Umgang mit schädlichen Pilzen. Deshalb hat der Landschaftsarchitekt den Aufbau der Säulen jeweils in 1,5 Meter lange Säulensegmente mit jeweils eigener Entwässerung unterteilt. So soll sich kein Schadpilz von einem in 11 Metern Höhe wachsenden Känguru-Farn an eine fünf Meter weiter unten wachsende Graslilie übertragen. Speziell entwickelt wurde auch eine hopfenförmige Beleuchtung, die die Pflanzen unter anderem mit dem Lichtspektrum versorgt, das durch die Isolierverglasung des Atriumdachs herausgefiltert wird.

Wo früher Parkplätze bis ans kanalisierte Bachbett der Kempt reichten, lädt heute ein grosser Uferstreifen alle Nutzer des Maggi-Areals zur Mittagspause, zum Freiluft-Meeting oder zum Picknick ein.

Rückeroberung des Ufers
Im Gegensatz zur abstrakten, fast schon musealen Innenbegrünung steht der direktere und handfestere Umgang mit dem Grünraum rund ums Forschungszentrum. Gleich gegenüber dem Eingang etwa, wo früher Parkplätze bis ans kanalisierte Bachbett der Kempt reichten, lädt heute ein doppelt so grosser Uferstreifen alle Arealnutzer zur Mittagspause, zum Freiluft-Meeting oder zum Picknick ein. Diese durchlässige, mit Pionierpflanzen und Auengehölzen bepflanzte grüne Kulisse hat auch eine wichtige städtebauliche Funktion: Sie führt die markante Arealachse über den Knick weiter. Die rund 2500 Quadratmeter grosse Auenlandschaft ist in der Breite von steinernen Sitzstufen und in der Länge von einem Pfad durchsetzt. Fussweg und direkter Wasserzugang waren nur im Gegenzug zu einer ökologischen Aufwertung des Gewässers in Zusammenarbeit mit dem Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich möglich. Den Lauf der Kempt haben die Landschaftsarchitekten in Zusammenarbeit mit den Spezialisten der Flussbau AG leicht mäandriert, Steinblockhaufen und Wurzelstöcke werden dafür sorgen, dass sich das Wasser mit der Zeit seinen eigenen Weg sucht. In ein paar Jahren soll hier ein wilder «Stammwald» mit Blickfenstern auf den Fluss, Aufweitungen und hoher Biodiversität entstehen – ein schöner Gegensatz zu den domestizierten Grünsäulen im Atrium.

Steinerne Sitzstufen machen den ehemals wilden Ufer- zum lauschigen Pausenraum. In ein paar Jahren soll hier ein dichter «Stammwald» mit Blickfenstern auf den Fluss, Aufweitungen und hoher Biodiversität entstehen.

Urbane Baumfelder
Als drittes und viertes Element in diesem Freiraum-Puzzle flankieren zwei urbane, grafisch gestaltete Baumfelder die Stirnseiten des Forschungszentrums. Auf der Südseite markiert ein offener Asphaltplatz den neuen Eingang zum Areal und zum Gebäude. Die elegante dunkle Fläche ist von langen, wie Schwemmholz angeordneten Pflanzbändern durchsetzt. Darin werden Stauden je nach Saison für ein abwechslungsreiches Farbenspiel sorgen. Eine Handvoll schöner Gleditschien sorgen im Sommer für Schatten auf den Sitzmauern zwischen den Pflanzbändern und im Winter für ein Schattenspiel auf der geschlossenen Klinkerfassade. «Givaudan hat die Wünsche an die Aussenräume in Mitarbeiterworkshops gesammelt. Viele haben sich einen urbanen Platz für die Mittags- und Znünipause gewünscht. So sieht unsere Antwort darauf aus», erklärt Corinne Vogel lachend.

Unten der renaturierte Flusslauf, links der urbane Pausenplatz und rechts der Parkplatz, der Hitze schluckt. Die Grünräume sind sehr unterschiedlich und bilden trotzdem ein grosses funktionales Ganzes.

Das Baumfeld auf der gegenüberliegenden Seite ist aufgrund des Gefälles um ein Geschoss über der Hauptachse gelegen. Es ist weniger frei geordnet. In Gruppen strukturieren Gleditschien den weiten Mitarbeiter- und Besucherparkplatz, der sich zwischen dem Forschungszentrum und dem ebenfalls von Givaudan genutzten Bürobau erstreckt, den die Architekten Ernst Niklaus Fausch Partner aufgestockt haben. Auch dort sind Pflanzbänder in den Boden gelassen, nur haben sie eine andere Aufgabe: Sie sorgen dafür, dass die Autos nicht zu nah ans Gebäude kommen, denn Strassenraum haben die Landschaftsarchitekten nicht markiert. Chaussierte Parkfelder sorgen dafür, dass leere Parkplätze im Sommer nicht zu viel Hitze produzieren. Ladestationen für Elektroautos und für Fahrgemeinschaften vorreservierte Plätze appellieren ans ökologische Engagement und Gewissen der Mitarbeitenden und zeigen, dass der Bauherr es ernst meint mit der Wertschätzung der Natur.

Dieser Artikel ist Teil des Themenfokus «Sinnliche Forschung», den Hochparterre in Zusammenarbeit mit Bauart Architekten und Planer zum Forschungszentrum von Givaudan in Kemptthal erstellt hat.

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