Kreise entsprechen den Grössen der abgebrochenen Wohnbauten (rot) und Nichtwohnbauten (blau) zwischen 1993 und 2011. Dreiecke entsprechen Neubauten als Ersatz (orange) oder auf unüberbautem Land (grün) zwischen 2000 und 2009. (Quelle: Studie «Verdichtung

«Marodierendes Kapital schadet der Stadt»

Einig sind sich ein Immobilienberater und eine Bauforscherin über den Baubestand, nicht jedoch über die unsichtbare Hand des Markts. «Utopie der Werterhaltung» war eine Veranstaltung über die Stadt zwischen Marktplatz und Kulturgut.

Unter dem Titel «Utopie der Werterhaltung: Zürich als Immobilie oder Denkmal» veranstaltete die Volkshochschule Zürich gestern die letzte von sechs Ringvorlesungen der Reihe «Utopien für Zürich». Martin Hofer, Immobilienberater bei Wüest & Partner, eröffnete mit einem Input-Referat und fragte zunächst, ob Werterhaltung als konservativer Ansatz nicht das Gegenteil einer Utopie sei. Anschliessend präsentierte er Statistiken zum städtischen Gebäudepark. Ins Zentrum stellte er die Beobachtung, dass seit Jahrzehnten zu wenig in werterhaltende Massnahmen investiert werde. Die Gesellschaft sei offenbar nicht fähig oder gewillt, den Bestand angemessen zu erhalten und den Anteil an Neubauten zu verringern. Konsequenterweise müsse daher die Abbruch- und Ersatzneubauquote deutlich erhöht werden. Abgesehen von öffentlichen, kulturell und denkmalpflegerisch bedeutenden Bauten stellte Hofer die Marktfähigkeit an erste Stelle. Ein weder nachgefragtes noch flexibel umnutzbares Gebäude auf einer Parzelle mit hoher Ausnützungsreserve habe keine Existenzberechtigung.
Auch Uta Hassler, Leiterin des Instituts für Denkmalpflege und Bauforschung an der ETH Zürich, eröffnete ihren Input-Vortrag mit Gedanken zu Utopien, deren totalitärer Charakter der Schweiz widerspräche. Sie sprach deshalb über planerische Bilder und Selbstbilder. Das Zürcher Selbstbild erklärte sie mit einem pittoresken Postkartenmotiv. Stellvertretend für die Schweiz zeigte dieses ein ländliches Bild des 19. Jahrhunderts: Der mittelalterliche Stadtkern mit Kathedrale am Fluss, die Stadt am See und vor dem Alpenpanorama. Hasslers These: «Wir reissen die falschen Häuser auf den falschen Grundstücken ab. Häuser mit See- und Bergsicht werden schneller zerstört – nicht aus konstruktiven, sondern aus ökonomischen Gründen. Wir sollten daher nicht objekt-, sondern ortsbezogen diskutieren. Zukunftsgerichtete Fragen lauten: Warum ist das alte Bild so beliebt und warum funktionieren die neuen Bilder nicht? Und können wir in Schwamendingen eine neue, lebenswerte Stadt bauen?»

Nach den Referaten folgte die Diskussion. Hofer und Hassler waren sich gleich mehrfach einig: Neben der Altstadt sollten auch die Stadtkreise 2 bis 8 erhalten werden. Dichte Blockränder mit guter Bausubstanz und Nutzungsdurchmischung seien ein bislang unübertroffenes Erfolgsrezept. In den funktionsgetrennten und aufgelockerten Aussenbezirken sollte man dagegen mutiger agieren und endlich Stadt bauen. Laut Hofer verhindere der «neubaufeindliche» Revisionsentwurf der städtischen Bau- und Zonenordnung aber einen solchen Prozess, beispielsweise in Schwamendingen. Nach der BZO-Schelte folgte die Kritik an den Entwicklungsgebieten. Zürich West sei kolossal gescheitert, Zürich Nord zwar geometrisch tauglich aber ohne gewerbliche Erdgeschosse werde auch hier keine Stadt entstehen. Es folgte das allgemein anerkannte Hohelied auf die Vorzüge der dichten, nutzungsdurchmischten Stadt gegenüber dem aufgelockerten Funktionalismus der orthodoxen Moderne.
Danach endlich wurde es spannend. Hassler erklärte pointiert, dass es nicht genüge, das Rezept zu kennen: «Eine Stadt ist nicht bloss Planung, Geld, Geometrie und Nutzung. Erst die Altersspreizung verschieden alter Bauten macht ihren Reiz aus. Stadt braucht Zeit.» Sie erklärte das kurzfristige Denken der Moderne zum fundamentalen Problem und zeigte mehrfach Marktskepsis: Nicht Substanzerhaltung, sondern Marktpreiserhaltung müsste den Diskurs bestimmen und überhaupt solle der Gebäudebestand keine hohe Rendite abwerfen. Dies ziehe bloss international marodierendes Kapital magnetisch in die europäischen Altstädte, wo es dem Bestand schade. Ganz allgemein müsse die Gesellschaft deshalb «die Kapitalisierung von Werten kritisch diskutieren». Eine Person aus dem Publikum fragte, wie die Eigentümer gezwungen werden könnten, Gebäude zu erhalten, statt sie verfallen zu lassen. Die Frage blieb unbeantwortet, aber letztlich zeigte sich hier vielleicht die unausgesprochene Utopie, um die es an diesem Abend ging: eine nachhaltige, meritokratische und solidarische Gesellschaft, die nicht nur Bauten, sondern auch den Menschen und ihren verschiedenen Berufen sowie Pflanzen und Lebewesen den «richtigen» Wert beimisst.

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