Regula Iseli, Daniel Kurz, Christina Schumacher, Tamino Kuny und Philippe Koch an der Buchvernissage Fotos: Gabriela Projer

Zürich und die Ära Koch

Zürich lebenswert umbauen – 130 Personen kamen an die Buchvernissage. Ursula Koch hat die Stadt verändert und wir lernen: Ein Weitermachen wie bis anhin war damals und ist heute nicht zukunftsfähig.

Welche Stadt wollen wir, wer plant sie und wem gehört sie? Antworten suchen wir heute noch – im Grossen wie im Detail. Die Fragen beschäftigten auch Ursula Koch, die von 1986 bis 1998 für die SP im Stadtrat von Zürich sass. An der Vernissage des Buchs «Zürich lebenswert umbauen», in dem es um die Ära Ursula Koch geht, sprach Mitautorin Regula Iseli am Montag von einer prägender Zeit. Jugendunruhen, besetzte Häuser, illegale Bars, Drogenszene – bewegte Jahre, die aber auch eine Reaktion auf eine Stagnation waren. Zürich war eine der «AAA-Städte», wo nur noch Arme, Alte und Arbeitslose wohnen blieben, so die Stimmung. Was wir uns zurzeit fast nicht mehr vorstellen können: Es gab eine «Stadtflucht». Wer es sich leisten konnte, zog in die Agglomeration.

Unbestritten ist heute, dass Ursula Koch als Vorsteherin des Baudepartements den Wandel der Stadt prägte. Aber wie machte sie das? Das Buch soll die Geschichte ohne Klischees erzählen, so Iseli. Die umstrittene, aber mit jeweils Bestresultaten wiedergewählte Stadträtin, führte Planungsinstrumente ein, die heute selbstverständlich sind. Ganz bestimmt war sie keine «Bauverhinderin», wie sie Bürgerliche oft darstellten und ihr dabei das berühmte Zitat «Die Stadt ist gebaut» anhängten. Im neuen Buch können wir das vollständige Zitat im Original nachlesen. Vor der SIA-Hauptversammlung von 1988 sagte sie wörtlich: «Die Stadt ist gebaut. Sie muss nicht neu- sondern umgebaut werden. Umgebaut zu einem lebenswerteren Zürich, mit hohen urbanen Qualitäten.»

Der Kern des Streits sieht der Historiker Daniel Kurz in den ehemaligen Industriearealen. An der Vernissage sagte er in seiner Reaktion auf das Buch, Koch habe erkannt, dass man diese grossen Areal nicht als Parzelle behandeln müsse, sondern als Quartiere. Bürgerliche hätten das nicht verstehen können und sahen die kooperativen Planungen als einen Eingriff in den Immobilienbesitz.
Die Soziologin Christina Schumacher fügte eine feministische Sicht hinzu. Ursula Koch sei auch eine Feministin. Denn sie habe mit ihrem Wirken die Gleichstellung der Geschlechter in der Verwaltung, in Gremien und in der Stadtentwicklung weit vorangebracht – ohne sich dies primär auf die Fahne zu schreiben.
Der Architekt Tamino Kuny, ehemaliger Hochparterre-Redaktor und heutiger Forscher an der ETH, wies auf die Angst hin als Triebfeder im Handeln Kochs. Die promovierte Chemikerin erkannte die Umweltzerstörung und die Veränderung des Klimas, gründete schon 1976 eine kleine Aktionsgruppe namens «Gewissenschaftler». Kuny plädierte auch für die Wiedereinführung von öffentlichen Jurierungen bei Architekturwettbewerben, die unter Koch einst eingeführt wurden.

Dass Zürich heute so aussieht, wie es aussieht, hat die Stadt auch Ursula Koch zu verdanken. Verdanken? Am gestrigen Abend redet man auch von der Rücksichtslosigkeit der grossen Immobilienplayer, von der fortschreitenden Gentrifizierung, von der noch nicht überwundenen Ersatzneubaupolitik und vom ungebremsten Wachstumsglaube trotz Klimakrise. Ursula Koch hat sich 2000 ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und das im Buch abgedruckte Interview ist seit Jahren das einzige öffentliche Lebenszeichen. Wie sie das heutige Zürich sehen würde? Diese Frage bleibt im Buch und am Abend unbeantwortet. Aber wir lernen von der Ära Koch, so der Mitautor und ehemaliger Professor für Stadtforschung Philippe Koch und nicht verwandt mit Ursula Koch, dass ein Weitermachen wie bis anhin nicht zukunftsfähig war. «Die Ära Ursula Koch weist hoffnungsvoll auf die Möglichkeit von Politik hin, die Stadt zu verändern», ist der letzte Satz im Buch.

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Kommentare

Esther Bosshardt 20.11.2025 05:32
Gerne würde ich Ursula Koch noch heute danken, sie hat die Politik geprägt aber auch durchgelitten! Esther Bosshardt
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