Diese Altbauten «hinter» dem St.Galler Bahnhof werden als nächstes weichen Fotos: Hansueli Rechsteiner

St.Galler Bahnhofrückseite

Neben der Fachhochschule auf der Nordseite des Bahnhofs St.Gallen möchte eine Familienausgleichskasse ein neues Bürohaus bauen. Wie viel darf an einem derart prominenten Ort von einer Bauherrschaft erwartet werden?


Es war ein heruntergekommenes Quartier mit Billigwohnungen, denn man wusste seit Jahren: Auf der Nordseite des Bahnhofs St.Gallen wird die Fachhochschule einen Neubau bekommen. Diese Schule ist seit mehr als einem Jahr in Betrieb, «doch über die unmittelbare Umgebung und die Nachbarschaft wurde offensichtlich schon länger nicht mehr nachgedacht», stellte nach einem Rundgang Michael Güller, Architekt und Städteplaner aus Zürich, fest. Dabei habe der Ort ein sehr grosses Potenzial.
Eingeladen war Güller vom Heimatschutz, der eine Veranstaltung zu den Zukunftsaussichten der Bahnhofsrückseite organisiert hatte. Auf dem Podium sassen auch der St.Galler Architekt und Planer Thomas Keller sowie die St.Galler Baustadträtin Patrizia Adam und der Verwaltungsdirektor der Fachhochschule. Die zugeteerte, tot wirkende Umgebung des neuen Schulhauses beklagten alle – unisono. Die Rezepte zur Belebung waren allerdings unterschiedlich.

Während die Fachhochschule sich im Moment noch mit den Mängeln und Alltagsproblemen eines Neubaus herumschlägt und ab nächstem Frühling den Platz besser gestaltet haben will, fordert Güller, das weitere Areal und seine Nachbarschaft noch einmal grundsätzlich anzuschauen. Man könnte sich nämlich auch neue Achsen und Ausrichtungen denken und müsse nicht einfach die bisherige Struktur eines über hundert Jahre gewachsenen Durcheinanders übernehmen.
Pragmatischer wollte Thomas Keller die Situation angehen: Die Studierenden der Fachhochschule könnten ja in Eigeninitiative mal einen Verpflegungswagen aufstellen und mit Farbe die Umgebung aufwerten. Das schaffe Nischen, die nötig sind, damit das Leben erwacht.

Die Stadträtin zog sich auf formale Positionen zurück: Sie verwies auf die Rechte und Interessen der verschiedenen Grundeigentümer. Die Stadt könne – auch wenn ihr neben dem Schulhaus drei Parzellen gehören – nicht wirklich bestimmen, was hier zu tun sei. Die Planer und das Publikum waren anderer Meinung: Wer an so prominenter Lage direkt neben der Bahnhofunterführung bauen darf, an den dürften durchaus höhere Anforderungen gestellt werden. Um eine gute Lösung zu erarbeiten, brauche es einen partizipativen Prozess und dann einen offenen Wettbewerb, argumentierten die Planer.
Die Politikerin nahm das zwar zur Kenntnis, doch ein solch grundsätzliches Überdenken scheint nicht mehr möglich. Die Debatte machte klar, dass das Baufeld neben der Fachhochschule so gut wie vergeben ist. Zwar soll ein eingeladener Studienauftrag mit vier Büros noch eine Gesamtlösung aufzeigen. Doch dann wird die Ausgleichskasse ihr Bürohaus bauen können und die daran anschliessenden städtischen Parzellen werden einem Investor übergeben. Dies ist laut Communique aus der Baudirektion bereits beschlossen. Und auch der Nutzer steht schon auf der Matte: Die Fachhochschule, wie vom Verwaltungsdirektor zu erfahren war.

St.Gallen scheint mit einer Mini-Europaallee zu liebäugeln: unten Läden, oben Schule. Die Planer warnten aber davor, sich damit zufrieden zu geben. Für ein lebendiges Quartier brauche es mehr, man müsse Nischen ermöglichen. Wenn das heute noch stehende «Klubhaus» mit dem Restaurant und die letzten Altbauten dann aber für das Bürohaus abgebrochen sind, fehle es just an Nischen. Weil es sich hier um den zentralsten aller Bauplätze auf Stadtgebiet handle, lohne sich ein neuer Planungseffort und es müsse architektonische Excellence verlangt werden, so die Forderung der Planer.

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Kommentare

Gerhard Mack 26.08.2014 12:44
Hier setzt sich das St. Galler Architektur-Malaise der öffentlichen Hände fort. Nachdem der sogenannte Leopard und die Fachhochschule bereits urbanistische Fehlplanungen sind, wird die letzte Lücke des Quartiers wieder ohne nennenswerte öffentliche Vorgaben an Private weitergegeben. Den einzigen positiven Beitrag für den Bahnhof Nord hat die Lokremise als Kulturzentrum geleistet, und diese ging auf eine frühe private Initiative zurück: Die Galerie Hauser & Wirth rettete seinerzeit den Bau vor dem geplanten Abbruch. Ein Eckhaus, das Caruso St John geplant hatten, wurde vor einiger Zeit gebodigt - für eine weitgehend verfallene alte Villa. Dabei hätten die Engländer dem Quartier wenigstens gegenüber einer vielbefahrenen Kreuzung einen Halt und Abschluss gegeben. Architektonischer Sachverstand und politischer Durchsetzungswille gehören in der Gallusstadt zu den seltenen Gütern. Die planerische Gegenwart findet weitgehend ohne die grosse Vergangenheit statt.
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