Mulegns – ganz unten. Hier soll die Strasse verbreitert werden?

Haus verschieben in Mulegns? Nein

Der Bauingenieur und Architekt Patrick Gartmann aus Chur sagt: Haus verschieben in Mulegns? Das ist aus fachlicher und kultureller Sicht falsch.

 

Vor ein paar Tagen hat Köbi Gantenbein in seiner Kolumne «Jakobs Notizen» kritisch zur geplanten Verschiebung des «Weissen Hauses» zugunsten des Autoverkehrs in Mulegns im Oberhalbstein geschrieben. Es ist nötig, seine Gedanken weiterzuspinnen.

Der Ingenieur
Aus Sicht des Ingenieurs ist dieses Unterfangen grobfahrlässig und die Haftungsfrage ist nicht gelöst:
-    Das Kulturunternehmen Origen will das auf Felsen gebaute «Weisse Haus» in Mulegns in Richtung des Fallerbachs, der am Rand des Dörfleins fliesst, verschieben. Die Klimaerwärmung mit immer mehr Niederschlägen wird auch in Mulegns irgendwann den Fallerbach über die Ufer treten lassen, und das gegen den Bach verschobene Haus mitreissen. Dieses Jahr wurden bereits Splügen und das Misox von solchen starken Niederschlägen betroffen.
-    In der gesamten Schweiz wird der Abstand von Bauten zum Gewässer erhöht, in Mulegns wird das risikoreiche Gegenteil ausgeführt.
-    Die neue, breite Strassenführung trennt das Dorf durch die höhere Geschwindigkeit des Verkehrs noch mehr und gefährdet die Besucher der Kulturevents.

Der Heimatschützer
Aus Sicht des Heimatschützers sind die Folgen dieser unnötigen Hausverschiebung immens:
-    Sollen nun alle den Verkehr beeinträchtigende Bauwerke einfach entwurzelt und verschoben werden?
-    Die Strassenschluchten durch die historischen Dörfer werden immer breiter.
-    Der immer schneller werdende Verkehr wird eingangs der Dörfer mit verkehrsberuhigenden Verkehrsinseln, gestalterisch immer mangelhaft, wieder beruhigt. Dies erinnert irgendwie an die Geschichte der Schildbürger…
-    Der Charakter der Dorfes geht verloren und wird so hässlich wie Savognin oder Tinizong, wenige Fahrminuten von Mulegns entfernt.
-    Der Weg ist das Ziel und sollte aus touristischer Sicht durch authentische Dorfbildern unterstützt werden.


Der Verkersplaner
Aus Sicht des Verkehrsplaners, Chauffeurs und Autofahrers funktioniert der Engpass bei Mulegns:
-    Es hat bis jetzt funktioniert.
-    Das Kreuzen von Lastwagen und Personenwagen ist nicht nötig.
-    Bei starkem Verkehrsaufkommen regelt eine günstige Lichtsignalanlage die Situation.
-    Durch eine bergseitige Verbreiterung der Fallerbachbrücke können die Schleppkurven für Sattelschlepper verbessert werden.
-    Die alte Passerelle vom Kunsthaus Chur auf dem Weg ins Engadin konnte den Engpass bei Mulegns problemlos passieren.


Rat an das Kulturunternehmen
Origen, das Kulturunternehmen, ist nicht die Ursache der Hausverschieberei. Die Beamten des kantonalen Tiefbauamtes zerbrechen sich schon lange den Kopf über Mulegns. Sie suchten gar mit einem Wettbewerb jüngst einen Weg und wollten dem «Weissen Haus» einen grossen Schnitz abschneiden, damit ein Lastwagen und ein Personenauto kreuzen können. Der engagierte Antritt von Origen, mit Kultur das aussterbende Dorf zu retten, Liegenschaften zu kaufen und für seine Produktionen zu brauchen, liess die Idee des Hausverschiebens wieder aufkommen. Man nutzte die Gunst der Stunde, der Kanton verwarf seine Pläne, bot schnell Hand und sah im Plan, das Haus zu verschieben, endlich eine Lösung. Er hofft, dem Bund 2020 so die Julierstrasse ohne den Knopf von Mulegns zu übergeben. Doch Origen rate ich: 
-    Es ist sinnvoller, die gespendeten Gelder in den Erhalt des Hotel Löwen Mulegns zu investieren, anstatt drei Millionen Franken in die sinnlose Hausverschiebung.
-    Ohne Hausverschiebung ist die Verkehrssicherheit der Besucherinnen und Besucher durch die Geschwindigkeitsreduktion durch den Engpass Mulegns gegeben.
-    Die noch intakte Ortschaft Mulegns wird nicht in Disneyland verwandelt.
-    Das Verschieben von Häusern hat nichts mit Eurem Kulturverständnis zu tun.


Rat an den Kanton Graubünden
Auch der Kanton, das Tiefbauamt und die Strassenbauer können einen Rat des Ingenieurs brauchen: 
-    Es wird Zeit, die noch wenigen intakten Ortsbilder zu erhalten.
-    Es wird Zeit, nicht alles dem Strassenverkehr unterzuordnen.
-    Es wird Zeit, einen sensiblen Umgang mit historischen Verkehrsführungen, Dörfern und der Landschaft zu fördern.
-    Es wird Zeit, rechtzeitig die Naturgefahren zu erkennen und nicht, wie zum Beispiel in Bondo vor vierzig Jahren, mahnenden Stimmen kein Gehör zu geben.
Aus Sicht der Gesellschaft und vernünftig denkender Menschen ist es noch nicht zu spät, diesen Irrsinn zu stoppen und eine verträgliche Lösung zu wählen, die den Anspruch an die Vernunft des Ingenieurs, an die Baukultur und die Kultur erfüllt.

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