Der eine Hauptraum im Erdgeschoss widmet sich vor allem den Verkehrsprojekten der Nachkriegszeit. Die Wände bedecken Pläne, Erklärtexte und politische Plakate. Fotos: zVg

Kalter Zürcher Kaffee

Gestalterisch ist die Ausstellung ‹Nach Zürich› des noch jungen ‹Zentrum Architektur Zürich› (ZAZ) ein Schritt nach vorne. Doch inhaltlich versammelt sie vorab alte Bekannte. Einmal kann man das schon machen.

Auf zwei Stockwerken präsentiert das ZAZ derzeit die wichtigsten Meilensteine der letzten 170 Jahre und ein paar Aktualität der Zürcher Stadtgeschichte. Long story short: 1848 kam der Bahnhof, Fröschegraben und Kratzquartier verschwanden, die Bahnhofstrasse und das umliegende Quartier entstanden. Die Zeit Gottfried Sempers. In den 1880er-Jahren schüttete die Stadt die Parkanlagen rund um das Seebecken auf. Die Zeit Arnold Bürklis. 1893 folgte die erste Eingemeindung, 1915 der Wettbewerb Gross-Zürich, dann die Zeit Hermann Herters mitsamt der zweiten Eingemeindung 1934, später das gartenstädtische Wachstum nach Prägung Albert Steiners. Wenig später platzten die autogläubigen Verkehrsträume der Nachkriegsjahrzehnte (City-Ring, Expresstrassen-Y, Westtangente), hinterliessen dabei aber ein paar Fragmente (Hardbrücke, Sihl-Hochstrasse). Dann kam die S-Bahn und Zürich wurde zur Metropolitanregion. Und schliesslich träumte die Stadt von einem neuen Bahnhof und einer Gleisüberdeckung als Central Park, wovon letztlich Europaallee und Zollstrasse übrig blieben.

Der zweite Raum thematisiert das genossenschaftliche und gartenstädtische Wachstum Zürichs, vorab zwischen und nach den Weltkriegen.

Wiedersehen macht Freude. Gewiss. Und es haben sich wahrlich hübsche Pläne und Modelle versammelt, die Besucher zu erfreuen. Auch die politischen Plakate, die Debatten zur Stadtentwicklung typischerweise begleiten, sind bisweilen amüsante Trouvaillen. Und trotzdem: Die Ausstellung ist ein Best-Of-Züri und versammelt in etwa das, was üblicherweise ein Stadtmuseum zeigen würde minus die vorindustrielle Geschichte. Wer sich regelmässig oder gar beruflich mit Architektur oder Stadtentwicklung in und um Zürich beschäftigt, trifft vor allem alte Bekannte. Im Obergeschoss, das sich der Gegenwart widmet, sind es die neu-alten: die Gentrifizierung des Langstrassenquartiers, Zürich-West und das Richti-Areal. Das wöchentliche Veranstaltungsprogramm trommelt Zeitzeugen, Forscher und Praktiker zusammen und stellt ebenso vertraute Fragen: Was sind die urbanen Qualitäten von Zürich West und Nord? Was bedeutet die Verdichtung für die Gartenstadtquartiere? Wie funktioniert Planung über die Gemeindegrenzen hinweg? Was lässt sich gegen soziale Verdrängung tun?

Die Gentrifizierung des Langstrassen-Quartiers bespielt weite Teile des Obergeschosses mit Fotos, Anwohner-Videos, Umfrageergebnissen und Häuserbiografien.

Nach der ersten ZAZ-Ausstellung über den Bauherrn der Villa Bellerive und der zweiten über Zürichs Bunker, ist die dritte Ausstellung dennoch ein Schritt nach vorne. Das liegt erstens an den vielen Leihgaben von knapp einem Dutzend Institutionen. Selten sieht man die alten Bekannten so nah. Das liegt zweitens an dem überraschend üppigen Rahmenprogramm. Und das liegt drittens an der gelungenen Ausstellungsgestaltung. Kurze Texte vor einem Züri-blau-weissen Grund mit eingelegtem Z erklären die wichtigsten Stationen. Sie sind auf einfache Blätter gedruckt und auf die Wände gekleistert. Dasselbe gilt für manches Faksimile und die Inventarblättern nachempfundenen Objektinformationen. Auch wenn man gewissermassen alles doppelt sieht, ist das so günstig wie wirkungsvoll.

Doppelt gemoppelt: Stets sieht man zum Original oder Fasimile noch eine auf Papier gekleisterte Objektinformation im nostalgischen Archivblatt-Look.

Und hier liegt wohl der Hund begraben: Die Stadt Zürich unterstützt die ZAZ-Trägerschaft – das Architekturforum Zürich, das ETH-Architekturdepartement sowie die Regionalgruppen von BSA und SIA – zwar mit rund 1,6 Millionen Franken bis Mitte 2021. Doch wer die Mietkosten einer Villa im Zücher Seefeld-Quartier kennt und weiss, wie teuer ein laufender Betrieb ist, kann sich ausrechnen: Dem ZAZ bleiben für die Ausstellungen selbst eher bescheidene Mittel. Es haben alle tatkräftig geholfen und in ihre Archivtaschen gegriffen. Das Stelldichein bezeichnen die Kuratoren als Wunderkammer. Einmal kann man das schon machen.

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