Wandern - die olympische Disziplin der Schweizer.

Wandern durch die Schweizer Landschaft

«Wandern als olympische Disziplin. Das hilft der Landschaft», schreibt Peter Wullschleger, der Geschäftsführer der Landschaftsarchitekten, auf eine Jakobs Notiz über Wandern und Biodiversität.

In der Jakobs Notiz von gestern verbindet Köbi Gantenbein den Weltbericht über die Biodiversität mit der Wanderfreude der Schweizer. In seinen Papieren fand Peter Wullschleger, der Geschäftsführer des Bundes Schweizer Landschaftsarchitekten und -architektinnen (BSLA) einen Text, der diese Jakobs Notiz weiterschreibt. Voilà, etwas gekürzt, ein Text so aktuell, wie er 2012 war, als Wullschleger ihn geschreiben hat. 

Wandern, Landschaft und Olympia

Betrachten wir die Landschaftsfrage doch einmal aus sportlicher Warte. Mögen noch so viele Schweizerinnen und Schweizer am Champions League-Abend ihr Fernsehgerät einschalten, mögen die Schlangen am Skilift noch so lang sein, Volkssport Nummer 1 in der Schweiz ist unangefochten das Wandern. Ein in der Welt absolut singuläres Phänomen. Sogar im Vergleich mit unseren direkten Konkurrenten wie Österreich oder Deutschland ist der Koeffizient von erwanderten Kilometern pro Einwohner in der Schweiz gefühlte zwei bis fünf Mal höher. Wie kommt das? Sind wir bewegungsfreudiger, leidet die Mehrheit Schweizer Bevölkerung am Restless Legs-Syndrom? - Kaum. Wir tun es, weil es so schön ist, weil es so gut tut, weil wir uns dabei erholen, uns an dem erbauen, was wir sehen, durchatmen, auf andere Gedanken kommen oder einfach abschalten können. Und dies nicht irgendwo, sondern draussen, in Gebieten, die durch uns zu Landschaften werden. Wandern ist ein archetypisches Landschaftserlebnis. Hunderttausende kleiner Petrarcas machen sich jedes einigermassen sonnige Wochenende auf die Socken, irgend einen Hügel zu erklimmen oder um durch Wald und Flur zu streifen. Wenn wir also davon ausgehen, dass der Bewegungsdrang der Menschen gleichmässig über den Planeten verteilt ist, wir Weltmeister im Wandern sind und Wandern das Landschaftserlebnis schlechthin ist, dann könnte man daraus schliessen, dass wir auch Landschaft-Weltmeister sind. Die hohe Dichte und Verfügbarkeit des Landschaftserlebnisses unterscheidet den geografischen Raum Schweiz von anderen. Vielleicht haben die Schweizer die Landschaft nicht erfunden, aber vielleicht sind wir diejenigen, welche sie am meisten praktizieren.

Wandern ist also nicht olympisch, nicht weil das IOC die dabei erbrachte sportliche Leistung in Abrede stellen würde, sondern wegen der befürchteten erdrückenden Überlegenheit helvetischer Olympioniken in dieser Disziplin und weil es ganze Weltgegenden gibt, welche noch nie von dieser Tätigkeit gehört haben. Wenn wir hierzulande von einem Massenphänomen sprechen können, so wird dieses noch verstärkt durch die Tatsache, dass es, wenn auch nicht flächendeckend, so doch auf einem Grossteil des helvetischen Territoriums zu beobachten ist.

Landschaftskonvention

Würde man Wandern als Landschaftsindikator nehmen, so liessen sich Karten zeichnen mit Dichteunterschieden und vielleicht auch ein paar weissen Flecken. Und hier wird es interessant, denn im Sinne des europäischen Landschaftsübereinkommens bedeutet «Landschaft» ein vom Menschen als solches wahrgenommenes Gebiet, dessen Charakter das Ergebnis des Wirkens und Zusammenwirkens natürlicher und/oder anthropogener Faktoren ist; Ergo: Alles ist Landschaft. – Ja, auch Härkingen, Dietlikon und Marin. Da sträubt sich etwas des Wanderers Brust. Er, der Experte, der Landschaft immer und zweifelsfrei positiv konnotiert hat, als Erlebnis, welches wesentlich zur Lebensqualität beträgt, um nicht zu sagen zu Identität und Selbstfindung, soll nun über Pfingsten die Schönheiten vorstädtischer Gewerbesiedlungen entdecken? Warum nicht, denkbar ist vieles. Ob Zähringens Untertanen die Siedlungsentwicklung im 15. Jahrhubdert im Raum Bern so toll fanden, ist historisch ja auch nicht gesichert. Wir haben in Anbetracht der heutigen Bautätigkeit einfach nicht 500 Jahre Zeit, solche Qualitätsfragen zu beantworten oder uns so sehr an Neues zu gewöhnen, dass wir es kurzfristig der Unesco als Welterbe vorschlagen würden.

Die doppelte Qualitätsfrage

Eines wird an dieser Stelle als Zwischenbilanz offensichtlich: Landschaft ist die für die Schweiz charakteristische Art und Weise, den Lebensraum zu erfahren und sie ist untrennbar an die Qualitätsfrage geknüpft. Und genau daraus entsteht das Dilemma. Landschaft gibt's nur im Duopack: Zum einen als Produkt der räumlichen Wechselwirkung Mensch-Natur im Sinne der Landschaftskonvention, zum anderen als Produkt der subjektiven Wahrnehmung. Die Qualitätsfrage stellt sich deshalb auch doppelt. a) Wie kann Produkt 1 so gestaltet werden, dass die subjektive Wahrnehmung Qualitäten erfahren und einer Gegend das Label Landschaft verleihen kann, oder b) Wie kann die subjektive Wahrnehmung so «geschult» werden, dass sie Härkingen als Landschaft mit inhärenten Qualitäten identifizieren kann.

Nichtlandschaften

Die Qualitätsfrage ist insofern zentral, als es nicht nur um die landschaftliche Richterskala geht, um Gradierungen zwischen banal und sublim, sondern es drohen ganze Gebiete vom Landschaftsradarschirm zu verschwinden. Sie werden gar nicht mehr als Landschaften angesprochen. Ausgeschieden, ausgeblendet, abgeschoben, verdrängt. Und das ist für die Schweiz fatal, denn es geht nicht um das nice to have einer schönen Landschaft, sondern es geht um das Biotop der helvetischen Identität. Den Indianer, der sich selbst ins Reservat schickt, hat die Welt noch nicht gesehen. Dermassen ist der Schweizer in Landschaft getränkt, dass er diese bis heute nicht als Variable wahrnimmt, obwohl er deren Qualität flächendeckend selber bestimmt. Daran sind die Alpen und die naturräumliche Vielfalt nicht ganz unschuldig. Die Alpen als Software zu verstehen ist zugegebenermassen nicht einfach. Noch bis vor einer Generation ging man davon aus, dass menschliches Wirken, Bauen und Wirtschaften der landschaftlichen Substanz der Schweiz nichts anhaben kann, dass Eintracht herrscht, Harmonie und Erhabenheit von Carouge bis Altenrhein, dass allenfalls oberflächlich und punktuell gearbeitet wir, dass ein Coiffeur aber nie zum Chirurg werden kann, selbst wenn wir ganze Gewässersysteme neu gestalten.

Die Schweiz wächst nicht

Heute wird klar, dass dies eine klare Fehleinschätzung war. Landschaft nicht als Grundkonstante, sondern als hochsensible Emulsion, die unsere Wahrnehmung durchströmt wie Blut den Körper zu begreifen, geht ans Eingemachte. Es zeigt sich, dass auch Stein zu fliessen beginnt, wenn der Druck genug hoch ist. Vielleicht ist Druck (Masse x Beschleunigung pro Fläche) überhaupt der entscheidende Faktor. Die Fläche ist immer noch die selbe wie 1815. Die Masse (an parallel ablaufenden landschaftsverändernden Prozessen) hat aber sicher zugenommen, obwohl die Bewohner des Berner Seelandes sich um 1870 auch mit Landschaftsveränderungen der radikaleren Sorte auseinandersetzen mussten. Aber, und hier kommt die Beschleunigung ins Spiel, die Seeländer hatten danach jede Menge Zeit, sich daran zu gewöhnen und niemand zweifelte daran, dass diese Veränderungen sich ausschliesslich und massiv positiv auf die Lebensqualität auswirken würden. Das hilft, da wirft man vertraute Bilder gerne über Bord.

Landschaftsproduzenten

Heute sind aus Dekaden Wochen geworden, was zur Folge hat, dass der Wanderer und auch die zuhause Gebliebenen, nicht mehr Zustände, sondern fast nur noch Prozesse wahrnehmen. Veränderung, Bewegung und Beschleunigung bringen Unsicherheit mit sich, das weiss jeder Fahrschüler. Sie bedingen jedoch auch eine höhere Aufmerksamkeit und Konzentration und führen zu einer höheren Verantwortung: Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung, Land- und Forstwirtschaft, Schutz vor Naturgefahren, Energieproduktion, Artenvielfalt, alles entwickelt sich in gleichzeitigen, weitgehend unkoordinierten Prozessen. Wir sind also nicht nur Weltmeister im Erleben von Landschaft, sondern auch in der Landschaftsproduktion, nur will es keiner wahrhaben.

Landschaftsfatalismus

Es ist diese Verdrängung, die uns in eine unbequeme Lage bringt. Sie führt zu einem gewissen Landschaftsfatalismus, weil sich sehr lange niemand darum gekümmert hat, Werkzeuge zu entwickeln, mit deren Hilfe diese Prozesse gesteuert werden könnten. Entsprechend ist auch die Formulierung von Landschaftsentwicklungszielen oder Landschaftsqualitätsmerkmalen ein noch zartes Pflänzchen. Der nach wie vor omnipräsente Schutzreflex hilft letztlich auch nicht weiter, da wir uns nur schlecht vor uns selber schützen können. Schutz als Lösungsansatz für landschaftliche Probleme führt zu Ausschlüssen und Einschränkungen hüben und drüben. In den Schützengräben zwischen Siedlung und Landschaft wird ein Scheinkampf inszeniert. Mit zum Teil drastischen Bildern bekommen wir tagtäglich vor Augen geführt, dass diese Frontlinie schon lange nicht mehr existiert. Und es sind diese Schützengräben, welche suggerieren, dass menschgemachte Landschaftsveränderung apriori schlecht sind, was u.a. auch zu einer entsprechend negativ besetzten Entwicklungs-Terminologie führt, wo Ausdrücke wie «Ausbreitung des Siedlungsbreis» noch zu den kulinarischeren gehören. Es kann letztlich nicht darum gehen, zu verhindern, zu verbieten, Reservate auszudehnen, Bilder und Besitzstände zu konservieren, Isoliermatten über die Gletscher zu legen und Schneekanonen in Stellung zu bringen. Menschliches Handeln und dogmatisch formulierte Landschaftsinteressen gegeneinander ausspielen zu wollen ist etwa gleich sinnvoll wie Fischen auf Grund ihrer Darmaktivität Gewässerverschmutzung vorzuwerfen. Gefordert ist eine ernsthafte und breite Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft, mit deren Substanz und Wesen sowie deren Bedeutung für das menschliche Wohlbefinden im Allgemeinen und für das helvetische Selbstverständnis im Speziellen.

Gefragt ist ein Landschaftsverständnis, das den Menschen als räumlich handelndes Wesen positiv konnotiert und ihn nicht nur als Teil des Problems, sondern auch als aktiven Teil der Lösung begreift. Die Gestaltung unserer Kulturlandschaften erfolgte Jahrhunderte lang durch wirtschaftliche Nutzung der ansässigen Bevölkerung. Diese «unbewusste» Gestaltungstösst in der heutigen Gesellschaft an ihre Grenzen. Der Paradigmenwechsel findet bereits statt. Raumrelevantes Handeln liefert nicht mehr die Referenz für die Produktion von Landschaftsqualität. Es wird im Gegenteil in der heutigen Gesellschaft a priori als negativ und qualitätsmindernd empfunden. Diese Tendenz gilt es zu korrigieren.
 

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