Grossstadt im Glattal: Krokodil und/oder Zersiedlung?

Das Krokodil versucht das Unmögliche. Geschickt platziert es das, was in der Stadt ohnehin keinen Platz mehr hat, in die neu-entstehende Nord-Stadt und verleiht ihr somit Bedeutung und Identität. Es lässt aber auch einige Fragen unbeantwortet.

Kommentar von Richard Wolff* zur Grossstadt im Glattal der Architektengruppe Krokodil

Der Norden Zürichs boomt und wird sich weiter entwickeln. So oder so. Die Frage ist nur, wie das Schlimmste – der unstrukturierte und qualitätsarme Brei – vermieden werden kann. Das Krokodil versucht das Unmögliche. Geschickt platziert es das, was in der Stadt ohnehin keinen Platz mehr hat, in die neu-entstehende Nord-Stadt und verleiht ihr somit Bedeutung und Identität: das Universitätsspital, das Polizei- und Justizzentrum des Kantons, einen nationalen ETH Forschungspark, das Kongresszentrum und das Stadion.

Klug baut das Krokodil auf vorhandenen planerischen Grundlagen auf, entwickelt diese weiter und kombiniert sie zu einem cleveren Gesamtkonzept. Klar, dass dieses oder jenes auch anders gedacht und gemacht werden könnte. So scheint mir die Bedeutung des Flughafens klar unterschätzt. Das neue Milliarden-Projekt «The Circle am Flughafen» samt 8000 zusätzlichen Parkplätzen ist dabei nur das letzte Beispiel für die rasante Entwicklung hin zu einer eigentlichen Airport City. Dann würde ich auch gerne Vernetzungskorridore sehen, die mehr sind als grüne Boulevards für die neo-urbanen Zürich-NördlerInnen, nämlich funktionierende ökologische Grünkorridore für Fauna und Flora. Und last but not least fehlt mir die Beantwortung der Frage, wie die gewaltigen Mehrwerte abgeschöpft werden können, die durch die Aufwertung der vorwiegend privaten Grundstücke anfallen werden.

Und ganz zuletzt bleibt schliesslich noch die «kleine» Frage, wie wir einen Bauflächentransfer nicht nur ermöglichen, sondern auch durchsetzen. Denn nur so ist zu garantieren, dass die bauliche Entwicklung der Agglomeration Zürich wirklich auf das Glatttal konzentriert und die Zersiedlung der anderen Kantonsteile vermieden wird. Sonst haben wir am Schluss beides: das Krokodil und die Zersiedlung des ganzen Kantons.

* Richard Wolff ist Koordinator der Überparteilichen Arbeitsgruppe Zürich Nord AGZN und am INURA Zürich Institut für Planungs-, Entwicklungs- und Partizipationsfragen im urbanen Raum zuständig.

Kommentare

Diego Dudli 06.02.2011 23:26
Ich stimme den Aussagen von Richard Wolff grossmehrheitlich zu. In EINEM Punkt allerdings NICHT, nämlich das die genannten öffentlichen Nutzungen mit regionaler, nationaler und internationaler Bedeutung und Ausstrahlung (z.B. Kongresshaus), 'in der Stadt ohnehin keinen Platz mehr haben'. Gerade solche Schlüsselnutzungen tragen zur Bedeutung nationaler und internationaler Metropolen bei. Die Zahl der Einwohner oder der Beschäftigten ist von untergeordneter Bedeutung, hierfür ist Zürich das beste Beispiel (Zürich würde es dabei global nicht mal unter die ersten 1'000 Städte schaffen). Deren Allokation darf weder dem Zufall folgen (halt gerade da wo noch eine Baulücke vorhanden ist) noch einer Metropole (z.B. Zürich) entrissen werden, nur um einem (Glatt)Tal 'Bedeutung und Identität zu verleihen'. Das heisst nicht, das ALLE erdenklichen Schlüsselnutzungen zwingend im Herzen der Stadt Zürich liegen müssen. Meines Erachtens müsste die Metropole Zürich endlich grösser gedacht, geplant und baulich realisiert werden, Stichwort 'Verdichtungsraum Zürich' (also Kernstadt Zürich INKL. deren Entwicklungsräume Glattal UND inkl. Limmattal) per Definition der RZU von 2007. Zentrales Anliegen müsste aber die Siedlungsverdichtung nach Innen sein, dies führt zu höherer Dichte (Nutzung, Verkehr, Kultur, Erlebnis usw.) aber auch Urbanität (Städtebau, Ausstrahlung, Lebensgefühl, usw.). Siehe dazu auch meine Ausführungen zum gleichen Thema an dieser Stelle http://www.hochparterre.ch/nachrichten/hochparterre//post/detail/eine-grossstadt-sauglatt-staedtebaustammtisch-im-glattal/.
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