SRF Kultur widmete diesen Freitag der Stadt. (Bild: SRF / Yvonne Rogenmoser)

So tönt die Stadt im Radio

In sechs Stunden erkundete Radio SRF 2 Kultur «Die Stadt der Zukunft». Mit sechs Reportagen und Duetten mit Anna Schindler, Angelus Eisinger und Köbi Gantenbein.

Wie Stadtplanung und -politik im Radio erzählen? Gar während sechs Stunden? So lange dauert jeden «2.» des Monats jeweils der «Hörpunkt». Sandra Leis und Sarah Herwig haben am 2. November die «Stadt der Zukunft» in fünf Portionen angerichtet, in fünf Thesen: «Verdichtung, Durchmischung, Smart City, Autofreiheit und grüne Stadt».

Zu jeder Portion haben sie Betroffene reden lassen, Leute, die die Wohnung in der Renovation verloren haben, einen Gärtner, eine Taxifahrerin, Smart-City-Bewohner, einen Obdachlosen und Hochhaus-Liebhaber. Zu ihren farbigen Geschichten setzten die zwei Redaktorinnen Anna Schindler, die Direktorin der Zürcher Stadtentwicklung, Angelus Eisinger, den Direktor der Regionalplanung Zürich und Umgebung und mich in Duette. Im Wissensfundus und Lebensfaden kramend hatten wir das Gehörte zu drehen und zu wenden. Die Direktorin berichtete vieles aus dem Zürcher Innenleben, der Direktor sprach weltläufig von New York bis Kopenhagen und der Chefreaktor spitzte die Erkenntnisse politisch zu. Ein vergnügliches Wortballett. Dazwischen dirigierte der Moderator Andreas Müller-Crepon Meldungen und e-mails von Zuhörerinnen und Zuhörern. Und am Schluss skizzierten die Drei im Terzett «Die Stadt der Zukunft». Aus dem üppig gefüllten Kratten der Stadtberichte, e-mails und Expertenworte fünf Zusammenfassungen:

1. Die zentrale Herausforderung der Stadt ist die Verdichtung. Sie heisst nicht Hochhaus, sondern lebenswerte, vielfältige Stadt, in der auf gleichem Raum mehr Leute unterkommen, ohne dass sie Platzangst haben müssen. Smart City-Technik kann helfen, Architektur auch, Freiräume sowieso. Im Nebel aber stochern wir noch nach sozialen Modellen, die die dichte Stadt zur schönen Stadt machen helfen. Denn nötig ist es auch, die abgehängten Leute, die sich als Verlierer sehen, mitzunehmen. Sie sind erstens viele, haben zweitens auf Stadt ebenso ein Recht wie die Gewinner der verdichteten Stadt und es ist drittens eine lohende Aufgabe, die Stadt für Alle nicht für Wenige weiterzubauen. So sprachen vorab Anna Schindler und Angelus Eisinger.

2. Die oft mit der Verdichtung gekoppelte Renovation der Stadt darf nicht zwangsläufig Vertreibung bedeuten. Die Rechte der Mieterinnen und Mieter sind substanziell auszubauen. Insbesondere muss das urbürgerliche Postulat aus dem Schrank geholt werden, dass Eigentum nicht nur Profit, sondern auch Verpflichtung heisst. Andersherum: Ein Eigentümer ist gesetzlich zu verpflichten, seinen Mietern preislich, in der Lage und im Komfort akzeptable Wohnungen zu besorgen, wenn er sie hinwegrenoviert. Achselzuckend auf den Markt verweisen, geht nicht. So lehnte sich vorab Köbi Gantenbein aus dem Fenster.

3. Alle Zuschriften und Zuhörer singen im Chor – das Auto ist das grosse Problem der Stadt. Die Schweiz ist zweigeteilt in die, die mit dem Auto in die Stadt fahren und in die, die dort leben. Die Kluft verringern, heisst weniger autofahren. Also weniger Parkplätze, weniger Infrastrukturen für Autos in der Stadt. Und der Gewerbeverkehr braucht Vorzug wie der Bau oder der Taxi. Es ist falsch, wenn Lieferanten und Handwerker im Stau der Vergnügungs- und Pendlerfahrer stecken bleiben. So sprachen alle drei und Gantenbein legte eins drauf: Und eine Entspannung des Staus, des Drucks und der Unruhe will auch eine Ordnung der Priorität, statt einen Ausgleich der Interessen: Zuerst der Fussgang. Ihm haben sich Velo, Töff, Auto, Bus und Tram unterzuordnen. Das gilt vorab fürs Tempo. Statt Tempo 30 gilt in der Stadt und auf dem Dorf: Der Masstab fürs Tempo ist das Schritttempo.

4. Die Stadt der Zukunft ist smart. Das ist mehr als die Stadt überladen mit immer neuen Angeboten von IT-Konzernen. Smart heisst schlank, liberal, durchmischt, technisch avanciert und durchaus tugendhaft: Ich mag keine Vorschrift, heisst, ich tue meinem Nachbarn nicht, was ich will, dass er mir nicht tut. Denn die Stadt ist neben dem Raum der Reglemente einer der Kultur und der zivilisierten Welt. So überzeugte Anna Schindler die zwei andern.

5. Und natürlich – die Stadt ist grün. Denn nichts haben die Städter so gerne wie Pärklein, Wieslein, Rabatten, Bäume und Gärten. Fürs Gemüt aber auch als kühlenden Trost im sich verwandelnden Klima – und als Erde, aus der Gemüse und Früchte kommen zur Ergänzung dessen, was die Migros und der Coop in die Stadt bringen. So sprachen alle drei mit unterschiedlich grünen Daumen.

Die ganzen sechs Stunden «Stadt der Zukunft» lassen sich auch nachhören, mit einem vielseitigen Musikprogramm von Sarah Trauffer verziert.
 

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