Vier Kommentare zur Zuger Raumentwicklung

Fachpersonen kommentieren die Zuger Raumentwicklung aus Sicht von Landschaft, Politik, Mobilität und Raumplanung.

In Zusammenarbeit mit dem Kanton Zug

Fachpersonen kommentieren die Zuger Raumentwicklung aus Sicht von Landschaft, Politik, Mobilität und Raumplanung.

Marcel Muri: Raum für Experimente

Aufgrund der kleinen Anzahl von Gemeinden ist der Kanton Zug sehr überschaubar. Die Wege sind kurz, der Umgang unkompliziert. Auf die Bedürfnisse und die Eigenheiten der Gemeinden wird Rücksicht genommen. Das schafft Raum für Experimente. In Unterägeri konnten wir als Ortsplaner eine sogenannte ‹Zone +› einführen. Um räumlich sinnvoll zu verdichten, haben wir in Kernzonen im 3-D-Modell Neubauvolumen von Hand entworfen. Die resultierende Ausnützung beträgt unter Umständen ein Vielfaches der Nachbarparzelle. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, haben wir Entschädigungen für Näherbaurechte und für die Mehrausnützung vorgeschlagen. Am Schluss war das jedoch gar nicht nötig, um eine Mehrheit von der ‹Zone +› zu überzeugen. Nun können im Ortskern von Unterägeri bis zu 300 zusätzliche Wohnungen entstehen. Der Kanton hat sich dabei sehr konstruktiv gezeigt und sich den bürokratischen und juristischen Herausforderungen gestellt.

Marcel Muri ist Architekt und Raumplaner. Er ist Gründer des Planungsbüros Keeas, das er bis 2023 mit seiner Partnerin geführt hat. Seit 2023 berät er mit seinem Unternehmen Nokema Gemeinden hinsichtlich Raum- und Wirtschaftsentwicklung.

 

Michèle Willimann: Wo kein Wille, da keine Verkehrswende

Die Stadtbahn Zug war zukunftsweisend – die Stadtentwicklung profitiert noch immer von den zusätzlichen Haltestellen. Bevölkerung und Verkehr haben aber seither stark zugenommen. Auch wenn das Verkehrsproblem kleiner ist, als es gemeinhin dargestellt wird: Viele Strassen werden vom MIV beherrscht – stehend oder rollend. Es fehlt jedoch der Mut, sich ernsthafte Gedanken über eine zukunftsfähige Mobilität zu machen. Hoffentlich wird sich das mit der ÖV-Strategie 2040 ändern. Stattdessen haben wir bereits zum dritten Mal über einen Stadttunnel abgestimmt und diesen – zur grossen Überraschung aller – klar versenkt. An anderen Umfahrungsstrassen wird fleissig gebaut, obwohl man weiss, dass diese nur noch mehr Verkehr schaffen. In der Stadt Zug liegt das Grundproblem darin, dass alle Verkehrsmittel gleich behandelt werden, obwohl der MIV historisch stark begünstigt wurde und als ineffizientes Verkehrsmittel viel mehr Fläche benötigt als andere. Diese Gleichbehandlung verhindert die Verlagerung der Strassenflächen vom MIV zum Fuss- und Veloverkehr und damit eine zukunftsgerichtete Mobilität.

Michèle Willimann hat an der ETH Zürich Raumentwicklung und Infrastruktursysteme studiert. Sie ist Verwaltungsrätin und Projektleiterin bei Stadtlandplan in Luzern und war von 2018 bis 2024 für die Alternative – die Grünen Zug Mitglied des Grossen Gemeind

 

Rita Illien: Freiräume sind nicht nur Privatsache

Im Kanton Zug achtet die öffentliche Hand sehr darauf, dass freiräumliche Qualitäten vom Wettbewerb bis zur Realisierung erhalten bleiben. Im Rahmen unserer Mitarbeit an vielen Projekten in der Zuger Stadtlandschaft, unter anderem am Papieri- und am V-Zug-Areal, haben wir diese Haltung immer wieder erlebt und geschätzt. Auch in den ländlicheren Gebieten gibt es gute Beispiele für den feinfühligen Umgang mit dem Freiraum, etwa den Lorzenweg zwischen Cham und Hagendorn. Ein schwer lösbarer Widerspruch besteht – in Zug und in der ganzen Schweiz – beim Freiraum auf privatem Grund. Rechtlich ist er Privatsache. Aufgrund seiner Gesamtfläche und seiner Auswirkungen auf Ortsbild, Siedlungsökologie und Stadtklima ist er jedoch von hohem öffentlichem Interesse. Das betrifft nicht nur Gärten, die teilweise eher Steinwüsten sind, sondern auch die starke Nutzung des Untergrunds: Wo Tiefgaragen das ganze Grundstück belegen, haben grössere Bäume keine guten Wachstumsbedingungen und fallen zu früh der baulichen Sanierung zum Opfer.

Rita Illien ist Landschaftsarchitektin und führt seit 2008 gemeinsam mit Klaus Müller das Büro Müller Illien in Zürich.

 

Florian Weber: Lösungen für mehr Wohnraum

Wir sind ein offener und dynamischer Kanton. Schöne Landschaften, eine starke Wirtschaft, eine hohe Lebensqualität, eine dienstleistungsorientierte Verwaltung und gute Anbindungen machen Zug attraktiv. Bereits in den 1970er-Jahren hat der Kanton Siedlungsbegrenzungslinien festgelegt, um die Landschaft zu schützen und die Naherholungsgebiete zu erhalten. Zu den aktuellen Herausforderungen gehören die Wohn- und die Mobilitätspolitik. Weitsichtiges Handeln ist auch heute gefragt, denn der Wohnungsmarkt ist schweizweit und auch im Kanton Zug angespannt. Staatliche Eingriffe müssen gut überlegt und für künftige Generationen tragbar sein. Mit der ‹Wohnpolitischen Strategie 2030› will der Regierungsrat mehr Wohnungen generell, mehr preisgünstige Wohnungen und mehr Wohnraum für die ansässigen Zugerinnen und Zuger schaffen. In diesem Prozess prüfen wir auch unkonventionelle, neue Wege wie die ‹weissen Zonen›, in denen temporär schneller gebaut werden könnte. Unser Ziel ist es, die Infrastruktur auszubauen, die Lebensqualität zu erhalten und eine gute Erschliessung zu gewährleisten. Nur mit einer ganzheitlichen Betrachtung können wir ein zeitgemässes und leistungsfähiges Verkehrsmanagement erreichen.

Florian Weber ist seit 2019 Baudirektor und derzeit Statthalter im Regierungsrat des Kantons Zug. Von 2011 bis 2018 war er für die FDP im Kantonsrat. Als gelernter Elektromonteur bildete er sich zum Telematiker und schliesslich zum Wirtschaftsinformatiker

Kommentare

Kommentar schreiben