Die Digitalisierung des Verkehrs soll die Mobilität dank eigener Körperkraft fördern. Fotos: Frans on Unsplash

Unterwegs mit Körperkraft

Die Digitalisierung des Verkehrs soll die Mobilität dank eigener Körperkraft fördern. Ein Essay zum autonomen Fahrzeug von Barbara Zibell, Architekturprofessorin an der Universität Hannover.




Mobilität ist sowohl Grundbedürfnis wie auch Existenzbedingung jedes menschlichen Lebens. Dabei ist die so genannte mobile Gesellschaft heute eigentlich recht immobil: Anstatt uns selbst zu bewegen, werden wir von allerlei Fahrzeugen bewegt, im Fitnessclub treten wir auf der Stelle, zudem meist in unserer Freizeit. Dabei könnte eine erhöhte Alltagsmobilität, die auf menschliche Körperkraft setzt statt auf motorisierte Fahrzeuge, dazu beitragen, eine gesunde und umweltverträgliche, gleichzeitig sozial und generationengerechte ‹inklusive› Mobilität zu erreichen.

Digitalisierung als Herausforderung

Chancen und Risiken der Digitalisierung werden heute breit diskutiert. Dabei geht es nicht nur um Veränderungen in der Arbeitswelt, sondern auch um die Konsequenzen des automatisierten Fahrens. Hoffnungen auf eine selbständige Mobilität bis ins hohe Alter auf der einen, Befürchtungen einer fortschreitenden Zersiedlung des knappen Raumes auf der anderen Seite stecken die Bandbreite der Einschätzungen ab.
Die Aussicht auf das autonome Fahren weckt Erwartungen an die künftige Mobilität der Gesellschaft. Aber was für eine Gesellschaft wird das sein, welche Konsequenzen hat das für den inneren Zusammenhalt, wenn wir immer autonomer werden, uns dabei aber immer mehr auch individualisieren und voneinander entfernen? Sind wir überhaupt gewillt und bereit, uns auf engstem Raum in einem kleinen Fahrzeug mit Fremden und ohne Chauffeur oder Chauffeuse transportieren zu lassen, anstatt allein im komfortablen PW zu sitzen oder in der anonymen Masse von Fahrgästen im traditionellen öffentlichen Verkehrsmittel? Die neuen Formen eines individuellen öffentlichen Verkehrs bieten Chancen, wären jedoch durch Maßnahmen seitens Politik und Gesellschaft zu flankieren, um die Voraussetzungen einer neuen Mobilität auch sozialräumlich zu gestalten.

Visionen für eine raumverträgliche Mobilität


Auf der Suche nach Lösungen für eine raum- und umweltverträgliche Mobilität unter Digitalisierungsbedingungen arbeitet die interdisziplinäre Forschungsinitiative ‹Mobiler Mensch› an der Leibniz Universität Hannover derzeit an den Voraussetzungen und Bedingungen für Umsetzungsmöglichkeiten einer nachhaltigen Mobilitätsvision. Im Teilprojekt ‹Formen nachhaltiger Mobilität zwischen Transport und Bewegung› geht es dabei nicht nur um das automatisierte Fahren und autonome Fahrzeuge, sondern auch um eine ganzheitliche Vision, die die technologischen Entwicklungen im gesellschaftlichen Kontext auslotet und mit den gegebenen räumlichen Potentialen abgleicht. Nicht die Entscheidung für eine mögliche Zukunft unter mehreren Optionen, sondern eine Mobilität, die langsame und schnelle, motorisierte und nicht motorisierte, Nah- und Fern-Mobilität intelligent konzipiert und untereinander kombiniert.

Anstatt einseitig auf das Auto in seinen neuen, umweltverträglichen Formen der ‹E-Mobility› oder des automatisierten Fahrens zu setzen, könnten individuelle Fortbewegungsmittel treten, die mit eigener Körperkraft anzutreiben sind. Nicht nur Fuss- und Radverkehr, sondern auch leicht transportable Verkehrsmittel wie Kickboards, Tretroller, Roller Blades oder Segways, Rollatoren und allerlei Formen des Rollstuhls, die gesundheitsbewussten Stadtbewohner ebenso zur Verfügung stehen würden wie mobilitätseingeschränkten Menschen jeder Konstitution und jeden Alters. Unter der Voraussetzung einer angepassten Gestaltung der öffentlichen Räume könnten diese auch in ländlichen Regionen und allen Siedlungstypologien der Agglomeration zum Einsatz kommen.

Bewegung als Ziel

Voraussetzung für eine Mobilität, die die neuen technologischen Möglichkeiten mit der gebotenen gesellschaftlichen Verantwortung verknüpft, ist die Transformation von Raum und Gesellschaft. Individuelle Fahrzeuge einer ‹human powered mobility› wären Dreh- und Angelpunkt einer Mobilität, die die Erreichbarkeit von Versorgungseinrichtungen für alle Teile der Bevölkerung sichert, dabei gleichzeitig den Flächen- und Energiebedarf reduziert, die Umweltbedingungen verbessert und die Gesundheit der Bevölkerung durch Mobilität fördert. Ziel wäre eine Gesellschaft mit mehr Lust auf Mobilität im Sinne echter Bewegung und Begegnung anstelle von Stillstand und Vereinsamung – sei dies im eigenen Auto, im Smart Shuttle oder im Massenverkehrsmittel.

* Barbara Zibell ist Stadt- und Regionalplanerin. Sie lehrt an der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover. Zum kurzen Essay über die integrative Mobilität gibt es eine lange Fassung als pdf.

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