Wer kennt die Antwort? Der Titel der Veranstaltung war als Frage formuliert.

Wollt ihr weniger?

An einer Tagung in Zürich diskutierten Experten über Suffizienz im bebauten Raum. «Qualität durch Mässigung?», fragte der Titel vorsichtig. Denn das Thema Genügsamkeit klingt zwar harmlos, wirft aber hochbrisante politische Fragen auf.

«Ça suffit! Das reicht!» So hätte der Titel der Tagung heute in Zürich lauten können, an der der SIA, die Stadt Zürich und energie schweiz über «Suffizienz im bebauten Raum» diskutierten. Wir verschlingen Boden und vergeuden Energie, dass wohl nur ein Ausrufezeichen dem ein Ende setze wird. Doch die Veranstalter titelten vorsichtig und fragten: «Qualität durch Mässigung?» Denn sie wissen: Das Thema Suffizienz ist delikat. Effizienz richtet sich an Maschinen, bei der Genügsamkeit ist der Mensch gefragt. Und wer soll ihm vorschreiben, was er zu wollen hat? Eine heikle Frage. Psychoanalytiker Peter Schneider mahnte zur Vorsicht. Er warnte davor, genügsames Verhalten aus der Natur des Menschen abzuleiten. «Suffizienz ist machbar, aber als politisches, nicht als anthroposophisches Projekt.» Bedürfnisse und Begierden liessen sich nicht strickte trennen. So wie das Baby an der Brust sauge, weil es hungrig sei, lutsche es am Schnuller, weil es Lust dazu habe. Allen «Brot für Brüder» zu verordnen, führe darum nicht zum Ziel.

Für Marco Salvi von Avenir Suisse ist klar: «Suffizient führt auf den Holzweg.» Man solle den Konsum lenken, nicht reduzieren. Dazu ist der Ökonom durchaus bereit, auf Steuern zu setzen, die den Mark korrigieren. «Sie sind besser als Einschränkungen, denn jeder kann wählen, ob er sie bezahlen oder ob er suffizient leben will.» Die Immobilienentwickler entschuldigten sich derweil fast schon, dass sie tun müssen, was der Markt diktiert. Der suffiziente Markt sei nun mal nur eine Nische, meinte Balz Halter von Halter Unternehmungen. Jörg Koch von Pensimo zeigte immerhin, dass man auch für diese Nische bauen kann: Die Anlagestiftung Adimora fokussiert auf kostengünstige Wohnungen. Hauptargument für Genügsamkeit sind aber nicht soziale, sondern ökologische Gründe. Nur mit Energieeffizienz schaffen wir die Klimaziele nicht, heisst es. Die Architektin Katrin Pfäffli rechnete zwar vor, dass die Siedlungen der Stadt Zürich das 2000-Watt-Ziel knapp erreichen, wenn sie nur auf Effizienz setzen. Die Folgen wären aber, dass die Mietpreise nach oben schnellen und geschützte Bauten kaputt saniert würden. Die Bewohner sollen mit Verzicht darum einen Beitrag leisten. Das tun sie heute schon, unter anderem weil sie statt rund 50 Quadratmeter nur 32 pro Person bewohnen. Pfäffli betonte aber: «Sie sind nicht freiwillig suffizient.» Die Flächen sind tief, weil die Belegungsvorschriften dies verlangen. Dass sie recht hat, zeigte Architekt Hanspeter Bürgi, der die Siedlung Burgunder in Bern vorstellt. Sie ist zwar autofrei, ihre Bewohner verbrauchen mit 63 Quadratmetern pro Person aber fast doppelt so viel Raum, wie dies Zürich für angemessen hält.

Spätestens jetzt war also klar: Suffizienz klingt zwar harmlos, wirft aber hochbrisante politische Fragen auf. Dass in der anschliessenden Debatte hitziger diskutiert wurde, als das Wetter erlaubte, verwunderte darum nicht. «Wir müssen Suffizienz zulassen, nicht erzwingen», meinte der Journalist Marcel Hänggi. Strategieberater Thomas Held forderte eine grundsätzliche Debatte, die nicht auf das Bauen beschränken ist. «Ist Suffizienz überhaupt sinnvoll?», fragte er in die Runde und stellte klar: «Wenn der Markt nicht mehr spielt, bedeutet Suffizienz: Rationierung.» Dass das nicht funktioniert, zeige die Geschichte. Held forderte darum Road-Pricing und doppelt so teure Bahnbillette. Auch Rudolf Dieterle, Direktor beim ASTRA, hält nichts von Kontingenten. «Mobilität ist ein Grundbedürfnis.» Rationierung ist für Raumplaner Hans-Georg Bächtold das falsche Wort. Es gehe um haushälterischen Umgang. «Es braucht nicht immer mehr.» Und darüber müsse man wenigstens diskutieren können, meinte Rahel Gessler vom Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich. «Es ist niemandem verwehrt, ein asketisches Leben zu führen», entgegnete Thomas Held. «Ich glaube aber nicht daran.»

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