Anleitung, um die Zersiedelung zu messen

Zersiedlung messen und begrenzen

Zersiedelung? Alle sind dagegen. Ein Buch zeigt, wie sie gemessen und dann begrenzt werden kann.

 

Die Zersiedlung weckt bei den Menschen unterschiedliche Bilder: ungeregeltes Wachstum von Ortschaften oder über die Landschaft zerstreute Bauten und Anlagen. Für Raumplanungsfachleute ist Zersiedlung das Gegenteil einer haushälterischen Nutzung des Bodens und nicht vereinbar mit den in Verfassung und Gesetz umschriebenen Zielen der schweizeri-schen Raumplanung. Der Umweltbericht des Bundesrates stellt fest, dass die Zersiedlung in den letzten drei Jahrzehnten stark zugenommen hat. Der Bodenkonsum pro Einwohner wächst immer noch: So überstieg die Siedlungsfläche pro Kopf im Jahr 2009 das vom Bundesrat gesetzte Nachhaltigkeitsziel von 400 m pro Kopf klar. Ein Grund dafür ist, dass zwar eine Begrenzung der Bauzonengrösse verlangt und durchgesetzt werden kann, jedoch keine Begrenzung des Bodenverbrauchs pro Einwohner oder pro Arbeitsplatz. Das Raumplanungsgesetz fordert von den Kantonen keine Mindestausnutzung. Das Resultat ist ein – vorab auf dem Lande und in den Agglomerationen - sehr hoher Bodenverbrauch. Angesichts der Traditionen und der verbreiteten Wohnideale erstaunt das nicht. 
Um die Zersiedlung zu stoppen, sind verlässliche Grundlagen und Vorgaben notwendig. Da setzt das Buch «Zersiedelung messen und stoppen» an. Die Verfasserinnen und Verfasser belegen mit Berechnungen und eindrücklichen Bildern die Entwicklung und die Notwendigkeit von Massnahmen. Zwischen 1885 und 2010 hat die Zersiedlung in der Schweiz um 557 Prozent zugenommen. Der stärkste Anstieg erfolgte in der Periode 1960 und 1980 in allen Kantonen – am deutlichsten in Solothurn, Basel-Land und im Tessin. In den Gemeinden ergibt sich ein ähnliches Bild. In den acht Jahren zwischen 2002 und 2010 hat der Wert der Zersiedlung in 93 Prozent der Gemeinden weiterzugenommen. Nur in knapp 3 Prozen der Gemeinden ist eine deutliche Abnahme feststellbar. Wie kommen diese Zahlen zustande? Wie wurde Zersiedlung gemessen?

 
Mathematisch gestütztes Modell für das Messen der Zersiedlung 
Kapitel 2 erklärt die Berechnungs-Methode und stellt das GIS-Berechnungstool «USM-Tool» vor. Die Zersiedlung ist umso höher, je stärker die Landschaft von Gebäuden durchsetzt ist, je weiter diese gestreut sind und je mehr Fläche jede einzelne Bewohnerin oder Bewohner sowie jeder Arbeitsplatz in Anspruch nimmt. Die Streuung der Siedlungsflächen (Dispersion) wird über die Distanzen zwischen den Gebäuden ermittelt, der Anteil der Siedlungsflächen in einem Bezugsraum in Prozenten und die Flächeninanspruchnahme pro Bewohner und Ar-beitsplatz in Quadratmetern. Das Produkt als Messgrösse wird als gewichtete Zersiedlung bezeichnet und als Durchsiedelungseinheiten pro Quadratmeter Landschaft (DSE/m2) angegeben – in Zahlentabellen pro Kanton und ausgewählten Gemeinden; aber auch mit Karten dargestellt.


Vorausschau und Diskussion von Ziel- und Grenzwerten für die Schweiz
Das Buch beschränkt sich aber nicht auf den Rückblick. Um zu zeigen, wie sich die Zersiedelung in der Schweiz in Zukunft weiterentwickeln könnte, werden sechs Wachstums-Szenarien vorgestellt und mit Blick auf die Nachhaltigkeit diskutiert. In einem weiteren Kapitel zeigt das Buch zudem, wie Referenzwerte für Bund, Kantone und Gemeinden festgelegt werden können. Dieser Vorschlag könnte das Thema Zersiedlung versachlichen. Grenzwerte sind in verschiedenen Umweltbereichen z.B. Luftverschmutzung und Lärmschutz etabliert und erfolgreich. Und sie haben zu einer Verbesserung der Situation geführt. Rudolf Muggli, der Autor des 4. Kapitels, legt ausführlich dar, wie die vorgeschlagenen Zersiedlungsmasse in die raumplanerische Rechtsordnung eingefügt und in den politischen Prozess eingebracht werden können. Mit Portraits von zehn Gemeinden und vier Kantonen zeigt Kapitel fünf auf, wo und mit welchen Massnahmen es gelungen ist, eine Verringerung der Zersiedlungswerte zu erreichen und wie unterschiedliche Akteure Einfluss auf die Flächennutzung ausübten. Ein lehrreiches Beispiel ist die Gemeinde Schlieren in der Agglomeration Zürich. Dort wur-den, um das starke Bevölkerungswachstum aufzunehmen, in zentralen Gebieten Flächen umgenutzt und mit hoher Dichte überbaut.


Massstab ist die Zukunft
Die Diskussion über Zielwerte in der Schweiz 2050 auf der Basis der Zersiedlungsgrenzwer-te ist nun dringend nötig. Dazu leistet dieses Buch einen wertvollen Beitrag, der im Dialog mit der Praxis weiterentwickelt werden muss – auch mit landschaftlichen und baukulturellen As-pekten. Und ganz wichtig: Wir müssen über Wohnideale und Siedlungsformen diskutieren – vorab mit jungen Menschen.

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