Auf ein Minimum reduziert

Im Zentrum des Hawa Student Awards 2020 stand das Wohnen auf wenig Grundfläche. Gesucht waren intelligente Lösungen für 250 bis 300 Mini-Apartments auf dem Areal des Fernbusbahnhofs in Zürich.

Fotos: Sophie Stieger
In Zusammenarbeit mit Hawa Sliding Solutions

Im Zentrum des Hawa Student Awards 2020 stand das Wohnen auf wenig Grundfläche. Gesucht waren intelligente Lösungen für 250 bis 300 Mini-Apartments auf dem Areal des Fernbusbahnhofs in Zürich.

Zunehmende Individualisierung, Bevölkerungswachstum in den urbanen Zentren und teilen statt besitzen: Diese drei gesellschaftlichen Trends haben Einfluss auf unsere künftige Art zu wohnen. Sie verlangen nach neuen architektonischen Lösungen, und weil veränderte Anforderungen immer auch eine Chance für alternative bauliche und planerische Ansätze sind, boten sie eine spannende Ausgangslage für den Hawa Student Award 2020.

Die Tendenz zur Individualisierung zeigt sich auch an der zunehmenden Zahl von Singlehaushalten. So lebt aktuell in fast einem Drittel der Schweizer Haushalte nur eine Person. Bis ins Jahr 2040 soll diese Zahl gemäss Prognosen von 1,3 auf 1,7 Millionen steigen. Waren es früher vor allem ältere, verwitwete Frauen, sind es heute in erster Linie Frauen und Männer aus der Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen, die selbst gewählt allein leben.

Der Busbahnhof Zürich ist nicht nur eine zentral gelegene Baulandreserve, sondern auch eine Verkehrsdrehscheibe: Von hier aus geht es nach Florenz, Prag, Berlin, Wien oder Paris.

Der Trend zum Leben in der Stadt hält seit Längerem an. Er lässt sich an der Bevölkerungsentwicklung der grösseren Städte der Schweiz ablesen. So lebten in den 1990er-Jahren in der Stadt Zürich 360 000 Menschen, heute sind es 434 000, und die Prognosen für 2035 gehen von 505 000 aus. Gesamtschweizerisch wird die Bevölkerung gemäss den aktuellsten Voraussagen von heute acht auf bis zu elf Millionen Menschen im Jahr 2045 anwachsen. Klar ist: Einen Grossteil dieses Wachstums werden die urbanen Zentren auffangen. Diese Verlagerung führt einerseits zu Nachverdichtung, andererseits aber auch zu einer Reduktion der Wohnungsgrössen. Die starke Nachfrage nach zentral gelegenem Wohnraum lässt die Preise in den Zentren schon heute deutlich steigen.

‹Microliving› statt Status
Parallel zum Städtetrend nimmt die Wichtigkeit der Wohnungsgrösse als Statussymbol ab. Immer mehr Menschen sind bereit, zugunsten einer zentralen Lage auf Wohnfläche zu verzichten. Die Wohnung muss weniger repräsentieren, sondern vielmehr funktionale Bedürfnisse erfüllen: schlafen, Körperpflege, essen, privater Rückzugsort. Alles andere – etwa Homeoffice, Gästezimmer, Bereiche zum Ausspannen oder eine Terrasse – teilen unterdessen viele Menschen gerne mit anderen Hausbewohnern. Die Reduktion der Wohnfläche funktioniert aber nur zufriedenstellend, wenn der Wohnraum in einem lebendigen Umfeld liegt und eine optimale Infrastruktur mit gutem Anschluss an den öffentlichen Verkehr bietet.

Der Begriff ‹Microliving› fasst die Trends für das Wohnen zusammen. Er umfasst auf ein Minimum reduzierte, flexibel nutzbare Wohnungen für Singles oder Paare. Für die Realisierung solcher Projekte eignen sich in erster Linie zentral gelegene Grundstücke – und zwar auch solche, die aufgrund der Lärmbelastung für den klassischen Wohnungsbau wenig attraktiv sind.

Situationsplan Bauparzelle

Diese Kriterien erfüllt das Areal des Fernbusbahnhofs Zürich. Er liegt mitten in der Stadt nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt gegenüber dem Platzspitzpark und ist auch mit der Strassenbahn gut erschlossen. Die Wettbewerbsteilnehmer hatten die Aufgabe, für das rund 7000 Quadratmeter grosse Gelände 250 bis 300 ‹Microliving›-Apartments zu entwerfen, sie in einem oder mehreren Wohngebäuden anzuordnen und den Busbahnhof im Erdgeschoss zu integrieren.

Das Grundstück und das umfangreiche Raumprogramm stellten auch städtebauliche Fragen: Wie die Baukörper auf dem Areal verteilen?

Kleine Flächen mit hoher Qualität
Gesucht waren gute Lösungen sowohl für Kleinwohnungen als auch für gemeinschaftliche Räume. Die Entwürfe sollten zeigen, dass die Apartments trotz kleiner Fläche viel Wohnwert bieten und sich flexibel an die Wünsche von unterschiedlichen Bewohnerinnen und Bewohnern anpassen lassen. Bei den gemeinsam genutzten Räumen stand die hohe Aufenthaltsqualität im Vordergrund. Das Grundstück und das umfangreiche Raumprogramm stellten aber auch städtebauliche Fragen: Wie die Baukörper auf dem Areal verteilen? Wie in das städtebauliche Umfeld einfügen? Wie mit den nahen Tramhaltestellen und dem Bahnhof verknüpfen? Und wie die Zu- und Wegfahrt der Busse im Erdgeschoss lösen?

Dieser Artikel ist Teil des Themenfokus «Alleine wohnen, miteinander leben», den Hochparterre in Zusammenarbeit mit Hawa Sliding Solutions zum Hawa Student Award 2020 erstellt hat.

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