Einmal wöchentlich ein Markt bringt einmal wöchentlich Leben in eine Altstadt - Beispiel Burgdorf

Gegen das Lädelisterben

Eine Tagung gestern in Biel ging dem Lädelisterben in Innenstädten auf den Grund und hielt vielfältige Informationen zum Thema parat.

«Wir sprechen nicht mehr von Leerständen, sondern von Freiräumen», meinte Christoph Balmer mit einem schlauen Lächeln, «und unser grösster Freiraum ist das Schloss Burgdorf, für das wir jetzt Ideen aushecken». Balmer ist Geschäftsführer von Pro Burgdorf, der Vereinigung Gewerbetreibender, die das Lädelisterben in der Burgdorfer Altstadt in eine Lädeliblüte verwandeln will.
Von Leerständen war oft die Rede an der Tagung «Die Läden ziehen aus – was nun?», zur der die Schweizerische Vereinigung für Landesplanung VLP-Aspan gestern Mittwoch, 28. November, nach Biel gerufen hatte. Schon die stattliche Zahl von 220 Teilnehmenden zeigte: Das Thema trifft ins Schwarze bei vielen Städten und Gemeinden und es gibt noch keine einfachen Antworten. Zu Beginn zeigte Architekt und Raumplaner Urs Brülisauer in seiner Chronik auf, dass das Lädelisterben nicht oder nicht nur hausgemacht ist, sondern dass es oft äussere Umstände auslösen, die an die Städte heranbranden: Zum Beispiel der Ausbau und die Beschleunigung der Mobilität, die wachsenden Verkaufsflächen und die Zentralisierung des Detailhandels, der steigende Wohnflächenbedarf, der Abfluss des Kaufgeschäfts ins Internet. Um das Ruder herumzureissen, hecken Urs Brülisauer und Paul Dominik Hasler mit dem Netzwerk Altstadt für interessierte Städte und Eigentümer pragmatische Rezepte aus: So analysieren sie etwa die Potenziale der alten Häuser oder bringen im «Gassenclub» die Eigentümer und Gewerbler einer Gasse an einen Tisch. Dadurch soll ein eigenständiger, für den Ort passender Prozess ins Rollen kommen.
Einen Reigen von 12 Rednern bot die Tagung, die bis auf wenige Ausnahmen konkret und anschaulich auf das Thema eingingen. Anliefern und parkieren, ausgehen und Lärm, überalterte Bausubstanz, schwache Renditen, revolutioniertes Einkaufsverhalten, teilweise Überreglementierung: Es blieb kaum ein Aspekt der vielfältigen Problematik unerwähnt. Auch versuchten vier Experten die gängigsten Vorurteile zu widerlegen: «Die Detailhandelsketten haben die Zentren ruiniert», oder «Mit der Verkehrsberuhigung begann die Misere», oder «Die Denkmalpflege verhindert die Entwicklung» oder «Die Bürokratie verunmöglicht die Erneuerung». Da und dort waren die Vorurteile allerdings nicht ganz wegzudiskutieren. Im Detailhandel etwa kann man sich stets über die Huhn-und-Ei-Frage streiten: War tatsächlich zuerst die Nachfrage da oder war es nicht das Angebot der Grossverteiler von riesigen Sortimenten in verführerischen 1000 Quadratmeter-Filialen, die nicht mehr in Altstadtliegenschaften zu zwängen sind – und die als Neubauten auf der grünen Wiese viel billiger zu stehen kommen? Doch auf einen Aspekt allein lässt sich die Entleerung des Innenstadt-Gewerbes nie reduzieren. Darum plädierte etwa Urs Blaser vom Städtemarketing Schweiz dafür, dass alle Akteure frühzeitig an einen Tisch sitzen sollten, um einen Wandel gemeinsam in Gang zu bringen. Das Gewerbe alleine sei zu schwach dafür; «der Lead muss unbedingt bei den Städten bleiben, denn der Prozess braucht einen langen Schnauf.» Auch der Schweizerische Gewerbeverband (sgv klein geschrieben) will die Alt- und Innenstädte wiederbeleben helfen und steckt zusammen mit dem Schweizerischen Gemeindeverband (SGV gross geschrieben) in einem Analyse- und Entwurfsprozess, an dessen Ende ein Leitfaden stehen soll. Rudolf Horber vom Gewerbeverband betonte: «Die Revitalisierung der Stadt- und Ortskerne ist ein Beitrag zur sinnvollen Raumordnungspolitik – wir kämpfen damit gegen die Zersiedelung!» Seltsam nur, dass ausgerechnet sein Verband den Abstimmungskampf gegen die Revision des Raumplanungsgesetzes anführt.
Nebst Burgdorf streben auch die Altstädte von Sion, Delémont oder Laufenburg wieder aufwärts; sie wurden als positive Fallbeispiele vorgestellt. Steht in Delémont die Stadtplanung am Ruder und sorgt sich um den angenehmen öffentlichen Raum, vollzieht sich in Laufenburg am Rhein nach Einschätzung des Referenten Leo Balmer fast ungesteuert die Rückeroberung der Altstadt als Wohnstadt – als Altersresidenz, genauer gesagt. Die Art, das Lädelisterben anzupacken, ist also unterschiedlich, aber überall sind Leute mit Leidenschaft und Enthusiasmus für die Innenstädte am Werk. Und manchmal löst es schon etwas aus, wenn man wie Christoph Balmer in Burgdorf nicht mehr von traurigen Leerständen, sondern von aussichtsreichen Freiräumen spricht.

– Netzwerk Altstadt

– VLP-Aspan
– Hochparterre arbeitet mit der VLP an einem Themenheft zu Rezepten gegen das Lädelisterben

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